Solo-CD "Grace/Wastelands"

Pete Doherty – tolle Stücke mit klarem Kopf

Pete heißt jetzt Peter. Zumindest auf seiner neuen CD. Der bekannte Drogenkonsument und Babyshambles-Sänger Pete(r) Doherty legt mit "Grace/Wastelands" sein erstes Soloalbum vor. Jetzt erscheint es in Deutschland. Die Platte ist der Auftakt zu einem vielversprechenden Spätwerk.

Mit 30 ist man heute jung. Man unterbricht sein Studium, sucht in Praktika nach einem passenden Berufswunsch und hält eigene Nachkommen für übereilt. Das war nicht immer so. Als selbst der Pop noch jung war, wurde jedem über 30 grundsätzlich misstraut. Die Besten starben früh, mit 27.

Mit der Aussicht lebte auch Pete Doherty, bis er den 28. Geburtstag überstand und den Triumph ein halbes Jahr danach mit dem kaputten Album „Shotter’s Nation“ feierte. Am 12. März 2009 wurde er 30. Diesmal schenkt er sich das Album pünktlich. Seine erste Platte unter eigenem Namen, nicht unter The Libertines und Babyshambles; heute steht sein bürgerlicher Name auf der Hülle: Peter Doherty. Er heißt jetzt Peter. Auch wenn alle Welt beim Pete bleibt, um ihn jung zu halten.

Seine Platte heißt „Grace/Wastelands“, und damit weist Doherty schon darauf hin, dass ihn das Elend gleichaltriger Großstadtmenschen nichts mehr angeht. „Grace“, Jeff Buckleys Meisterwerk, erschien vor 15 Jahren. Buckley starb mit 30. T.S. Eliots Gedicht „The Waste Land“ stammt von 1922. Selbstverständlich spukt auch Elvis Presleys „Graceland“ durch den Titel.

Gleich das erste Stück des Albums sehnt sich nach Arkadien, fort vom kümmerlichen Alltag. „In Arkadien fließt dein Leben vor sich hin, so ursprünglich und unverdorben wie ein Hirtenlied“, singt Doherty. Naturbelassene Gitarren klingeln, und Bob Dylan wird es freuen. Doherty sucht sein Arkadien heute zwischen Wiltshire und Paris. In Wiltshire teilt er sich ein Landhaus mit den Geistern, die er sieht, und schreibt seine Gedanken nieder. In Paris folgt Doherty den Spuren der Boheme, seine Gemälde werden dort gezeigt.

Dafür hat er zuletzt also sein Kerngeschäft vernachlässigt, den öffentlichen Rauschmittel-Konsum und die Konzertabsage: Er hat neue Songs verfasst und ältere vollendet. Er hat seine Platte selbst bemalt, den Titel ziert eine ekstatisch kniende nackte Frau vor einem Teller, der nicht leer gegessen ist. Es scheint dem Künstler gut zu gehen. Als er seine Songs im Februar im Londoner Shepherds Bush Empire vorstellte, stand Doherty nicht nur hellwach und aufrecht auf der Bühne. Dabei trug er sogar Gehrock, Pilgerhut und Einstecktuch. Die Flagge Großbritanniens deckte den Verstärker zu. Die Flucht ins sagenhafte Albion, ins rückwirkende englische Utopia, ist keinem neu, der Doherty bisher bei Werk und Wahn begleitet hat.

Das erste Babyshambles-Album, nachdem ihn die Libertines aufgrund seiner Gewohnheiten beurlaubt hatten, trug den Titel „Down In Albion“. Damals konnte das Exil nur dem Delirium zu verdanken sein. Wer nüchtern nicht nur weiter weg will als die Flugpläne erlauben, sondern möglichst weit zurück, muss gute Gründe haben: Großbritannien ist bankrott. Kate Moss. U2 halten sich für das Maß der Dinge. Michael Jackson mietet eine Londoner Mehrzweckhalle für ein halbes Jahr, um seine Schulden abzutragen.

Dafür rezitieren 30-jährige kaum noch die Kinks und William Blake. Wahrscheinlich ist es das. Es fällt nicht schwer, Pete Doherty in seine heile alte Welt zu folgen. „Last Of The English Roses“ führt einen ins erste Rave-Zeitalter, als die Mädchen Englands zwischen Marken noch zu unterscheiden wussten. „Es war 1994, und wir alle sangen, und wir tanzten Hand in Hand. Ja, mit den Jungs gemeinsam und zusammen mit den Mädchen!“ War das so? Es wäre schön gewesen, wenn es so gewesen wäre.

Dohertys Genörgel und die Handy-Störgeräusche sprechen eine andere Sprache. Die Musik, ein englisch-jamaikanisches Geschunkel mit Melodica, erklärt: Die Jugend sollte dazu da sein, wohltuend verklärt zu werden, wenn man alt wird. Weiter geht es mit dem Schlager „1939 Returning“. Er versetzt den Zuschauer in ein berüchtigtes Idyll der damaligen Zeit, hinter die deutschen Linien.

Illustriert wird dieser merkwürdige Traum, mit Streichern, Marsch- und Rummelplatzmusik. „A Little Death Around The Eyes“ erinnert nicht nur an den angenehmen Klang der Sechzigerjahre. Doherty denkt seufzend an die Libertines zurück, an Carl Barat, mit dem er dieses Liedfragment als junger Mann skizziert hat. Es geht um Hotelzimmer, um Medizin und um verschwundene Hosen.

In „Sweet By And By“ lebt eine solche Jungenfreundschaft wieder auf. „Es ist so lange her, dass wir den Weg bereitet haben“, heißt es. Und wer der Musik vertraut, sieht zwei verlauste Ausreißer in kurzen Tweedhosen auf Wanderschaft durch die Weltwirtschaftskrise in den Zwanzigerjahren. New Orleans-Musik mit Schlagzeug-Besen und Posaune. Bei Pete Doherty klingt sogar Swing nach Punk und nicht nach SPD-Frühschoppen. Dann, im „Broken Love Song“, kommen George und Ringo vor, der ewig unterschätzte Teil der Beatles.

„Lady, Don’t Fall Backwards“ fängt an mit „Es war einmal...“ Es war einmal ein hochbegabter junger Dichter aus Northumberland, Sohn eines Offiziers, der sich als 16-jähriger den Poesiepreis des Kulturministers sicherte, über die Fußballer der Queens Park Rangers schrieb und Hörspiele, um sich mit aller Hingabe in einen großäugigen Punkrock-Barden zu verwandeln. Über ihn singt Doherty jetzt ebenfalls.

In „Sheepskin Teraway“ begleitet ihn die schottische Elektrofee Dot Allison beim Heroinentzug. Das Lied „I Am The Rain“ reinigt den Jungen im Gewitter. Seine Mutter ist die Wolke, sein Cousin der Schnee, sein Freund der Wind. Die Sonne ist der Feind. Umsorgt haben ihn diesmal Stephen Street als altgedienter BritPop-Produzent und Graham Coxon, ehemals Gitarrist bei Blur, als musikalischer Berater. Früher wurde Doherty im Studio eingesperrt, um ihn zur Arbeit zu bewegen. Heute sieht Pete Doherty sich selbst als Musiker.

Wer schon im Vollrausch unter Zwang bemerkenswerte Stücke aufnimmt, musiziert mit klarem Kopf und freiem Willen selten schlechter. Klingt erwachsen, ist aber erwiesen. Vielleicht handelt es sich um den Auftakt eines viel versprechenden Alterswerks. Pete Doherty verzichtet nüchtern selbst auf Beiträge, die er im Speicher seines Handys hütet und der Welt schon seit geraumer Zeit in Aussicht stellt:

Bei einer Orgie hatte Amy Winehouse ihn auf der Gitarre unterstützt. Der Mitschnitt sollte „1939 Returning“ schmücken. Die Betreuer riefen ihren Schützling zur Vernunft und anerkannte Musiker herbei. Es ist wohl besser so. Man weiß nicht, was aus Amy Winehouse wird, sie ist noch keine 27. In „New Love Grows On Trees“ singt Peter Doherty: „Wenn du mit 25 noch am Leben bist, soll ich dich dann tatsächlich umbringen?“ Ein Witz, den allerdings nur Ältere verstehen.

Peter Doherty: Grace/Wastelands (Parlophone)