Deutscher Musikpreis

Ina Müllers grandios peinlicher Auftritt beim "Echo"

Grand-Prix-Siegerin Lena Meyer-Landrut und die Band Unheilig waren die Abräumer des Abends. Ansonsten feierte die Branche sich mal wieder selbst.

20 Jahre Echo - man könnte solch ein Jubiläum feierlicher angehen. Pompöser, glamouröser, bedeutungsschwerer. Stattdessen prägte die Verleihung des größten deutschen Musikpreises vor allem der Stil ihrer Moderatorin: Ina Müller. Sie ist ein bisschen laut, ein bisschen chaotisch, oft schräg, manchmal peinlich. Insgesamt aber: frech und erfrischend.

In Tagen, in den die Musikbranche eher über illegale Downloads klagt als sich über verkaufte Platten zu freuen, erinnert man sich an das gestern – die goldenen Neunziger. Wie damals stehen auch diesem Abend die Jungs von Take That auf der Bühne, wie damals stehen kreischende Mädchen am Bühnenrand. Grauer und bärtiger sind die Herren aus England geworden und doch hätten sie sich wohl auch stumm auf die Bühne stellen können, um diesen Preis zu bekommen: „Beste Band International.“

Preise wie zu erwarten

Erwartbar ist dieser Preis, so wie erwartbar war, dass Lena die beste Newcomerin und beste Sängerin werden würde, Unheilig nach gleich sieben Nominierungen zumindest mehrere Preise einsammeln und Ina Müller immer wieder dazu singen würde. Trällernd erscheint die Moderatorin schon zu Beginn der Show in der Halle, stolpert in ihrem unpraktischen Kleid singend bis zur Bühne. Wie sie in dieser unvorteilhaften Robe für den Rest des Abends noch eine so gute Figur machen konnte – auch dafür gebührt ein Extra-Applaus.

So schräg die Besetzung Ina Müller für eine solch pompöse Gala zunächst wirkt, so erfrischend ist ihr Auftritt. Statt eleganter Überleitungen quatscht sie dazwischen, räkelt sich auf dem Schoß von Musikproduzenten, schmiert ihrem Co-Moderator Sahnetorte ins Gesicht und verabredet sich mit Robbie Williams zum Quickie – mehr als sie traut sich an diesem Abend niemand auf der Bühne.

Rammstein dankt Energiekonzern

Als die Toten Hosen 1994 ihren ersten Echo bekamen, nahmen sie eine Papiermülltüte mit auf die Bühne, um den verhassten Preis des „Establishments“ sofort zu entsorgen. Man war Punk, man war dagegen – ein politisches Statement in Richtung Musikindustrie.

Auch an diesem Abend gibt es ein Statement, ein kleines, leises, der sonst so lauten Gruppe Rammstein: „Sowas kann passieren, wenn man das Publikum wählen lässt“, murmeln sie emotionslos ins Mikrofon, um dann noch einen Dank loszuwerden: „Wir wollen uns bedanken bei – Vattenfall. Sonst wär’s hier dunkel.“

Das war’s dann auch schon mit Politik, Trost will man an diesem Abend suchen, hatte Ina Müller angekündigt, Atomunfall und Krieg vor den Hallentüren der Berliner Messe lassen. Das gelingt – zumindest über weite Strecken.

Es war ein heiteres Familientreffen

Kein Pathos, sondern munterer Rück- und Ausblick: So scheint das Konzept an diesem Abend, die Musikbranche hat zum Familientreffen geladen. Da tritt ein Til Schweiger im Pullover auf, Herbert Grönemeyer mit den Händen in den Taschen. Kai Pflaume schockt Ina Müller mit der Andeutung, sie bekäme gleich einen Heiratsantrag – „nicht hier“, fiepst die plötzlich völlig nervös und der Chefkuppler hat Erbarmen.

Große Gefühle gibt es dann stattdessen in Erinnerung an den großen Peter Alexander. Auf dem Schifferklavier begleitet, singt Ina Müller ein Lied für ihn, Freunde und Wegbegleiter erinnern sich an den großen Sänger und Entertainer. Auch Annette Humpes Auftritt macht Gänsehaut: Die öffentlichkeitsscheue Sängerin wird für ihr Lebenswerk geehrt und kommt fast schüchtern auf die Bühne.

Selbstbewusst nimmt dagegen Andrea Berg einen weiteren Schlager-Echo entgegen und nutzt die Gelegenheit, ihrem Ärger Luft zu machen: „Würdet ihr den Schlager wirklich ernst nehmen, hätte er drei Kategorien – wie die anderen Sparten auch“, schimpft sie und wirkt wie die Stiefschwester der Musikfamilie, ein Außenseiter der auf dem Fest schlechte Laune verbreiten will.

Lena lacht und hüpft

Die aber lassen sich die Gäste nicht so leicht einreden. Als sei die Schlagerkönigin nichts weiter als ein weiterer Castingzögling von Dieter Bohlen, lassen sie die nörgelnde Sängerin links liegen – im Mittelpunkt steht der Glücksbringer für die nächsten Wochen: Lena, das Mädchen aus Hannover, das mit seinen gerade mal 19 Jahren unglaublich tough auf die Bühne rennt, um sich sichtlich überwältigt für die Auszeichnung zu bedanken: „Mein Herz klopft, meine Hände zittern.“

Lacht und springt wieder von der Bühne – ganz so, wie es an einem Abend wie diesem angemessen erscheint.