Gitarrengott

Geburtsstadt will von Jimi Hendrix nichts wissen

In Seattle schließt das "Experience Music Project" mit Andachtsgegenständen des Gitarristen Jimi Hendrix. Die Stadt hat damit einen guten Ruf und viele Anhänger zu verlieren. Aber das Museum im "hässlichsten Haus der Welt" stört sich daran wenig.

Foto: pa

Der Pilger betrat das Foyer des "Experience Music Project" (EMP) in Seattle, löste ein Ticket für 15 Dollar, eilte die lange Treppe in den ersten Stock hinauf - und brach in Tränen aus. Fassungslos las er wieder und wieder die Erklärung des Museums, die Jimi-Hendrix-Dauerausstellung sei bereits abgebaut worden. "Um Schaden durch Licht und andere Umwelteinflüsse zu verhindern". Die Sammlerstücke müssten "ruhen", erklärt die Kuratorin Maggie Skinner.

Können Fender Stratocasters, Song-Manuskripte, indianische Lederhemden eines Gitarrengenies nicht überstehen, was chinesische Schriftrollen aus dem letzten Jahrtausend vor Christus ertragen? Oder hat das EMP, das seit seiner Eröffnung im Juni 2000 zu wenige Besucher anzieht, andere Gründe, seinen Schutzheiligen ins Magazin zu verbannen? Und was ist mit dem Schaden an der Seele des Pilgers? Der war untröstlich.


Sein Verschwinden: Unbegreiflich

Mehr als vier Jahre lang hatten Devotionalien von Johnny Allen alias James Marshall alias Jimi Hendrix (geboren am 27. November 1942 in Seattle; gestorben am 18.September 1970 in London) diesen Ort zum Lourdes der Rockgitarre-Gläubigen

geweiht. All die Filme von Hendrix-Konzerten, all die Nebengötter, von Eric Clapton und Jeff Beck bis Eddie Van Halen, die sich vor Hendrix als den Vom-Himmel-Gesandten, Unbegreiflichen, vorausfliegenden Jahrhundertkünstler verneigten, der den Blues "vom Mississippi-Delta zur Venus" katapultierte, konnten den Pilger nicht aus seinen Weinkrämpfen erlösen.
Er war gekommen, die weiße Stratocaster zu sehen, auf der Hendrix in Woodstock die Hymne "Star Spangled Banner" gespielt und mit einem heulenden Flächenbombardement von Feedbacks zerstört hatte. Er fand sie nicht mehr. Es war mehr als ein Kunstraub. Es war ein Sakrileg.

Was der Arme nicht begreifen konnte, ist, dass EMP und seine Schwester im selben Gebäude, das "Science Fiction Museum and Hall of Fame", über einen Geburtsfehler hinauswachsen wollen. Nämlich die halbprivate Liebhaberei eines märchenhaft reichen Mannes zu sein.

Eigenwilliges Museums-Gebilde

Paul Allen, Jahrgang 1953, Mitbegründer von Microsoft und in der Forbes-Liste der US-Superreichen zurzeit an fünfter Stelle mit 18 Milliarden Dollar Vermögen, ist ein Sohn Seattles wie sein Idol Jimi Hendrix. Und es gereicht ihm zur Ehre, dass die Stiftung in seinem Namen geschätzte 900 Millionen Dollar an karitative Projekte aller Art gegeben hat.

Zudem sammelt Allen Impressionisten, lokale Profiklubs im Basketball und Football, und eben Memorabilien aus dem Gebiet seiner Leidenschaften RocknRoll und Science Fiction. Nebenbei finanziert er private Raumfahrtprojekte. Man mag Paul Allen nachsehen, dass er Seattle bespielt und verwöhnt wie William Randolph Hearst einst sein Schloss in Kalifornien. Jener hatte seine Passion nie vergesellschaftet.

Der "Rosebud"-Moment von Citizen Allen könnte eine knapp überstandene Krebserkrankung 1983 gewesen sein. Er war zwei Jahre älter als Jimi bei seinem Tod im Drogenrausch, als ihm eine Rückenmark-Transplantation das zweite Leben schenkte.

Paul Allen gewann den Architekten Frank Gehry für sein Museum, das ursprünglich allein Hendrix und dem Rock gewidmet sein sollte. Rund 240 Millionen Dollar später hatte Gehry am Fuße der Space Needle ein vielfarbiges, buckliges Gebilde geschaffen, das unter Einheimischen "der Tropfen" genannt wurde und von dem (jüngst verstorbenen) Architekturkritiker der "New York Times", Herbert Muschamp, leider treffend beschrieben wurde als "ein Ding, das aus dem Ozean kroch, sich auf den Rücken rollte und starb".

Eigentlich ein Museum zum Prahlen

Bei Formen und Farben ließ sich Gehry, selbst Hendrix-Fan, von legendären Gitarren leiten, dem Gold der Gibson Les Paul, leuchtendem Stratocaster-Rot, Violett in Hommage an "Purple Haze". Es hilft alles nicht. US-Architekten wählten es 2002 auf den dritten Rang der "hässlichsten Gebäude der Welt".

Aber das ist nicht sein Problem. Hohe Eintrittspreise, für beide Museen getrennt, stießen Seattles Bürger ab. Erst seit März 2007 erlangt man für 15 Dollar Zutritt zum EMP wie zum Science Fiction Museum. Das Desinteresse ist, jenseits der Preise, unbegreiflich. Jedenfalls das EMP mit interaktiven Instrumentenkabinen, Aufnahmestudios und einem vorzüglichen, ständig wachsenden Musiker-Videoarchiv müsste der Neid jeder Großstadt sein, die dem Rock 'n' Roll eine Geschichte und eine Zukunft zubilligt.

Wo sonst können Besucher jedes Instrument des Rock unter Anleitung elektronischer Tutoren spielen, wo ihre Stimme erproben? Man kann in Seattle Vätern und Söhne zusammen jammen sehen; Dad am Bass, die Kids an Keyboard und Schlagzeug. Es klingt lausig, aber sie grinsen glücklich. Für knapp zehn Dollar kann man eine CD von der Session brennen. Woodstock meets HipHop im Rahmen der Familienzusammenführung.


Der Rocklegende müde

Es gibt im EMP ein Kino, in dem die Geschichte der Filmmusik bei Disney in Endlosschleifen mit Hendrix-Gigs läuft. "Three little Pigs" (1933) neben "Little Wing"; Mary Poppins' allerliebster Löffel Zucker zur Medizin vor "Rock me, Baby" in Monterey 1969 und "Purple Haze" in Berkeley 1970.

Jimi Hendrix beißt die Töne mit den Zähnen aus den Saiten, er reitet die Strat knieend auf dem Vibratohebel nach "Wild Thing" und zerschlägt endlich das kreischende, stöhnende Objekt seiner Lust. Hendrix machte Liebe auf der Bühne und erregt die Musikwelt noch immer wie niemand, der ihm nachfolgte. Jimi beseelt jede Ausstellung im EMP, auch die neue Schau über "American Sabor: Latinos in U.S. Popular Musik", die bis September 2008 von "Louie, Louie" über Santana bis Los Lobos führt.

Jenen Pilgern, denen Jimis Seele im EMP zu flüchtig scheint, ist ein Besuch an seinem Grab empfohlen. Zum Greenwood Memorial Park in Renton sind es nur ein Dutzend Meilen. Bis November 2002 musste man nach der einfachen Grabplatte mit

seinem Namen und der Stratocaster suchen. Die Umbettung in ein Grab unter einer Marmorkuppel macht es den Pilgern leichter. Sein Vater Al und seine Stiefmutter Ayako "June" sind hier bestattet.

Es heißt, der Hendrix-Klan, den Jimi postum immer reicher macht, arbeite eng mit dem EMP zusammen. Oder auch nicht. Die Kuratoren können nicht sagen, ob die Dauerausstellung mit Hendrix-Devotionalien zurückkehren wird. Es klingt, als seien sie seiner müde.