Mark Twain

Als Tom Sawyer zu Sherlock Holmes wurde

Verrissen, vergessen und wiederentdeckt: Mit "Tom Sawyer als Detektiv" schrieb Mark Twain 1896 den ersten Kinder-Krimi.

Sein „Tom Sawyer“ war das erste Buch, das die Erwachsenen „freundlich daran erinnerte, was sie selbst einmal waren“, vom „Huckleberry Finn“ wiederum stammt, in Hemingways berühmten Worten, „die ganze moderne amerikanische Literatur“ ab. Doch der unermüdliche Mark Twain hatte noch einen Pfeil im Köcher. Dem ersten großen Jungsbuch und dem ersten durch und durch amerikanischen Roman ließ er nämlich auch noch die erste Detektivgeschichte folgen, die einen Jungen zum Helden hat.

Zwanzig Jahre nach Vollendung des „Tom Sawyer“ schrieb Twain die Erzählung „Tom Sawyer als Detektiv“ – auf Ruhm und Ehre allerdings wartete er diesmal vergeblich. Twains gestrenger Biograf Justin Kaplan etwa nannte das schmale Buch rundheraus einen „freimütigen Versuch, am Sherlock-Holmes-Fieber mitzuverdienen“, das 1887 mit Arthur Conan Doyles „Studie in Scharlachrot“ ausgebrochen war.

Ganz falsch ist das nicht. Weil er als Unternehmer nicht immer glückliche Entscheidungen traf, brauchte Twain ständig Geld, und weil er ständig Geld brauchte, neigte er als Autor zu einem gelegentlich unternehmerischen Pragmatismus. Was lag da näher, als den brillanten Tom Sawyer, den er in petto hatte, zum kindlichen Holmes umzufunktionieren, und aus Huckleberry Finn, dem unverwechselbaren Erzähler des gleichnamigen Romans, einen halbwüchsigen Dr. Watson zu machen?

Doch die Figurenkonstellation schien nur auf den ersten Blick die gleiche. Den Freigeist Huck zu Toms Sekundanten herabzustufen, das haben Twains Exegeten dem Meister jedenfalls ebenso übelgenommen wie die Tatsache, dass er ausgerechnet Huck, diese genuin amerikanische Figur, vor den Karren einer in Europa erfundenen Form spannte. Sowohl „Tom Sawyer als Detektiv“ als auch die kurz zuvor erschienene Jules-Verne-Kopie „Tom Sawyer im Ausland“ werden in Amerika wohl bis heute als ehrenrührig empfunden – und sei es insgeheim.

Zum Schluss brilliert Sawyer als Anwalt

Kinder kümmert das natürlich nicht. Weder beeindruckt es sie sonderlich, hier dem Urvater von Kästners „Emil“ und Astrid Lindgrens „Kalle Blomquist“ zu begegnen, noch schreckt sie das vernichtende Urteil von Menschen, mit denen sie nicht in eine Klasse gehen. Dafür muss „Tom Sawyer als Detektiv“ die spannende Geschichte erzählen, die der Titel verspricht, und ihre Fantasie am besten gleich entzünden.

Doch Hand aufs Herz: Twains Geschichte kann das. Hundert Jahre alt, versetzt sie den jungen Leser in eine fremde Welt, in der Kinder ohne Aufsicht Mississippi-Dampfer fahren und mit fremder Leute Schweißhunden im Wald nach Gräbern suchen. Wer „Tom Sawyer & Huckleberry Finn“ schon gelesen hat, mag den Fluss, mag Tante Sallys Farm und Amerikas problembeladenen Süden hier als bloße, mit schnellen Worten errichtete Kulisse empfinden, alle anderen jedoch dürfen staunen, wie sie auch über einen Plot staunen werden, der nur in den Augen des geübten Lesers vor allem Gewohntes bietet: Gestohlene Diamanten, zu verwechselnde Zwillinge und zum guten Schluss ein temperamentvolles Gerichtsdrama, in dem Tom Sawyer gar nicht als Detektiv, sondern als Anwalt brilliert und das bemerkenswerterweise eher nach Harper Lee als nach Agatha Christie schmeckt – nach amerikanischem Süden und nicht nach britischer Genre-Literatur.

Geheimversteck im Stiefelabsatz

Am Ende sind es einzelne Szenen und Ideen, von denen die Erzählung lebt: der strahlende Schluss, die Begegnung mit einem vermeintlichen Gespenst oder ein Geheimversteck im Stiefelabsatz. Einzigartig und überwältigend wie der „Huck Finn“ ist der Tom-Detektiv nicht, mehr als ein artfremdes Machwerk aber ist er allemal. Um es am Ende mit Huck Finn zu sagen: „Wäre jetzt noch eine Blaskapelle da gewesen und hätte Musik gemacht, dann wäre die ganze Sache unübertrefflich gewesen.“

Mark Twain: Tom Sawyer als Detektiv. Aus dem Englischen von Andreas Nohl. Hanser, München. 127 S., 12,90 €.