Lee Friedlander

Autos, Cowboys, Stoppschilder – "America by Car"

Dreizehn Jahre ist Lee Friedlander durch die USA gefahren und hat fotografiert. Die Serie "America by Car" ist jetzt in Deutschland zu sehen.

Stopp, sagt das Schild. Man weiß nicht so recht, wen es damit meint. Hat doch der Fahrer seinen Wagen längst angehalten und am Straßenrand geparkt, längsseits zum Verkehrzeichen und der bewaldeten Bergkette dahinter. Lee Friedlander hat das einsame Stoppschild an der Birdland Bay Road im Nirgendwo von Montana fotografiert. Er ist mit dem Auto daran vorbeigefahren. Extra ausgestiegen ist er nicht.

In den 60ern ging es vielen Fotografen um Realismus

Lee Friedlander, geboren 1934 in Aberdeen, Washington, gilt als einer wichtigsten Vertreter der amerikanischen "Street Photography". In den Sechzigern ging es Fotografen wie Diane Arbus, Garry Winogrand oder eben Lee Friedlander darum, das alltägliche, ungeschönte und oft auch ruppige Leben auf den Gehsteigen der Großstädte einzufangen.

Friedlander ist sich in vielerlei Hinsicht treu geblieben. Auch heute interessiert er sich für die absonderlichen Seiten des menschlichen Zusammenlebens und er fotografiert weiter in Schwarz-Weiß. Eines ist allerdings anders: Der "Street Photographer" hat sich in den ersten echten "Road Photographer" Amerikas verwandelt.

Dreizehn Jahre lang fuhr Friedlander mit dem Auto durchs Land

"The Road", das ist der Highway. Das ist das uramerikanische Versprechen auf eine bessere Welt hinter dem Horizont und der gleichzeitige Fluch, niemals dort anzukommen. Zwischen 1996 und 2009 ist Friedlander mit dem Auto kreuz und quer durch die USA gefahren.

Nach New York und nach Nebraska, nach Utah, Montana und Connecticut. In Texas hat er einen einsamen Cowboy auf einem Billboard fotografiert und im Death Valley einen einsamen Raben, der auf gar nichts zu warten schien.

In Las Vegas fotografierte er 2002, wie die Skyline eines künstlichen New Yorks auf einem knappen Quadratkilometer zusammengepfercht dastand, und als er fünf Jahre später wieder dort war, fotografierte er einen Lastwagen mit einer knapp bekleideten Blondine darauf und einer aufmunternden Botschaft darunter: "Girls that want to meet you."

Für alle diese Bilder hat er gerade mal den Schalthebel des Automatikgetriebes in die Parkposition geschoben. Er hat vermutlich den Motor nicht abgestellt, geschweige denn den kleinsten Finger in Richtung Türgriff gerührt.

Die neuen Bilder sind alle aus dem Auto heraus fotografiert worden

Friedlanders neue Bilder sind aus dem Auto heraus entstanden und deshalb gerät ihm die Architektur der diversen Leihwagen, mit denen er durch die Gegend fuhr, immer mit ins Bild. Lenkrad und Armaturenbrett, A-Säule und Seitenspiegel werden zu integralen Bestandteilen der Komposition. "America by Car" hat Friedlander seine Serie folgerichtig genannt. Sie ist jetzt bis zum 30. April in der Kölner Galerie Thomas Zander zu sehen.

Fast alle großen Highway-Erzählungen – von Jack Kerouacs "On the Road" bis Dennis Hoppers Film "Easy Rider" – beschreiben den Moment, in dem das Fahren selbst, die permanente Bewegung über den Kontinent, zum eigentlichen Zweck der Reise wird. In "America by Car" wirkt auch Friedlander wie ein Getriebener.

So als sei er mit dem Auto verwachsen, verdammt dazu, auf ewig "on the road" zu sein. Und man fragt sich, ob das Stopschild nicht doch ihm gelten könnte. Ob es für ihn nicht einfach mal an der Zeit sei auszusteigen.

Nur ein einziges Mal ist Friedlander aus dem Auto ausgestiegen

Allerdings fällt auch auf, mit wie viel Liebe Friedlander den Blick auf die Details des Autos richtet. Auf Lüftungsschlitze, Haltegriffe, elektrische Fensterheber. Diese kleinen Helfer der Gemütlichkeit. Friedlander schießt seine Bilder aus der automobilen Komfortzone heraus. Im Rahmen der Windschutzscheibe ergibt sich ein überschaubarer Ausschnitt einer ansonsten chaotischen Welt.

Nur ein einziges Mal ist Friedlander dann doch ausgestiegen und hat sich prompt in einen wilden Wegelagerer verwandelt, der durch Seitenfenster hineinblickt. Ansonsten sitzt er drinnen und hält dank der Windschutzscheibe das Draußen auf Distanz.

In vielen seiner berühmteren Fotografien tauchen solch trennende Glasflächen auf: der Blick auf einen Mann und eine Frau in einer Drehtür ("New York City", 1963). Der Blick durch das Fenster einer Bar ("Newark", 1962). Der Blick auf das Kindergesicht hinter der Mattscheibe eines alten Hotelfernsehers ("Galax, Virginia", 1962).

2005 bekam er eine Retrospektive im Museum of Modern Art

Es scheint ungerecht, dass Friedlander immer noch nicht die Anerkennung am Markt erfahren hat, die ihm eigentlich gebührt. Thomas Zander verkauft die "America by Car"-Aufnahmen ab 8500 Euro. Natürlich sind wie bei allen Fotografen auch bei Friedlander die Preise gestiegen, vor allem als er 2005 eine Retrospektive im Museum of Modern Art in New York bekam.

Ein paar Monate zuvor wurde "Galax, Virginia" beim Auktionshaus Phillips de Pury für 78.000 Dollar verkauft. Der höchste Preis für ein Friedlander-Einzelbild bisher. "New York City" (1964), das Foto eines schlafenden Mannes in einem Restaurant, das 1993 bei Sotheby's für 800 Dollar zugeschlagen wurde, brachte 2009 bei Christie's stolze 25.000 Dollar.

Solche Preissprünge gelten allerdings nur für Vintage Prints oder sehr frühe Abzüge, und überhaupt sind diese Zahlen immer noch weit von der halben Million Euro entfernt, die etwa ein Großformat von Andreas Gursky kostet. "Die beiden Märkte haben sich parallel entwickelt", sagt der Berliner Galerist Rudolf Kicken, der amerikanische Fotografen der 70er-Jahre wie Stephen Shore oder William Eggleston vertritt.

"Wir Fotografen machen im Grunde gar nichts"

"Früher haben viele Fotografen nicht sorgfältig darauf geachtet, ihre Bilder zu limitieren. Die bekannten zeitgenössischen Fotografen wie Andreas Gursky, Thomas Struth oder Thomas Ruff haben dagegen sehr strategisch überlegt, wie sie ihre Bilder teuer machen."

Sie seien mit ihren Großformaten absichtlich in Malereigalerien gegangen, wo der Kundenstamm ein anderer und Tafelbilder gewöhnt sei. "Gurskys Bilder sind gerade attraktiv, weil sie leicht erkennbar und teuer sind", sagt Kicken. "Doch ich bin mir sicher, dass sich die Preisdifferenzen irgendwann nivellieren werden."

Zumindest künstlerisch wird ein Unterschied bleiben. Gursky "macht" seine Bilder. Sie entstehen in langwierigen Bearbeitungen am Computer. Friedlander arbeitet ganz anders. "Wir Fotografen machen im Grunde gar nichts", hat er einmal gesagt. "Wir schleichen uns nur in die Welt und versuchen etwas Merkwürdiges, Wildes oder Wunderschönes zu finden."

Lee Friedlanders Arbeiten sind bis zum bis 29. Mai 2011 im ZeitHaus in der Autostadt Wolfsburg zu sehen.