Der alte Aufnahmesaal des Rundfunks der DDR in der Nalepastraße gehört zu den besten Orten, an denen man in Berlin ein akustisches Konzert veranstalten kann. Doch in letzter Minute haben es sich Mando Diao dann doch anders überlegt. Ihr MTV-Unplugged-Auftritt wurde Anfang September dieses Jahres in den Studios der Union-Film in Tempelhof aufgezeichnet.
Die Band aus Stockholm betrachtet Berlin als ihre zweite Heimat. Sie hat keine Mühen gescheut und die Bühne vollgestopft mit persönlichen Memorabilien: abgewetzte Lederjacken, Fotos, technische Gerätschaften – sogar eine alte Urkunde über einen Schlagzeugkurs ist zu entdecken. Im Publikum herrscht gespannte Erwartung. 400 Hardcorefans hatten das Glück, eines der begehrten Tickets zu ergattern. Nach dem Konzert werden kleine Rock'n'Roll-Mädchen nach diesem Opa auf der Bühne fragen. Es ist kein Geringerer als Ray Davies (66), Gründer der legendären Kinks und einer der Paten des Britpop. Einer von Davies' Leitsätzen lautet: Die in der Welt des Rock'n'Roll ihre Klappe am weitesten aufreißen, kriegen die größte Aufmerksamkeit.
Ein Erfolg der Musikförderung
Die fünf Jungs von Mando Diao aus der Kleinstadt Borlänge in der schwedischen Provinz sind mit der Musik der Oasis-Gallagher-Brüder aufgewachsen. Ergo haben sie die große Inszenierung mit der Muttermilch aufgesogen. Wer öffentlich behauptet, seine Platten seien besser als alles von The Who, den Kinks oder den Smalls Faces, gerät schnell in den Verdacht, größenwahnsinnig zu sein. Aber der Erfolg gibt ihnen recht. Mando Diaos letztes Album „Give Me Fire“ mit seinen tanzbaren Ohrwürmern sprang in Deutschland direkt auf die Eins. Die Jugend lechzt scheinbar nach authentischem Rock'n'Roll. Daheim in Schweden erreichte man bloß die zweite Position. Das Quintett um die beiden perfekt harmonierenden Sänger und Gitarristen Björn Dixgård und Gustaf Erik Norén stilisiert sich selbst gern zu bösen Buben, zu Symbolen der Dekadenz, die den aalglatten Popstars von heute gegenübersteht.
Während 2002 in Deutschland der Castingwahn ausbricht, gehen die Schweden die musikalische Nachwuchsförderung kreativer und vor allem nachhaltiger an. Dort gibt es eine vorbildliche Unterstützung von Seiten des Staates für Musiker, aber Hauptgrund für die vielen guten Rockbands ist wohl eher die unglaubliche Langeweile, die junge Menschen dort in endlosen Wintern befällt. Paradebeispiel für den Erfolg der schwedischen Musikförderung ist Mando Diao. Sie hat letztendlich dafür gesorgt, dass diese Band nicht als Eintagsfliege endete, sondern zu einem ernst zu nehmenden Kulturexport heranwuchs.
2001 verschafft ihnen der ebenfalls aus Borlänge stammende MTV-Moderator Tommy Gärdh einen Plattenvertrag bei EMI und übernimmt das Management. Der Name Mando Diao hat übrigens keine Bedeutung, ein Gnom soll ihn Bandgründer Björn Dixgård im Traum zugerufen haben. Manager Gärdt schickt seine Schützlinge auf Ochsentour. Sie sind sich anfangs nicht zu schade, in halbvollen deutschen Clubs aufzutreten. Mando Diao reüssieren in Chicago, New York, San Francisco, Seattle, beim Coachella-Festival in Kalifornien und beim South-By-Southwest-Branchentreff in Texas.
Auf diese Weise erspielen sie sich international einen Ruf als exzellenter Live-Act. Nur von England sind die Schweden maßlos enttäuscht. Dort müssen sie ihr persönliches Waterloo erlebt haben. „England ist die Hölle“, sagt Dixgård. Ihr ungeschliffener, dreckiger Rock'n'Roll ist erwachsener, reifer, runder und melodiöser geworden. Geblieben sind jedoch die rotzigen, von den Rolling Stones und Oasis inspirierten Gitarrenriffs. Man hört sie auch auf dem neuen Album „MTV Unplugged – Above And Beyond“, dessen DVD-Version in drei Wochen in die Läden kommt. Ein MTV-Unplugged-Konzert geben zu dürfen, kommt immer noch einem musikalischen Ritterschlag gleich. Mando Diao ist die erste ausländische Band, die für die deutsche Sparte des Musiksenders die Stecker zog und die letzte, die noch frei empfangbar zu sehen sein wird. Ab Januar setzt MTV voll auf kostenpflichtige Digitalkanäle. Hits wie „Dance With Somebody“, „Down In The Past“ und „Gloria“, rare B-Seiten, Coverversionen und unveröffentlichte Songs wurden auf ein akustisches Klangbild umarrangiert. Nur ihre größten Erfolge stromlos abzuspulen, wäre den Musikern zu langweilig gewesen.
Hierbei würden sie an Dynamik verlieren. „Wir wollten auf keinen Fall die ganze Zeit sitzen“, betont Björn Dixgård beim Interview im Universal-Headquarter an der Stralauer Allee. „Deshalb haben wir vier Hintergrund-Räume entworfen, die die verschiedenen Stufen unsere Karriere symbolisieren. Es sollte mehr wie ein Film aussehen als wie ein Konzert.“
Eine dreckige Garage ist vollgestellt mit alten Kassettenrekordern und allerlei Zeugs. Eine Lounge steht für das bisschen Luxus, den sie ab und zu sehen. Es gibt ein Schlafzimmer und auch ein Wohnzimmer, in dem sie ihre Gäste empfangen: Hollywood-Star Juliette Lewis, Ray Davies von den Kinks und ein Streichquartett.
Die große Entdeckung des Albums ist US-Newcomerin Lana Del Rey, die ihre verführerische Lolita-Stimme zum jazzigen „Chet Baker“ beisteuert. „Wir wollten Leute einladen, die wirklich Lust auf uns hatten und nicht nur wegen des Geldes dabei sind“, erzählt Bassist Carl-Johan Fogelclou. „Warum sollten wir Snoop Dogg für 35000 Dollar einfliegen lassen, damit er geschäftsmäßig ein paar Zeilen rappt? Das würde den Rock'n'Roll töten.“ Die Frage, ob man mit akustischen Gitarren überhaupt ernsthaft rocken kann, stellte sich der Band nicht. „Man muss sich nur einmal Jimi Hendrix' Unplugged-Fassung von ‚All Along The Watchtower' anhören, die er vor 40 Jahren gemacht hat“, rät Fogelklou. „Auch mit einer akustischen Gitarre kannst du schwere, pulsierende Rhythmen spielen.“
Die Band wollte nach Berlin
Dennoch stellte dieses Projekt Mando Diao auf eine harte Probe. Bei elektrischen Konzerten haben sie stets einen Wall of Sound im Rücken, der Fehler und Störungen kaschieren kann. Unplugged fühlten sie sich dagegen richtig nackt. „Alles ist kristallklar und das Publikum kann dir direkt in die Seele blicken“, erzählt Sänger Dixgard. „Eine Stunde vor der Premiere schlotterten mir wahnsinnig die Knie.“ Dass sie sich von legendären „MTV-Unplugged“-Künstlern wie Nirvana, Eric Clapton, Neil Young, Oasis oder Bob Dylan haben beflügeln lassen, geben die selbstbewussten Schweden nicht gerne zu. Eine Inspiration sei dagegen ihr eigenes „Never Seen The Light Of Day“-Album von 2007 gewesen, bei dem sie zum ersten Mal auf verzerrte Gitarren verzichteten. Die „MTV Unplugged“-Reihe ist eigentlich strengen Regeln unterworfen: Kein Strom, keine Showeffekte, Musiker wie Publikum müssen sitzen.
Dass Mando Diao „MTV Unplugged“ ausgerechnet in Berlin realisiert haben, ist kein Zufall. „Das ist eine hoffnungsvolle Stadt mit einer inspirierenden Atmosphäre“, findet Björn Dixgård. „Vergiss London und Paris, Berlin ist die kochende Metropole Europas. Ein Musiker findet hier alles, was er braucht.“





