Der Schnee fällt, die Glocken läuten, die Kerzen flimmern. In den Kirchen scheint die Welt noch in Ordnung, jedenfalls zur Winterszeit, wenn das „Weihnachtsoratorium“ erklingt. Es ist populärer denn je. Und dort am populärsten, wo die evangelische Kirche seit Jahrzehnten unter heftigem Mitgliederschwund leidet: in Berlin. Wer an einem der nächsten Sonntage in Weißensee oder Tegel, in Köpenick oder Wannsee das „Weihnachtsoratorium“ hört, kann Impressionen von intaktem Gemeindeleben ergattern. Aber diese Eindrücke täuschen, die Idylle ist bedroht. Irgendwann könnte die Zahl der weihnachtlichen Aufführungen die der Kirchenmitglieder übertreffen. Glaubt man den demografischen Prognosen, dann wird dieser Zeitpunkt innerhalb von hundert Jahren erreicht sein. Dann würden nur noch Atheisten dem Oratorium aller Oratorien lauschen. Oder auch nicht, denn funktionierende Kirchenchöre wird es natürlich auch nicht mehr geben – ein Szenario, das vor Augen führt, welche Werte hier auf dem Spiel stehen.

Dessen ungeachtet dürften die Aufführungszahlen des Weihnachtsoratoriums weiterhin steigen. Es geht um Musik des großen Johann Sebastian Bach. Rund 50 Teilaufführungen und eine vollständige sind es im Dezember 2010. Um die Nachfrage zu befriedigen oder anzuheizen, gibt es die ersten Konzerte – ähnlich wie Weihnachtsmänner aus Schokolade – schon im November. Allein daran zeigt sich, wie weit wir von jenem Christentum entfernt sind, dessen Rituale für Bachs Zeitgenossen noch selbstverständlich waren. 1734 nämlich, als das „Weihnachtsoratorium“ erstmals erklang, wären Aufführungen an den Adventssonntagen undenkbar gewesen. Der Advent galt als Zeit stiller Einkehr und Buße. Bach achtete darauf, dass die so genannte Figuralmusik, also melodisch oder instrumental besonders reich verzierte Musik, in Leipzigs Kirchen zu dieser Zeit schwieg. Nach langer Askese wurde dann die Geburt Jesu am ersten Weihnachtsfeiertag umso prächtiger begangen.

Bericht und gleichsam Bekenntnis

Johann Sebastian Bach führte die sechs Kantaten des „Weihnachtsoratoriums“ innerhalb von zwei Wochen auf: Teil I am ersten Weihnachtsfeiertag, Teil II am zweiten, Teil III am dritten, Teil IV gab es an Neujahr, Teil V am Sonntag nach Neujahr und den abschließenden Teil VI an Epiphanias, volkstümlich auch Dreikönigstag genannt. Die Aufführungen in der Thomas- und Nicolaikirche, um 7 Uhr und um 15 Uhr beginnend, waren in den liturgischen Tagesablauf eingebunden. Auch dies unterstreicht den Traditionsverlust deutlich: nur Besucher des Gottesdienstes konnten den vollständigen Zyklus hören; an konzertante, das heißt weltliche Darbietungen, wie sie heute die Regel sind, dachte Bach nicht. Für ihn hatte das Oratorium eine unauflösliche Doppelfunktion als Bericht und Bekenntnis. Es sollte zum einen die biblische Geschichte von der Geburt Jesu erzählen, durchaus unter Zuhilfenahme instrumentaler und theatralischer Effekte, zum anderen aber auf die Seele des einzelnen Hörers einwirken und in diesem ein geistiges, geistliches Geburtserlebnis auslösen. Beide Tendenzen bestimmten seit Michael Praetorius (1571-1621) und Heinrich Schütz (1585-1672), den beiden Großmeistern vor Bach, das Verständnis evangelischer Sakralmusik. Nirgends ist dieser Zusammenhang von objektiver Erzählung und subjektiver Erweckung schöner formuliert als in zwei Zeilen des Angelus Silesius: „Wird Jesus tausendmal zu Bethlehem geborn/Und nicht in dir: du bleibst noch ewiglich verlorn.“

Mögen die Kirchenbesucher noch etwas vom ursprünglichen Glaubensimpuls verspüren – die Mehrheit der Konzertbesucher hört heute das „Weihnachtsoratorium“ wie aus großer Ferne, als Erinnerung an eine sagenhaft weit entrückte Epoche unumstößlicher Gewissheit. Die Texte des Oratoriums, an deren Zusammenstellung der Komponist wahrscheinlich mitwirkte, markieren eine kaum noch überwindbare Schranke zwischen Gestern und Heute. Sie sind nicht selten von pietistischem Kitsch durchtränkt. Man denke an „Ach mein herzliebes Jesulein/Mach dir ein rein sanft Bettelein/Zu ruhn in meines Herzens Schrein/Dass ich nimmer vergesse Dein!“ im ersten Teil.

Von Verlustgefühlen begleitet

Das „Weihnachtsoratorium“ führt heute weniger zum Glauben, sondern vielmehr zur wehmütigen, von Verlustgefühlen gekennzeichneten Erinnerung an ihn. Anständige Atheisten, das heißt jene Zeitgenossen, die nicht mehr glauben können, aber das zivilisatorische und kulturelle Erbe des Christentums keineswegs leugnen, anständige Atheisten also erleben das Werk durchaus mit ähnlich großer Rührung wie gläubige Protestanten, Katholiken oder Juden. Obwohl es nicht an Versuchen mangelt, die christliche Botschaft ins humanistisch Spirituelle umzudeuten, muss ihnen Bachs Bekenntnis letztlich unbegreiflich bleiben. Bestenfalls könnte man sich noch zu einem emphatischen Als-ob entschließen im Sinne Immanuel Kants – die biblischen Märchen sind zwar entzaubert, aber aus ethischen Gründen halten wir der Tradition die Treue.

Leider ist sozial-pragmatisches Christentum nicht stark genug, um im entscheidenden Augenblick zu bestehen: im Tod. Bachs „Weihnachtsoratorium“, das doch ein Oratorium der göttlich-menschlichen Geburt sein soll, thematisiert genau diesen Zusammenhang auf geradezu schockierende Weise. Ausgehend von der Beschneidung Christi, die blutige Assoziationen weckt, erscheint im problematischen IV. Teil neben der Krippe das Kreuz. Diese Kantate wurde oft als übergebührliche Darlegung der „Ars moriendi“, der Kunst des Sterbens, gerügt. Allerdings wollte Bach hier nicht die Morbidität verklären, sondern ihren Überwinder Jesus Christus. Befremdlich bleibt Teil IV gleichwohl; er wird am seltensten aufgeführt, und das nicht nur aufgrund der rätselhaften Besetzung mit Hörnern, die in den anderen Kantaten fehlen.

Aber wie erklärt sich nun die enorme, ständig wachsende Popularität des „Weihnachtsoratoriums“? Allein aus der Musik? Sie ist in der Tat gewaltig genug und übrigens auch zärtlich genug; lediglich in der „Echo-Arie“, wiederum Teil IV, rutscht Bach auf das süßliche Niveau der Verse ab. Die großen Chöre, „Jauchzet, frohlocket“ und „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“, inszenieren das Geburtsmysterium und den Sieg Jesu mit maximaler Pracht. Und rufen uns ins Gedächtnis, was wir verloren haben. Ohne Erschütterung geht es dabei selten zu. Kant erklärt, bildlich sehr treffend, das ästhetische Phänomen der Erschütterung aus einem gleichzeitigen Angezogen- und Abgestoßenwerden. Das Paradoxe fasziniert die Menschen, sicher auch noch in hundert Jahren.