70. Geburtstag

Wie Hans Stimmann Berlins Stadtbild prägte

Der passionierte Stadtgestalter Hans Stimmann feiert seinen 70. Geburtstag. Als Senatsbaudirektor gestaltete er zwei Jahrzehnte maßgeblich die Hauptstadt. Und noch im Ruhestand ist der Masterplan für das wiedervereinte Berlin sein Lieblingsthema.

Mit schnellen Schritten eilt Hans Stimmann zum verabredeten Treffpunkt auf dem Viktoria-Luise-Platz. Seit vier Jahren ist er nun im Ruhestand, doch fast hat man den Eindruck, der langjährige Senatsbaudirektor hat seit seiner Ablösung durch die Schweizerin Regula Lüscher noch weniger Zeit als vorher. Das liegt nicht an den Vorbereitungen zu seinem 70. Geburtstag, den er am Mittwoch feiert. „Meine Freunde planen eine Überraschungsparty, da bin ich fein raus“, sagt er. Was ihn zur Eile treibt, ist noch immer sein Lieblingsthema: Die Rekonstruktion der europäischen Stadt unter besonderer Berücksichtigung der historischen Berliner Mitte. Diese mit Ausstellungen, Buchprojekten und Vorträgen zu befördern, ist der Urheber des „Planwerks Innenstadt“ – der Masterplan für das wiedervereinte Berlin – unermüdlich im Einsatz. Doch dem Stadtgestalter weht mittlerweile kräftiger Gegenwind entgegen.

Stimmanns Nachfolgerin Regula Lüscher ist Anfang dieses Jahres erstmals aus seinem langen Schatten hervorgetreten und hat sich mit einem eigenen „Planwerk Inneres Stadt“ offen von seinen Leitideen für die historische Mitte am Alexanderplatz verabschiedet. So ist die von Stimmann auch an anderen Stellen der Stadt so beförderte Blockrandbebauung rund um die DDR-Hochhäuser auf der Fischerinsel nun kein Thema mehr. Und auch die Wiedererschaffung des Molkenmarktes vis-à-vis vom Roten Rathaus, vor einem knappen Jahrzehnt in einem städtebaulichen Wettbewerb entschieden, steht zumindest in dieser Legislaturperiode auch nicht mehr auf der Agenda.

Abwendung von der Innenstadt

„Das Thema innere Stadt ist offenbar keines mehr“, stellt Stimmann mit einer gewissen Bitterkeit fest. „Außer dem Abriss des Palastes der Republik präsentiert sich die Stadtmitte heute im Wesentlichen noch wie vor dem Fall der Mauer.“ Dass seine Nachfolgerin lieber Ideenwettbewerbe für die außer Dienst gestellten Flughafenareale Tempelhof und Tegel veranstaltet und von einer Internationalen Bauausstellung 2020 träumt, will er eigentlich nicht kommentieren – kann es dann aber doch nicht lassen. „Prioritäten zu setzen, fällt der laufenden Politik offensichtlich schwer“, kritisiert er. Und macht keinen Hehl daraus, dass er das Tempelhofer Feld lieber als Freifläche für Drachenflieger und Jogger sieht, denn als Experimentierfeld für neue Stadtquartiere. „Wir haben viele Brachen mitten in der Stadt, die sollte man bebauen.“

Doch ausgerechnet die jungen Architekten, die ganz im Stimmanschen Sinne in Baugruppenmodellen überall städtische Lücken schließen, wollen von städtebaulichen Vorgaben nichts mehr wissen. Sein jüngstes Buchprojekt, das er selbst als „einer Würdigung moderner Architektur in Berlin“, verstanden wissen will, hat einen Eklat verursacht, der Stimmann sichtlich nahe geht. Auch wenn der gebürtige Lübecker das in norddeutscher Zurückhaltung nicht offen zugibt. Was ist geschehen? Stimmann, der „anders als viele Architekten nicht lange rumeiern muss“, und sich traut, wie er sagt, „schöne Häuser auch schön zu nennen“, hatte auf einer Fahrradtour durch die Stadt neue Berliner Stadthäuser zusammengetragen, die ihm als besonders gelungene Beispiele der aktuellen Baukultur erschienen. Doch als er die 50 Architekten dieser 50 Häuser anschrieb und dazu aufforderte, ihre Bauten im Rahmen seines Buchprojektes auf sechs Seiten zu erläutern, lehnten sieben die Mitarbeit in einem Offenen Brief demonstrativ ab. „Unsere Projekte basieren auf Eigeninitiative und stehen in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit der damaligen Stadtpolitik“, heißt es in dem Schreiben. Man wolle sich deshalb nicht nachträglich von ihm vereinnahmen lassen. Nun wird das Buch mit dem Titel „Von der Sozialutopie zum städtischen Haus“, das ab Donnerstag im Buchhandel erhältlich sein wird, ohne diese gebauten Beispiele und notgedrungen mit einem gänzlich anderen Konzept erscheinen.

Enttäuscht ist Stimmann nicht nur, „weil ich die Gebäude immer noch gut finde, auch wenn mich die Architekten nicht mögen, sondern auch, weil Architekten wie Brandlhuber, Ebers, Kaden, Ludloff oder Köhl „nie das Gespräch mit mir gesucht haben“, sonst hätte man dann vielleicht das eine oder andere städtebauliches Missverständnis ausräumen können. Denn darum handelt es sich aus Stimmanns Sicht.

Wohnen ist ein Massenthema

„Es ging mir nie darum, auf die Architektur einzelner Häuser Einfluss zu nehmen“, beteuert er. „Aber die Forderung, dass ein Wohnhaus im Kontext zu seinen Nachbarhäusern stehen muss, ist richtig“, beharrt er. Bei allem Verständnis für den Wunsch der Architekten, etwas Einmaliges und Unverwechselbares zu schaffen: „Das Wohnhaus in der Stadt ist ein Massenthema, für das der Städtebau einen Rahmen bilden muss. In dem Rahmen ist durchaus Platz für individuelle Lösungen, wie ja gerade diejenigen Architekten bewiesen haben, die ihr Projekte zurückgezogen haben.“

Der ebenfalls von den Architekten vorgebrachte Vorwurf, er habe durch die Vergabe kleinparzellierter, zentraler Lagen für privilegierte neue Stadtbürger die Stadt als Gemeinwesen bewusst abgeschrieben, bringt den bekennenden Sozialdemokraten dann richtig in Rage: „Natürlich sind Mieterhöhungen und Verdrängungsprozesse Mist“, sagt er und sein weißer Schnäuzer sträubt sich. „Doch wer nicht zur Kenntnis nehmen will, dass die Zeiten vorbei sind, als es darum ging, die Wohnungsnot durch immer größere Wohnmaschinen zu beheben, verweigert sich den neuen Realitäten.“ Ebenso, wie es keinen Sinn mehr mache, das Frauenwahlrecht zu fordern, weil diese Forderung längst erfüllt sei, habe sich auch das Jahrhundertthema der Sozialdemokratie, der Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem, erledigt. „Im Durchschnitt stehen jedem Bürger 40 Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung, inklusive Heizung und Warmwasserversorgung“, so Stimmann. Die Forderung nach der Neuauflage des sozialen Wohnungsbaus, die sich seine Partei, aber auch die Grünen und die Linke wieder auf die Fahnen geschrieben hätten, sei deshalb verfehlt. Dass ihm das solche Aussagen in der eigenen Partei unter den Generalverdacht eines neoliberalen Reaktionärs stellen, nimmt er in Kauf.

Längst abgefunden hat er sich auch damit, dass die neue Bebauung der Friedrichstraße als sein Hauptwerk gilt. Seine Vorgaben hatten dafür gesorgt, dass die Büro- und Geschäftshäuser nicht höher als die gründerzeitlich übliche Höhe von 22 Metern sein durften, lediglich ergänzt durch zurückgesetzte Staffelgeschosse auf dem Dach. In der Konsequenz führte dies dazu, dass die Investoren die Grundstücke ausquetschten „bis zum Geht-nicht-mehr“, wie Stimmann rückblickend einräumt. Die Qualität der Vorkriegsgebäude an der Friedrichstraße bleib unerreicht. Doch wenn es nach den Bauherren und ihren Architekten gegangen wäre, würde die Friedrichstraße heute aus zugigen Ecken mit konkurrierenden Solitärbauten bestehen, ist er sicher. „Das ist vielleicht das Kernproblem dieser Architekturdebatte, das sie sich scheut, über die Schönheit der Stadt zu sprechen.“ Schon wenn man die Worte Schönheit und Harmonie in Zusammenhang mit Architektur und Städtebau gebrauche, „schreien doch alle auf“, sagt er. Lieber sprächen die Planer heute über Fantasie, Energie und Intelligenz. „Doch ich kämpfe für eine schöne Stadt, auch wenn das in der Architektur eine höchst umstrittene Kategorie ist.“

Das Buch „Von der Sozialutopie zum städtischen Haus. Texte und Interviews von Hans Stimmann“ kommt am kommenden Donnerstag in den Buchhandel. Verlag Dom-Publishers, 28 Euro.