Neue Biografie

Wie der Krieger Jimi Hendrix zum Engel wurde

Der den Himmel küsste: In seiner neuen Jimi-Hendrix-Biografie betrachtet der Autor Klaus Theweleit vor allem die Psyche des Gitarrengottes und wischt alle Verschwörungstheorien zu dessen frühem Tod beiseite. Dabei gelingt Theweleit das Kunststück, Hendrix so zu beschreiben, wie es vorher noch nie jemand getan hat.

Nicht, dass ein weiteres Buch über den kurzen Erdenaufenthalt des Gitarristen Jimi Hendrix zwingend notwendig gewesen wäre: Es gibt gründliche Biografien, von Charles Cross, Harry Shapiro und Charles Shaar Murray. Am 27. November hätte Hendrix seinen 66. Geburtstag feiern können, tot ist er seit 38 Jahren.

Es gibt rundere Zahlen. Und vor allem gibt es niemanden, der Jimi Hendrix keine Titel zugestünde wie „Electric Wizard“ und „Intergalaktischer“, die ihm sein Biograf Klaus Theweleit heute verleiht. Der dünne schwarze Amerikaner ließ die Rockmusik erwachsen werden. Seine Virtuosität blieb unerreicht. So weit, so gut. Und es ist auch nicht so, dass man nicht wüsste, wie es für ihn ausging.

Aber Jimi Hendrix war ein Mann, der Uniformen aus der Kolonialzeit trug und die Gitarre entweder als Phallus handhabte oder um Kriegslärm zu erzeugen. Hier kommt zwangsläufig Klaus Theweleit ins Spiel. Seit 30 Jahren arbeitet sich Theweleit am Krieger ab. Am Mann, am Körperpanzer, am Soldaten.

Seine kulturellen Theorien scheinen rückblickend geradewegs zu Jimi Hendrix hin zu streben. „Männerphantasien“, „Buch der Könige“, „Orpheus“, „Absolute(ly) Sigmund Freud“, selbst Schriften über Pocahontas, Film und Fußball. 1942 kamen beide auf die Welt, in Ostpreußen und Seattle, der eine starb mit 27, und der andere ist 66. 27 gilt als ominöse Deadline für die Himmelfahrt des Frühvollendeten im Rock 'n' Roll.

Klaus Theweleit zieht diesmal einen Mitautoren hinzu. Der Österreicher Rainer Höltschl war vermutlich für die lästige Erzählung zuständig, für Quellen, Daten, Fakten, und wohl weniger für wildere Kapitel wie „Gender-Lyrics & musikalische Solidaritäten“ oder „Störungen. Zerstörungen“. Man könnte sagen: Höltschl liefert das Gerüst sowie den Unterbau, vergleichbar Hendrix’ braven Rhythmusknechten auf der Bühne.

Dafür unternimmt Klaus Theweleit die abenteuerlichen Ausflüge. Man staunt, schüttelt den Kopf und freut sich über rätselhafte aber irgendwie berührende Sätze wie: „Geräte sind nicht nur Verstärker seiner Gitarre, sondern Amplifier des Wunsches nach einer anderen Galaxie; Verstärker seiner Ausbruchssehnsucht, Raumschiffe zu einer anderen Körperbasis, von der aus die Electric Skies zu erreichen sind.“

Tatsächlich: Das ist über Jimi Hendrix so noch nicht geschrieben worden. Und vielleicht ist man das einem sogar schuldig, der gespielt hat, was zuvor niemand gespielt hat und noch immer nicht komplett begriffen wird. Wird Hendrix je verstanden werden? Oder handelt es sich bei den hinterlassenen Aufnahmen nicht nur um kunstgewerblichen Radau? Tat er, was er tun musste?

Hendrix’ Leben wird solide eingebettet

Hendrix’ Leben wird von Theweleit und Höltschl wiederum solide eingebettet in die Popkultur, in Politik und Psychoanalyse. Er wächst in verwirrenden Verhältnissen heran, bei unzähligen dominanten Frauen. Der herumbrüllende Vater bleibt ihm durch den Krieg erspart. Die Mutter ist verstärkt am eigenen Vergnügen interessiert.

Ihr Junge wendet sich dem Blues zu, musiziert erst auf dem Besen, dann auf billigen Gitarren, linkshändig. Besonders stolz ist er, dass ihn Indianerblut durchströmt. Die Mutter heißt Lucille, und als sie 1958 stirbt, singt Little Richard zufällig: „Lucille, please, come back where you belong.“

Das kann kein Zufall sein. Nach Auftritten mit Solomon Burke, Ike Turner, Otis Redding und den Isley Brothers landet Hendrix in der Tat bei Little Richard, 1965. Erst kopiert er sein Idol, danach verlässt er es. Soldat ist Hendrix auch, bei der berühmten 101. Fallschirmspringer-Einheit, die bereits die Landung in der Normandie gesichert hatte.

Als die dienstübliche Langeweile sich in Hendrix breit macht, täuscht er vor, akut an Homosexualität zu leiden. Er wird Gitarrist in Nashville, wo er regelmäßig aus den Bands geworfen wird. Wegen dem „wilden Zeugs“ (Solomon Burke), das er sich nie versagen kann.

Seine New Yorker Lehrjahre werden von einer Frau erleichtert, Linda Keith verfügt über entsprechende Kontakte. Auch in London hilft ihm eine mütterliche Freundin. Seiner „Foxy Lady“, Kathy Mary Etchingham, lässt Hendrix später selbst den Wind nachweinen. Als er über London einschwebt, blickt er aus dem Fenster wie aus einem Bauchnabel.

Von der Gebärmutter singt Hendrix dann in „Belly Button Window“. Reihenweise stürzt er die Gitarrenkönige, und in Gestalt von Eric Clapton stößt er sogar Gott vom Thron. Zunächst verziert er die Gitarren mit den Namen seiner Bräute. Bis ihm eines dieser Mädchen eine weiße Fender Stratocaster schenkt. Sie wird die Liebe seines überstürzten Lebens.

Kultiviertes Publikum war wichtig

Es braucht das kultivierte Publikum in Alteuropa, um dieses Genie zu würdigen. In München prügelt Hendrix erstmalig sein Instrument entzwei, stets auf der Suche nach dem unverbrauchten Klang und bestmöglicher Unterhaltung seiner Zuhörer. Beim ersten großen Festival in Monterey bringt er, der Wahlbrite, den ignoranten Amerikanern die Gitarre dar als Brandopfer. Als Hostie in seiner „Electric Church“, wie Theweleit erklärt.

Der Rest des Künstlerlebens stellt sich auch in diesem Hendrix-Buch als ruinöser Arbeitsalltag dar. Die Frauen und die Drogen, endlose Tourneen und erwartungsfrohe aber einfältige Auditorien. Sogar die Musik artet in Arbeit aus. Die Zeichen für ein baldiges Ende häufen sich. Eine Tarot-Karte im Urlaub in Marokko. Verszeilen wie „Fühl mich auf dem Boden meines Grabes“ und „Entschuldigung: Ich küss den Himmel“. Noch am Leben, aber schon verklärt.

Am 18. September 1970 liegt der Rockstar tot im Bett. Erstickt am Mageninhalt, weil er zuviel Vestax eingenommen hatte. Sämtliche Verschwörungstheorien wischt auch Theweleit beiseite. Dafür nimmt er sich der kollektiven Psyche an, die Hendrix in den „semireligiösen Opfertod“ getrieben habe, um sich von den eigenen Sünden rein zu waschen. Wie zuvor bei Che Guevara, später bei den Selbstmördern der RAF. Es geht, wenn wir das recht verstanden haben, wieder um Kannibalismus, Krieg und Kreuzigung. Zumindest sinnbildlich.

Was für ein schönes Buch: Der Text begnügt sich nicht damit, an Jimi Hendrix das Messianische und Musikalische zu würdigen. Der Frauenverbrauch wurde auch früher schon freudianisch ausgedeutet; auch bei Theweleit wird „frühkindlich aus der Fruchtblase musiziert“. Aber es handelt obendrein vom großen Ganzen. Was in diesem Fall bedeutet: Hier wird weniger untersucht, wie sich der größte Gitarrist der Weltgeschichte stellvertretend selbst befriedigt, sondern wie sich Hendrix selbst befriedet.

Die Musik rückt in den Mittelpunkt

Dabei lässt Klaus Theweleit nichts aus. Weder die Vorstellung des schwarzen Musikers, er sei in Frieden aus entfernten Galaxien angereist. Noch die besänftigende innere Rückkopplung im LSD-Rausch. In den Mittelpunkt rückt wieder die Musik, die Hendrix aus sich selbst heraus erzeugt. Mithilfe von Technologien und Geräten, die der kriegswichtigen Forschung einiges zu verdanken haben.

Es wird einem nicht zu leicht gemacht. Man ist zwar einiges gewöhnt an küchenpsychologischen Symbolen und an all der Thesenmacherei, der sich seit Freud so angesammelt hat. Aber das wäre Theweleit zu billig. Ohne Resonanzmodelle ist sein Hendrix nicht zu haben: Wer Musik bei anständigem Pegel hört, versetzt auch Hirn- und Muskelzellen in Schwingung.

Zwischen die Musik und ihren Spieler/Hörer tritt der „Dritte Körper“, den die Psychotherapie so gern herbei beschwört. Der Friedensengel. Um es stark verkürzt zu sagen: Mann wird zahm. Um es mit Theweleit zu sagen: „Hendrix’ Fender Stratocaster als Radiergummi, der abgestorbene Reste von seinem/ unserem Nervenkostüm abrubbelt. Bon.“

Die Droge Blutrausch

Vom Ich zum Wir, von Jimi Hendrix zur Generation der Nachkriegszeit und allen folgenden: „Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte sich der Droge Blutrausch verschrieben (…) Die Zentraldroge der Sechziger – Music is the Healing Force of the Universe – verschob die politische Szenerie komplett. Resultat war eine Generation, die nicht primär nach Tötungen verlangte.“

Als Beleg wird auch an dieser Stelle das Konzert von Woodstock angeführt, als Hendrix sich die Nationalhymne Amerikas vornahm. Indem er Bombenteppiche und Tiefflieger auf der Gitarre imitierte, habe er die Hymne keineswegs zerstört. Sondern die „Über-Hymne“ eines friedlichen Amerika, die ewige Utopie der Popkultur geschaffen. Peace.

Man muss das alles nicht durchweg begreifen und den armen Gästen auf der nächsten Party vortragen. Man kann auch Hendrix nicht zu jedem Anlass hören. Umso besser: Unzählige Bücher werden noch um Jimi Hendrix kreisen. Weniger originell, dafür im biografischen Detail wieder erschöpfender. Nicht, dass es nicht bereits genügend davon gäbe. Doch je zeitiger jemand verschwindet, umso länger bleibt er da.

Klaus Theweleit, Rainer Höltschl:: Jimi Hendrix. Eine Biografie; Rowohlt, Berlin. 250 S., 17,90 €.