70. Geburtstag

Erst Engel, dann Faust und Hitler – Bruno Ganz

Seine Abkehr vom Theater machte Schlagzeilen. Als Adolf Hitler spaltete er im Film die Nation. Jetzt wird Bruno Ganz 70.

Er ist Ritter der französischen Ehrenlegion und Träger des "Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst", Wiens Pendant zum „Pour le mérite“. Naturgemäß der einzige seiner Zunft im erlesenen Kreis, naturgemäß ein Schweizer.

Seine Solitärstellung wird allerdings noch viel deutlicher durch den Besitz des Iffland-Rings seit 1996. Der gebührt, von Generation zu Generation weiter gereicht, dem „bedeutendsten und würdigsten Schauspieler“. Josef Meinrad hatte ihn zu seinem Nachfolger bestimmt.

Galionsfigur des Theaterbezirks

Die Wahl hätte keinen Besseren treffen können als den melancholischen Denkspieler Ganz. Er spielte und spielt im deutschen Theaterbezirk eine Sonderrolle: die der Galionsfigur. Wer sich an das wesentlichste Kapitel der Nachkriegstheatergeschichte in Deutschland erinnert, das von Zadek, Peter Stein, Klaus Michael Grüber und Claus Peymann geschrieben wurde, der erinnert sich sofort an Bruno Ganz.

Er war der unangefochtene, gleichwohl leise Star der von ihm mitbegründeten Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer, verlieh den Traumheldenpartien der Klassik zeitgemäße und völlig unzeitgemäße Kontur in einem: dem Tasso und dem Prinzen von Homburg, dem Hamlet und dem Peer Gynt und Hölderlins Empedokles.


Das war der Neuanfang des gerne geschmähten Regietheaters, das einst mit Max Reinhardt begonnen hatte. Es erfordert, ernst genommen, geistige Auseinandersetzung mit dem Stoff, dem Autor, dem Kontext und – dies vor allem – Konzentration auf das Dichterwort. Dazu ist eine nur winzige Minderheit bereit oder imstande. Bruno Ganz war einer davon.

Peter Zadek wurde sein Mentor

Der Arbeitersohn aus Zürich mit italienischer Mutter entstammt keineswegs kulturträchtigem Milieu. Den Wunsch, zum Theater zu gehen, musste er gegen Widerstände durchsetzen. Über Göttingen gelangte er nach Bremen, wo Zadek und der Intendant Kurt Hübner seine Endecker und Mentoren wurden.

Das Kollektiv der Schaubühne, das – bewegt vom Sturm der Studentenrevolte – Mitbestimmung predigte und praktizierte, war seine eigentliche Ensemble-Heimat. Danach sollte sich Ganz nie mehr an ein Haus binden: kein Außenseiter, bloß ein Einzelgänger der Bühne.

Star des jungen deutschen Films

Doch Bruno Ganz gehörte schon in diesen Jahren nicht dem Theater allein. Der neue, der junge deutsche Film, von Wim Wenders bis Werner Herzog und von Volker Schlöndorff bis zu Reinhard Hauff, fand in ihm seinen profiliertesten Darsteller.

Ein Gesicht avancierte zur Ikone. Als Engel Damiel in Wenders’ Kultfilm „Der Himmel über Berlin“ stand und steht er für mehr als märchenhafte Kinokunst: Er repräsentierte die geteilte Stadt, verkörperte die Atmosphäre der Epoche.

Ihm glaubte man auf Anhieb den Zugereisten aus anderen Sphären. Wie man ihm auch den sterbenskranken, Abschied nehmenden Schriftsteller Alexander in Theo Angelopoulos’ „Die Ewigkeit und ein Tag“ glaubt, einem seiner anrührendsten Leinwandauftritte.

Mit der zeitgenössischen Literatur hat er sich eingelassen wie kaum ein zweiter. Bei Peymanns Uraufführung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ war er der wahnsinnige Arzt. Seine Monolog-Arien über die Kunst, auch jene der Leichensektion, zählen zu den Höhepunkten uneitler Sprachartistik.

Befreundet mit Peter Handke

Mit Peter Handke, in dessen Film „Die linkshändige Frau“ er an der Seite von Edith Clever die männliche Hauptrolle spielte, verband ihn Freundschaft. Und das Verhältnis wechselseitiger Treue zwischen dem Dramatiker Botho Strauß und seinem bevorzugten Schauspieler bewährte sich über Jahrzehnte hinweg.

Als Weggefährten und „Fürstreiter“ pries Strauß ihn, als „letzten Überlebenden vom Heldenfach“ und schwärmte von seiner „männlichen Grazie“.

Was aber macht den Rang des Künstlers Bruno Ganz aus? Gewiss nicht zuletzt die schiere Perfektion des Handwerks, das bei ihm mit einem Minimum an gestischem Aufwand auskommt. Sprachverliebt, ja – vernarrt spürt er Sinn und Klang der kompliziertesten Sätze nach; aus Versen – sei’s von Hölderlin, sei’s von T. S. Eliot – zaubert er Musik.

Große Rolle als Goethes Faust

Sein Faust in Peter Steins Monumentalprojekt, keine Meisterleistung moderner Inszenierungskunst, indes wahrlich ein Ereignis, bleibt unvergessen: Melodie und Rhythmus der Silben, das scheinbare Verfertigen der tiefsten Gedanken während des Sprechens prägten sich dem Gedächtnis ein.

Bruno Ganz ist der Poet des intellektuellen Dramas und des Intellektuellendramas. Stets hält er die Balance zwischen Gefühl und Ratio. Stupendes Können verschwindet hier hinter dem Anschein des Seins, äußerste Kunstfertigkeit kippt unversehens ins Natürliche.

Als Adolf Hitler in "Der Untergang"

Solche Fähigkeit rettete ihn sogar bei der heikelsten Partie seiner Karriere: Adolf Hitler in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“. Die ganze Welt kennt Bruno Ganz als die Ruine des „Führers“, den Herrn der deutschen Apokalypse im Reichskanzleibunker.

Jeden anderen hätte der sinistre Ruhm, selbst das Monströse mit menschlichen Zügen jenseits der Karikatur ausgestattet zu haben, erschlagen, zumindest beschädigt. Freilich hat sich Ganz „Bruder Hitler“, wie Thomas Mann den Feind der Menschheit nannte, hart erarbeitet:

Auch das Studium der Ungeheuer ist schwer. Mit faszinierender Virtuosität hielt er sich die Figur nicht vom Leibe, in den er – täuschend dem Original ähnlich – schlüpfte, aber von der Seele. Ein Triumph weniger der Intuition als von analytischer Reflexion.

Vom Theater hat sich Bruno Ganz, der mittlerweile hauptsächlich in Venedig lebt, zurückgezogen. Zu „altmodisch“ sei er für derlei, sagt er, wenn er gerade milde aufgelegt ist. Jetzt feiern wir seinen 70. Geburtstag. Ein Segen, dass es ihn gab. Ein Segen, dass es ihn gibt.