Boyband

The Wanted – Bastelanleitung für eine Boygroup

In London sind The Wanted längst Stars, in Berlin gibt die Band noch Wohnzimmerkonzerte. Eine teilnehmende Beobachtung.

Foto: Getty Images

Am Ende des Tages werden sie etwa vierzig Mädchen umarmt haben. Einige davon sogar vier oder fünf Mal, viele mit Küsschen rechts, Küsschen links. Und sie haben immer gewusst, welche Umarmung anzuwenden ist. Die freundschaftliche für Mädchen unter zwölf, bei der die Berührung vor allem am Innern der Oberarme stattfindet und die jungen Mädchen mit nach oben verdrehten Augen etwas überfordert die Erziehungsberechtigten anschauen.

Oder die Umarmung für volljährige Fans, die Abstand und Verfügbarkeit gleichzeitig signalisiert – die Hand am Rücken, aber nur kurz. Und dann gibt es noch die Foto-Umarmung, Schulter an Schulter, bei der man etwas in die Knie gehen muss, um die Stirn an den Kopf zu lehnen. All das wissen sie. Es ist ihr Job. The Wanted sind eine Boygroup aus einer Generation, die mit Boybands aufgewachsen ist.

Privatkonzert in Steglitz-Zehlendorf

Im Booklet ihrer namenlosen Debüt-CD, die in ihrer britischen Heimat bereits sehr erfolgreich ist, wird für T-Shirts geworben. Auf ihnen steht: "Jay is my boyf" – Jay ist mein Fr. Die gleichen tragbaren Beziehungsbekenntnisse gibt es für Tom, Nathan, Max und Siva. Fünf Jungs zwischen 16 und 23, die an einem Sonntag im Februar in Berlin gastieren, um ihr Album auch in Deutschland zum Erfolg zu machen.

"Vor etwa zwei Jahren hat Universal ein großes Vorsingen in Irland und England veranstaltet. 5000 Leute waren da. Das hat neun Monate gedauert", erzählt Tom später über den Beginn der Band, die sich in den letzten Tagen bei Radiosendern in Neunkirchen oder Weimar vorstellte.

Am Vortag hatten sie frei, Tom war Shoppen, Siva am Brandenburger Tor. Am nächsten Tage fahren sie nach Potsdam, wo sie einen Auftritt bei "Guten Zeiten, schlechte Zeiten" haben. Und heute sind die Fans dran. Mittags ein Treffen mit fünf Mädchen, die in der "Bravo" ein Speed-Dating gewonnen haben, hinterher Bowlen mit "Bravo"-Leserinnen, anschließend ein Privatkonzert in einem Wohnzimmer in Steglitz-Zehlendorf.

Jay lernt das Wort "Stinkefüße"

In Neukölln steht ein großer, schwarzer Tourbus an der Straße. Darauf sind fünf Gesichter gedruckt. Mädchen lassen sich davor fotografieren. Im Bowlingcenter nebenan stehen die Bandmitglieder gerade um einen Punchingball-Spielautomaten und beweisen ihre frische Männlichkeit.

Mädchen mit unechten Gucci-Taschen und glitzernden Pailletten-Tops lauern in sicherer Entfernung. Gucken und kichern. Dann werden die Bowlingschuhe ausgegeben. Jay hat keine Socken an, muss Barfuss in fremde Schuhe schlüpfen und nutzt die Gelegenheit, Deutsch zu lernen.

"Stinkefüße" bringt ihm die Frau von der Plattenfirma bei. Die Mädchen stehen Schulter an Schulter, die Füße nah beieinander. "Wie geht's?" fragt Nathan auf Englisch ein Mädchen, das ihm bis zur Brust geht, dabei ist er selbst schon recht klein. "Dein Englisch ist nicht so gut, oder?" fragt er, und als sie nicht antwortet, erzählt er ihr einfach von seinem Tag.

Tom wirft einen Strike

Nathan ist 16. Seit mehreren Monaten wohnt er mit den anderen zusammen in einem Haus in London, das so groß ist wie keines der Häuser, in dem die Wanted-Jungs vorher lebten. Er fliegt mit seinen neuen Freunden und Mitbewohnern kreuz und quer durch Europa, um mit verschiedenen Top-Produzenten zusammen zu arbeiten, dreht Videos, absolviert große Auftritte.

4000 Zuschauer, das finden sie schon intim. Gesangsunterricht hatten sie nie, brauchen sie auch nicht, finden sie. "Wir arbeiten mit sehr guten Produzenten zusammen, von denen wir viel lernen können", sagt Jay. Ihre Single "All Time Low", ein großartiger Dance-Pop-Hit, war in England für sechzehn Wochen in den Top 40. Und nebenbei will Nathan noch sein Abitur machen.

Auf der Bowlingbahn singt Siva ein Lied von Amy Winehouse mit, das laut durch die Boxen klingt. Tom wirft derweil einen Strike, der Manager filmt alles, und ein paar Groupies, die außerhalb des Bahnbereichs sitzen, jubeln.

Groupies sprechen vertraut

Tom führt einen Siegestanz auf, schaut sie rückversichernd an. Eines dieser Mädchen ist heute extra aus England her geflogen. Sie ist klein, rothaarig und scheint zu jung, um schon nachmittags ein großes Bierglas zu stemmen.

Andere kommen aus den Niederlanden und folgen der Band seit Tagen. Die Groupies zeigen sich die Bilder auf ihren Kameras, fotografieren sich mit Bierdeckeln, die sie neben ihr Gesicht halten. "Max you are sexy", steht darauf. Auch ein Mann ist dabei. Und eine Frau, die dem Teeny-Alter längst entwachsen ist.

Ist das nicht alles etwas verrückt? Ja, sagt Jay später. Teilweise kennen sie schon die Namen der Mädchen. Die Groupies sprechen mit den Bandmitgliedern in einer beängstigend intimen Stimmlage. Gesenktes Kinn und kokettes Jaulen, wo in Wirklichkeit Unsicherheit herrscht.

Fans besorgen Pizza

Mitunter sind die Jungs gezwungen, gewisse Grenzen zu ziehen. Gibt es einen Punkt, an dem sie deutlicher werden würden? "Ach was, das ist unser Job. Und es ist viel besser, als in einen Raum zu kommen und niemand interessiert sich für uns", sagt Nathan.

Die Bowlerinnen dürfen sich jetzt noch schnell zu Gruppenfotos aufstellen. "Das ist verschwommen!", sagt ein verzweifeltes Mädchen vorwurfsvoll zur Laienfotografin. "Nathan, geh schon mal in Richtung Ausgang, die werden dir eh folgen", ruft der Manager.

Auf dem Weg zum Bus spielt Jay mit einem kleinen Mädchen Fangen, Tom steckt sich eine Zigarette an, und die Mitarbeiterin der Plattenfirma nimmt die Pizzen in Empfang, die drei Fans für die Band zum Abendessen besorgt hatten.

"Boybands sind wieder cool"

Drei der Jungs ziehen sich zurück in den Schlafbereich des Busses. Der Manager öffnet seinen Laptop, Siva zeigt stolz seine Special-Edition-Star-Wars-Turnschuhe, die er von seiner Freundin geschenkt bekommen hat.

Er holt sein Handy raus und erzählt, dass er den Internetzugang gesperrt hat. Zu teuer im Ausland. "Was machen wir als nächstes?" fragt Jay, und der Manager antwortet: "A-capella-Konzert in einem privaten Wohnzimmer. Drei Songs." Dann gehen sie in den hinteren Teil des Busses und singen sich warm.

Wie gehen sie eigentlich mit den ganzen Vorurteilen gegenüber den gecasteten Boybands um? "Wir hören die Frage oft in Deutschland. Ich glaube, ihr hängt da noch ein bisschen hinterher." sagt Nathan. "Nur weil etwas populär ist, muss es nicht automatisch inhaltsleer sein. Wir wollen beweisen, dass Boybands wieder cool sind."

Ein Schokokuchen zur Begrüßung

Es ist schon dunkel, als der Bus in einer Gegend Berlins ankommt, in der die Häuser höchstens drei Stockwerke haben und zwischen Haustür und Gehweg Gras wächst. Das Mädchen, das hier wohnt und das Konzert bei Schüler-VZ gewonnen hatte, wartet mit ihren Freundinnen hinter der Haustür und kreischt, als diese aufgeht. Alle erschrecken sich. Oben vor der Wohnung muss sich der ganze Tross die Schuhe ausziehen.

Auf dem Wohnzimmertisch stehen Softdrinks bereit, ein Schokokuchen in Herzform, auf den The Wanted geschrieben wurde sowie die Namen der Mädchen, die ihn gebacken haben. Aufgeregt rutschen sie auf dem hellen Laminat hin und her. "Ihr könnt der Band jetzt Fragen stellen", sagt der Betreuer der Plattenfirma in die drohende Stille. "Zeig mal dein Zimmer", sagt Siva, und Tom bricht ein großes Stück vom Kuchen ab.

Im Jugendzimmer probiert Siva Brillen an, öffnet die Schubladen. Man sagt ihm, dass sich das nicht gehöre. "Ich darf das, ich bin berühmt", sagt er und alle lachen. Die Wohnung riecht nach dem Käse, mit dem die Mutter Nachos überbacken hat. Sie bringt Guacamole und Brot und Buletten. Es klingelt. Noch mehr Freundinnen kommen. Mittlerweile ist auch der Fotograf da.

Kohlsuppe gibt es beim Hausbesuch

"Siiivaaa, where the hell are you? Siiivaaa, where the hell are you?" singen die Jungs, als sie anfangen wollen zu spielen, und das ganze Team macht mit. Ein Running Gag über einen Zu-Spät-Kommer. Max sitzt auf dem Boden und knetet sich beim Singen seinen Fuß, Nathan spielt mit einem gelben Smiley-Kissen, und die Mädchen wissen noch nicht genau, ob sie sich trauen sollen, mitzusingen, die Texte kennen sie jedenfalls.

Dem Fotografen wäre es lieber, wenn sie noch näher an der Band sitzen würden, er verteilt alle neu im Raum. "Lächelt!" ruft er "wir sind eine große Zeitung", und die Jungs machen ohne Murren mit. Sie singen zwei weitere Stücke, der Manager sitzt aufgestützt an der Heizung, seine Augen fallen ihm zu, während seine Füße den Takt des Liedes wippen.

"Noch eins, das war so schön", sagt die Mutter, die überglücklich neben den Käsenachos sitzt. Ja, eines noch. Zunächst sind aber die Mädchen dran. "Singt doch mal Lena! Den Grand Prix-Song", sagt Max. "Nein!" rufen die Mädchen fast empört und singen dann ein Lied, in dessen Text die Zeile "pray for love" vorkommt. Sie stehen mit erhitzten Gesichtern auf der Teppichinsel im Wohnzimmer. Der Couchtisch mit dem Wörterbuch darauf wurde bereits zur Seite geschoben, und die Mutter steht auf und kündigt eine weitere deutsche Spezialität an: Kohlsuppe.

Fünf Mädchen sitzen im Foyer

Doch so langsam ist eine Stunde vergangen. Der Zeitplan muss eingehalten werden. Als der ungewöhnliche Besuch die Wohnung verlässt, kommt gerade der Vater des Mädchens zurück. Ein Grund, doch noch einen weiteren Song zu singen, findet die Mutter. Aber die Band hat schon ihre Schuhe an. Im Flur werden schnell noch T-Shirts unterschrieben.

Und draußen warten die Groupies, um das vielleicht zehnte Foto mit jedem einzelnen zu machen. Die Band geht langsam in den Bus. "Die werden uns jetzt bis ins Hotel verfolgen", sagt Jay. Alle gucken sich schweigend an.

Zwei Autos parken vor dem Bus vorm Hotel ein. Die fünf müssen immer verfügbar sein, das ist Teil ihres Berufes. Gibt es einen Punkt, an dem sie sagen würden, jetzt reicht es? "Selbst, wenn wir uns so fühlen würden, wir würden das niemals sagen", sagt Jay. "Die Masse ist schon enorm, aber du kannst einem Fan nie böse sein. Sie sind halt so aufgeregt." In der Lobby sitzen noch fünf Mädchen und warten. Worauf wissen sie wohl selbst nicht. Vielleicht auf die letzten Umarmungen des Tages.