CD "Femme Fatale"

Britney Spears kann aus Nichts große Kunst machen

Eine Künstlerin verschwindet: Britney Spears tritt mit ihrem hervorragenden Album "Femme Fatale" in die post-authentische Phase ein.

Die Arbeit an ihrem neuen Album soll sehr intensiv gewesen sein: Bevor sie ins Studio ging, hat Britney Spears sich jedes einzelne Lied, das man ihr zur Aufnahme vorgelegt hat, ganz genau angehört. Zwar zeigt sie weiterhin keinerlei Ambitionen, als Songschreiberin aktiv zu werden oder wenigstens eine kleine musikalische Idee einzubringen, aber niemals würde Britney Spears ein Lied veröffentlichen, das ihr nicht gefällt. Soviel künstlerischer Eigensinn muss sein.

"Femme Fatale" hat Spears das neue, von ihr hervorragend kuratierte Werk genannt – wobei der Begriff femme fatale im Zusammenhang mit Britney Spears vollkommen unpassend scheint und man sie sich auch nur schwer als Kuratorin vorstellen kann.

Seit ihrem elften Lebensjahr steht sie auf der Bühne, mit fünfzehn unterschreibt sie ihren Plattenvertrag, mit siebzehn ist sie ein Weltstar - was offenbar nicht immer ein angenehmer Zustand ist. 2007 kommt es zum Zusammenbruch. Britney rasiert sich eine Glatze, zeigt sich wiederholt ohne Unterwäsche in der Öffentlichkeit und absolviert drei Entziehungskuren in nur fünf Wochen. Danach taucht sie ab.

Wenn Britney im Dezember dieses Jahres ihren dreißigsten Geburtstag feiert, kann sie sich dazu beglückwünschen, ohne nennenswerten Erfolgsverlust, so weit es geht, aus ihrer eigenen Karriere verschwunden zu sein. Die Vorabsingle "Hold It Against Me" stand in den USA wochenlang auf Platz eins, bei Twitter hat sie nach Lady Gaga und Justin Bieber die meisten follower.

Die Person und die Künstlerin Britney Spears führen mittlerweile eine Art freundschaftliche Fernbeziehung. Nur wenn sie ins Studio geht oder Konzerte gibt, kommt es noch zu flüchtigen Begegnungen, da winken sie einander zu. Die Stimme hält dann beide Teile zusammen, auch wenn Britney natürlich niemals live singt und das, was man in ihren Stücken hört, nur bedingt wie ihre eigentliche Stimme klingt.

Gefiltert und gestreckt

Die dreizehn Produzenten und 27 Songschreiber, die mit den insgesamt zwölf Stücken befasst waren, haben sich alle Mühe gegeben, jeden individuellen Ausdruck aus ihrem Vortrag zu tilgen. Da wird gefiltert, gestreckt und gestaucht, gedoppelt, zerstückelt, gehechelt.

Selbst Melodien kommen oft nur durch den Einsatz von Effektgeräten zustande. Kein Mensch mit einem simplen Mikrofon in der Hand wäre in der Lage, diese Art von Gesang zu reproduzieren. Wie schön für Britney, dass sie das nicht mehr muss.

Ihre Karriere lässt sich in drei verschiedene Phasen einteilen. Die erste, die mit ihrem Welthit "... Baby One More Time" beginnt, ist von dem Versuch geprägt, dem Schulmädchen-Image aus dem dazugehörigen Video zu entsprechen: bis in die letzte Faser durchsexualisiert, aber dabei stets gottesfürchtig und keusch. Als idealtypisches All American Girl muss sie es so unterschiedlichen Zielgruppen wie Müttern, Vätern, Töchtern und Söhnen recht machen.

Zur Begehrlichkeitssteigerung hält es ihr Management für eine gute Idee, Britney als Jungfrau zu vermarkten. Verständlicherweise gibt es mit der Zeit Glaubwürdigkeitsprobleme, zumal Britney Spears zu dieser Zeit längst mit ihrem Kollegen Justin Timberlake zusammen ist - was die Vorstellung einer sexuell enthaltsamen Lebensweise erst recht abwegig erscheinen lässt.

Ohne Text und Tanzschritte

Phase zwei beginnt am 9. September 2007 bei den MTV Video Music Awards in Las Vegas. Britney soll ihre Single "Gimme More" erstmals der Weltöffentlichkeit präsentieren, dummerweise vergisst sie bei dieser Gelegenheit den durchaus überschaubaren Text ("Gimme gimme more / Gimme More / Gimme gimme more"). Bei der Suche nach dem Text vergisst sie wiederum die Tanzschritte und findet ohne Text und Tanzschritte unerwarteterweise zu sich selbst und erkennt: Es geht auch ohne.

Der Videomitschnitt des missglückten Auftritts ist auch heute noch ein Ereignis. Zwar macht Britney einen herausragend jämmerlichen Eindruck, doch wem es im Popgeschäft gelingt, ein derart überzeugendes Bild sittlich-moralischer Verwahrlosung zu geben, der darf sich der Bewunderung der Massen sicher sein.

Kurz darauf erscheint ihr sensationelles Album "Blackout", das den Ausnahmezustand bereits im Titel trägt. Ihre Songschreiber verpassen ihr wunderbar sorglose Dancepop-Songs über die Zumutungen des Superstar-Daseins und die Freude an Ausschweifungen aller Art. Plötzlich wirkt Britney Spears so authentisch wie nie zuvor - ein Zustand, der auch zum nächsten Album hinübergerettet werden soll.

Weil ihr Leben ein einziger Zirkus ist, trägt es den Titel "Circus", doch schon bei der dazugehörigen Tour macht sich bemerkbar, dass Spears langsam verschwindet. Zwischen all ihren Tänzern ist sie allein daran zu erkennen, dass sie als Star des Abends nachlässiger und auch ein wenig desinteressierter tanzt.

Post-authentische Phase

Doch erst mit ihrem siebten Album "Femme Fatale" tritt Britney Spears jetzt in die dritte, ihre post-authentische Phase ein. Die Pet Shop Boys haben in ihren Liedern die Bedeutung der Oberfläche besungen, in Lady Gagas "Paparazzi" heißt es: "We are plastic, but we still have fun" ("Wir sind aus Plastik, aber wir haben trotzdem Spaß"), doch an derlei Dinge verschwendet Britney Spears nicht einmal einen Gedanken.

Auf "Femme Fatale" gibt es auch keine Idee, keinen interessanten Bezug, keinen Kontext, nichts. Spears, die von sich sagt, dass sie nicht mehr tanzen geht, singt in den meisten Liedern davon, dass sie sehr gern tanzen geht. Was aber kein Widerspruch sein muss, weil Widerspruch hier eine Sinnhaftigkeit voraussetzt, die nicht einmal im Ansatz existiert.

Die musikalische Bandbreite reicht von effektivem, aber wenig anspruchsvollem Großdiskotheken-House bis zu dem gefürchteten Eurotrash der Venga Boys. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Art von Musik besonders auf Jahrmärkten in Autoscooter-Nähe ihre volle Wirkung entfaltet.

Ein Stück bricht nach etwa zwei Minuten dramatisch in sich selbst zusammen, was wohlmeinend als Dubstep-Einfluss gewertet werden kann. In einem anderen Stück gibt es eine Panflöte. Die beste Zeile des Albums hat sich Will.I.Am von den Black Eyed Peas für sie ausgedacht: "I could be your trouble, baby / You could be my bass" lautet sie, "Ich könnte dein Ärger sein und du mein Bass" - auch wenn nur schwer zu ermessen ist, was das nun wieder heißt.

Seit Jahrhunderten arbeiten Künstler daran, im Werk ihr Innerstes nach außen zu kehren, doch Britney zieht es vor, schulterzuckend daneben zu stehen - so radikal teilnahmslos wie kein anderer Künstler zuvor. Etwas ist da, und sie ist auch da, und offenbar gehört beides irgendwie zusammen.

Man könnte sich fragen, ob sie sich dadurch nicht austauschbar macht, Gleichgültigkeit ist schließlich keine seltene Gabe und auch an Talentarmut besteht kein Mangel. Würde ein Britney-Spears-Album also auch ohne Britney funktionieren?

Wohl nicht. Denn ihre ganz unstrategische, desinteressierte, vollkommen nichtige und letztlich inhaltsleere Art der Kunstvermittlung gibt einem Werk wie "Femme Fatale" erst die nötige Basis. Auch die post-authentische Phase kommt also vorerst nicht ohne einen letzten Hauch Identität aus. Doch wer weiß, höchstwahrscheinlich arbeitet Britney bereits daran, endgültig aus ihrem Werk zu verschwinden. Es wäre nur konsequent.

Britney Spears' "Femme Fatale" (Sony)