Neues Spears-Album

Britney, die Puppe aus der Bauchnabelfrei-Gruppe

Heldin des White Trash: Mit "Femme Fatale" vertont Britney Spears Bedeutungslosigkeit – funktional und brillant.

Es muss grauenhaft sein, ein Popstar zu sein. Was man auch macht, Lady Gaga ist einen Schritt voraus. Journalisten weltweit würden ein Gespräch mit ihr selbst einem mit der toten Lady Di vorziehen. Und wenn Gaga bei Madonna klaut, heißt es nur, es sei eine Hommage.

Man steht in Ton- und Fernsehstudios und weiß, da kann man einfach nicht mithalten. Allerdings gehen an Ambitionen und Selbstkritik meist nur feinsinnige Menschen zu Grunde. Und damit ist zumindest Britney Spears außen vor. Denn Feinsinnigkeit ist etwas, das man der Prinzessin des Pop nie nachsagte. Alles, was sie möchte, ist: einzigartig zu sein.

Sie ist zufrieden im Bedeutungslosen

Ihr siebtes Album, „Femme Fatale“ knüpft ebenso locker wie unerwartet an die großen Zeiten früherer Werke an. Nach dem hervorragendem Album „Blackout“, das 2007 in Britneys Taumeln zwischen Saufen und Sittenwidrigkeiten entstand – eine Tragödie samt Glatzenfotos und Sorgerechtsverlust für ihre Kinder und letztlich auch für die eigene Person – gelang 2008 die Wiederauferstehung mit „Circus“.

Das Schulmädchenimage konnte zwar nicht wieder hergestellt werden, doch das verschmierte Make-up stand Britney ebenso gut.

Nun hat sie es sich in der Bedeutungslosigkeit bequem gemacht. Was allerdings nicht Erfolglosigkeit bedeutet. Im Gegenteil. In einem Land, das den Drogenwahnsinn eines Charlie Sheen in den Nachrichten bespricht und orangegebräunte Darsteller der Reality-Soap „Jersey Shore“ verehrt, hat auch eine Britney ihren Platz: Sie ist die Heldin der White Trash-Reality. Unselbstständig, übergewichtig und jeder Ironie vollkommen unverdächtig.

Britney, die selbstbewusste Puppe

Ihr Erfolg aber liegt nicht in Talent und Arbeit begründet: Es ist ein Erfolg ohne Eigenleistung und Metaebene. Nicht ohne Grund lässt MTV im März Spears und DJ Pauly D aus „Jersey Shore“ zusammen in Las Vegas auftreten.

Die Überschneidungen: Beide funktionieren innerhalb ihrer Fähigkeiten für ihr eigenes soziales Umfeld genauso wie beim anspruchsvolleren Popkultur-Fan. Kein referenzieller Aufbau bedeutet eben auch keine Verfänglichkeit. Man mag das authentisch prollig nennen, oder einfach nur: Unterhaltung auf variablen Ebenen. Das Unverständnis darüber genügt schon als Ansporn zum Fantum.

Das ehemalige „Disney Club“-Mädchen Britney Spears, das noch immer beachtliche Verkaufsrekorde hält, tut gar nicht erst so, als sei sie ?eine Künstlerin. Wer braucht schon Referenzen zu Warhol? Nicht Britney. Sie ist die selbstbewusste Puppe, deren große Leistung darin besteht, kaum eigene zu vollbringen.

Dance-Pop für die Fitnessstudios

Das muss man auch als Befreiung verstehen. Und als Erfüllung von Dance-Pop, dem großen Nichts. Nach dem ersten Hören könnte man das Album also weglegen. Aber man würde sehr viel verpassen, denn so perfekt ist die Bedeutungslosigkeit des Dance-Pops selten vertont worden.

Dr. Luke und Max Martin heißen die Produzenten, mit denen Britney für dieses Album zusammen gearbeitet hat. Effektiv wissen sie die Vielfalt der modernen Musikgeschichte zu nutzen. Es gibt Stücke, in denen keck eine Flöte pfeift; andere, bei denen der Einfluss avantgardistischen Post-Dubsteps zumindest geahnt werden könnte; und wieder andere, die quirlig zwischen hysterischer Albernheit und infektiösen Refrains variieren.

Ein Rave-Bass zieht sich provokativ durch das Album, nicht ohne auch mal dreckig zu knarzen. Und so, das ist jetzt schon klar, wird „Femme Fatale“ in den Fitnessstudios dieser Welt Einzug halten.

"Femme Fatale", ein High End Produkt

Textlich arbeitet sich das Album an der Angleichung des klassisch literarischen Begriffs „Femme Fatale“ an dessen modernere Straßen-Version ab – die „Bitch“. „Mama, I’m in love with a criminal. And this type of love is not rational, it’s physical” – etwa: „Mama, ich liebe einen Kriminellen, und diese Art von Liebe ist nicht vernünftig, sondern körperlich“ – lautet eine wunderbare Zeile im letzten Song, einer Art Ballade.

Und tatsächlich geht es, neben verunglückten Beziehungen, vor allem um die körperliche Liebe und die Möglichkeiten, der Lust auf sie verbalen Ausdruck zu verleihen. Britney hechelt höchst animierend, und das, was ihre Stimme sein soll, ist bis zur Unkenntlichkeit technisiert. „Femme Fatale“ ist ein High End-Produkt, blutleer und funktional. Genau das, was man braucht, um sich nicht mit Lady Gaga messen zu müssen.