Es ist eine durch und durch englische Geschichte, die der lange Zeit in Hollywood tätige Australier Roger Donaldson in „Bank Job“ erzählt. Und das heißt erst einmal, dass er den Betrachter Schritt für Schritt tiefer in ein nahezu undurchdringliches Geflecht von widerstrebenden Interessen und sich überlappenden Geheimnissen hineinführt.
In einer Welt, deren Lauf von den Eskapaden der Königsfamilie, den Machenschaften der Geheimdienste, den sexuellen Obsessionen der Politiker, der Gier der Polizisten und den Allmachtsphantasien der Zuhälter und Pornografen bestimmt wird, muss jeder irgendwie sehen, wo er bleibt. Moralische Prinzipien und die Wahrheit können dabei nur auf der Strecke bleiben.
Von seiner ehemaligen Freundin Martine (Saffron Burrows) lässt sich der Autohändler und Ex-Ganove Terry Leather (Jason Statham) zu einem für seine Verhältnisse geradezu irrsinnigen Coup anstiften. Zusammen mit einigen Freunden und Bekannten, die alle auch nur Kleinganoven und Amateure sind, gräbt er einen Tunnel, der sie direkt in den Tresorraum einer eigentlich eher unscheinbaren Bank in der Bank Street führt. Doch die Beute, die sie aus den Schließfächern holen, übertrifft selbst ihre größten Erwartungen.
Bis zu dem Moment, in dem Terry und seine Spießgesellen den Tresorraum wieder verlassen, erzählt Donaldson die Geschichte dieses Bank Jobs fast wie ein Märchen. Man denkt ständig an all die eher komödiantischen Einbrecher-Filme, die in den letzten Jahren in Steven Soderberghs „Ocean’s“-Serie gipfelten. Nur konnte Terry 1971 noch nicht auf die ganzen technischen Spielzeuge zurückgreifen, die Danny Ocean und seinen Freunden zur Verfügung stehen. Sein Raubzug ist noch ‚Handarbeit’ und hat damit eine nostalgische Note, die den märchenhaften Charakter der Ereignisse noch weiter verstärkt.
Aber dann schlägt der Ton plötzlich radikal um. Man wusste schon vorher, dass Terry und die anderen in Wahrheit an den Fäden von MI6-Agenten hängen. Doch das ganze Ausmaß der Verstrickungen offenbart sich erst, als den Bankräubern bewusst wird, was sie neben dem Geld und den Juwelen noch erbeutet haben. Zum einen ist da ein äußerst kompromittierendes Foto von Prinzessin Margaret, hinter dem der Geheimdienst her ist. Zum anderen haben sie das Schließfach einer überaus erfolgreichen Bordellbesitzerin ausgeräumt, die ihre reiche und mächtige Klientel, zu der neben einigen Lords auch viele Abgeordnete zählen, mit Fotos und Filmen erpresst.
Englands Abgründe
Weitaus gefährlicher für Terry und seine Gang ist allerdings, dass ihnen außerdem noch ein Notizbuch in die Hände gefallen ist, in dem der Gangsterboss Lew Vogel (David Suchet) jede seiner Zahlungen an Polizisten verzeichnet hat. Und das will der König eines Nachtclub- und Pornoimperiums um jeden Preis zurückbekommen. Dafür schreckt er auch vor Folter und Mord nicht zurück. Donaldson bringt die Brutalität, mit der der zunächst eher unscheinbare ältere Mann vorgeht, fast schon beiläufig ins Spiel. Man kann erst gar nicht glauben, in welche Richtung sich diese Geschichte auf einmal entwickelt.
Von diesem Schock erholt man sich bis zum Ende des Films nicht mehr wirklich. Er offenbart den immensen Abgrund, der für Donaldson zwischen dem äußeren Schein und der eigentlichen gesellschaftlichen und politischen Realität im England der frühen siebziger Jahre lag. Die nach Außen hin so vorbildliche englische Demokratie erweist sich in diesem doppelbödigen Szenario nicht nur als von Grund auf korrupt. Man ahnt zugleich, dass sie letztlich alleine auf der Basis von Lügen und geheimen Machenschaften noch funktionieren kann.
Einen illusionsloseren Blick kann man kaum auf diese so zentrale Epoche in der neuesten britischen Geschichte werfen. In ihr wurden auch die Weichen für den nordirischen Bürgerkrieg und die spätere Thatcher-Ära gestellt. Und die Mechanismen, die dabei jeweils griffen, waren die gleichen, die Donaldson anhand dieses einzigartigen Bankraubs offen legt.




