Morgenpost Online: Als bekannt wurde, Sie seien der neue Bond, gab es eine beispiellose Häme. Jetzt werden Sie in den Himmel gelobt. Wie erklären Sie sich diesen Wandel?

Daniel Craig: Ich kann das nicht erklären. Es hat mich sehr irritiert und auch persönlich getroffen. Aber da kann man nichts machen, darauf darf man auch nicht reagieren. Das wäre Zeitverschwendung. Und das wollen die doch nur.

Morgenpost Online: Man könnte fast auf die Idee kommen, die Häme sei bewusst lanciert - um umso mehr zu überraschen.

Craig: Glauben Sie mir, das war nicht der Fall. Dafür tat es auch zu weh. Die einzige Reaktion, die mir blieb, war den bestmöglichen Bond zu drehen.

Morgenpost Online: Hat das Ihren Bond noch härter gemacht - um es allen zu zeigen?

Craig: Oh nein. Darüber haben wir schon sehr viel früher nachgedacht, wie man einen neuen Bond kreieren kann.

Morgenpost Online: Stimmt es, dass Sie erst mal ein Drehbuch lesen wollten, bevor Sie zustimmten?

Craig: Absolut. Ich kann einfach keine Rolle akzeptieren, ohne zu wissen, worauf ich mich einlasse.

Morgenpost Online: Hatten Sie Angst vor der großen Erbschaft? Vor dem drohenden Vergleich mit all Ihren Vorgängern?

Craig: Nicht Angst. Aber natürlich muss man sich drauf einstellen. Da ist eine Film-Ikone, da sind 40 Jahre Filmgeschichte. Und jeder hat dieser Serie etwas gegeben. Das zu ignorieren, wäre dumm. Aber ich habe dann nicht länger darüber nachgedacht und mein Ding durchgezogen.

Morgenpost Online: Einmal Bond, immer Bond - sind Sie darauf vorbereitet, ein Leben lang so gehandelt zu werden?

Craig: Hm, es könnte einem schlimmeres passieren, oder?

Morgenpost Online: Sie könnten der Böse sein.

Craig: Ich bin böse. Das ist ja der Knackpunkt. Bond bringt Leute um, er verrichtet einen dreckigen Job. Er kriegt den Bösen am Ende, das ist das einzige, was ihn vom ihm unterscheidet. Ansonsten sind sie sich sehr ähnlich. Das finde ich einen sehr spannenden Ansatz.

Morgenpost Online: Ist es einfacher, Bond zu werden mit einem Film, in dem Bond selber erst zu Bond wird?

Craig: Definitiv. Sonst hätte ich die Rolle wohl nicht angenommen. Die Figur musste sich wandeln, die Zeit war einfach reif dafür. Nicht ändern. Aber er musste wieder menschlicher werden. Darin besteht die Dramatik, und das macht meine sonstigen Rollen aus: einen Menschen zu zeigen.

Morgenpost Online: Sie haben einen Vertrag über zwei weitere Bond-Filme. Wird Bond denn anders bleiben - ohne technischen Schnickschnack. Oder wird er jetzt, das die Vorgeschichte erzählt ist, der klassische Bond?

Craig: Ich hoffe, wir können das Konzept durchhalten. Man muss jetzt einfach mal schauen, wie das an der Kinokasse funktioniert. Aber ich finde, die Welt ist momentan schon sehr james-bondig. Wir hatten einen U-Bahn-Anschläge in London, wir haben aktuell einen Vergiftungsversuch in einem Sushi-Lokal. Die Wirklichkeit ist oft seltsamer als die Fiktion. Die Spielereien eines Q sind da gar nicht mehr nötig.

Morgenpost Online: Wie haben Sie reagiert, als Sie erfuhren, dass Sie Bond sind?

Craig: Ich sagte „Danke“ und legte auf.

Morgenpost Online: Mehr nicht?

Craig: ¿ und dann hab ich mich betrunken. Ich stand gerade im Supermarkt und überlegte: Willst du Fisch oder Steak, als Barbara Broccoli anrief und sagte, ich hätte den Job. Ich bin dann stracks in die Getränkeabteilung und hab den besten Wodka gekauft, den es gab. Und der war nicht billig.

Morgenpost Online: Sie haben viele Arthaus-Dramen gedreht. Haben Sie Angst, jetzt auf den Action-Typen reduziert zu werden?

Craig: Ich glaube, ich bin nicht der Typ, den man so einfach in eine Schublade stecken kann. Das hieße ja auch, das alles, was ich bislang getan habe, nichts bedeuten würde. Ich sehe es eher positiv. Ich bekomme jetzt eine Menge Drehbücher, und einige sehr gute. Ich spiel jetzt natürlich keinen anderen Agenten, ich wär ja blöd. Es sei denn, es wäre ein geniales Script. Dann würd ich’s tun.

Morgenpost Online: Haben Sie denn noch Zeit für andere Filme?

Craig: Im Überfluss. Ich beginne auch gleich morgen den nächsten, „The Golden Compass“ be mit Nicole Kidman und Eva Green.

Morgenpost Online: Eva Green sagt als Ihr „Bond-Girl“ den wunderbaren Satz: „Nehmen Sie den nächsten Lift. In diesem ist nicht genug Platz für mich und Ihr Ego.“ Wie viel Ego muss man haben, um Bond zu sein. Und wie viel Ego verliert man dabei?

Craig: Ich hatte einmal ein langes Gespräch mit den Produzenten Barbara Broccoli und Michael Wilson: Was immer ihr mit mir vorhabt, in jedwedem Stadium des Films, dann sagt es mir. Ich hab viele Filme gemacht. Nicht in dieser Größenordnung, aber ich kenne das Geschäft. Andererseits: Zu viel Eigensinn verhunzt Filme. Ego ist der Feind der Kunst.

Morgenpost Online: Was geschah mit Ihrem Ego, als Sie den magischen Satz sagten. Sie wissen schon: „Mein Name ist¿“

Craig: Ich habe es an jenem Tag gesagt, als wir drehten, und seither nicht mehr. Ich werde es auch erst wieder beim nächsten Film sagen.

Morgenpost Online: Sind Sie mit Bond aufgewachsen? Hatten Sie, wie so viele, den Buben-Traum, einmal zu werden wie er?

Craig: Gott ja, ich hab sie alle gesehen. Das ist wohl so eine Männerkiste. Aber als Bub hab ich mir vieles vorstellen können.

Morgenpost Online: Und als Schauspieler?

Craig: Als Schauspieler nie. Aber als Bub wär’s mir auch nie eingefallen, Schauspieler zu werden.

Morgenpost Online: Ihr Bond ist physischer als alle anderen zuvor. Wie anstrengend war der Film zu drehen?

Craig: Wahnsinnig. Das war wie zwei Filme auf einmal. Ich habe es manchmal gehasst, wenn morgens um 5.15 Uhr der Wecker klingelte. Meine Freundin musste mich manchmal aus dem Bett schubsen. Aber das verdrängt man. Jetzt vermisse ich’s. Muss mit dem Adrenalin zu tun haben. Ich bin süchtig danach.