Körper

Alles mit links – Linkshänder in der Kunst

Erstaunlich viele Kunstschaffende sind Linkshänder von Beethoven über Kafka bis Paul McCartney und Greta Garbo. Dennoch wollte nicht nur Margot Honnecker Kinder auf die rechte Hand umpolen, etwas "mit links" machen war verpönt. Nun gibt es eine neue Studie zur Linkshändigkeit. Eine Ergründung der Mythenbildung.

Foto: pa/chromorange

Vor zwei Wochen lancierte ein Sportwissenschaftler der Universität Münster die breitenwirksame Frage, warum sich unter erfolgreichen Spitzensportlern überdurchschnittlich viele Linkshänder finden. Von September an will Norbert Hagemann in der Studie „Lateralität (Seitigkeit) im Sport“ letztgültig erklären, warum 20 bis 55 Prozent der (nicht gedopten) Topathleten Linkshänder sind. Und das eingedenk von nur zehn bis 15 Prozent dieser manuellen Präferenz im Bevölkerungsdurchschnitt.

Mitte vergangener Woche empfing eine respektvoll erschütterte Welt dann noch die Nachricht, dass sich britische Wissenschaftler sicher sind, dass Linkshänder ein gegenüber Rechtshändern erhöhtes Risiko haben, eine Psychose oder eine schizophrene Störung zu entwickeln. Das Forscherteam der Universität Oxford will zudem im menschlichen Genom jenen Abschnitt aufgespürt haben, der dafür verantwortlich ist, wer welcher Hand bei Arbeit, Sport und Spiel den Vorzug gibt.

Die Vorurteils-Liste ist lang

Mag sein, dass das lokalisierte Gen namens „LRRTM1“ wirklich die Schlüsselrolle spielt, die ihm unterstellt wird: dafür zuständig zu sein, welcher Teil des Gehirns spezifische Funktionen wie Sprache oder Gefühle verwaltet. Doch selbst wenn dieser Fund sich erhärten ließe, würde er zunächst nur einen altbekannten Befund bestätigen: dass trotz zahlloser Forschungsprojekte in den vergangenen Jahrzehnten völlig unklar geblieben ist, welche Rolle die Asymmetrie des Gehirns für die instabile Seitenlage und insbesondere die Händigkeit mancher Menschen spielt.

Linkshänder müssen seit jeher mit vielen Zuschreibungen leben, von denen besondere Sportlichkeit oder eine Disposition zur Schizophrenie noch moderate Eigenschaften darstellen. Da ist etwa das langlebige Vorurteil, dass Linkshänder über besonders viel kriminelle Energie gebieten. Eine These, für die Billy the Kid, Jack the Ripper und Albert DeSalvo, der mutmaßliche „Würger von Boston“, durchaus einstehen könnten, FBI-Gründer J. Edgar Hoover hingegen nach allgemeiner Ansicht wohl kaum.

Und da gibt es zudem etliche Malaisen von Legasthenie über Asthma, Heuschnupfen und Diabetes bis hin zu Alkoholismus und Schlaflosigkeit, die sogar von medizinischen Fachorganen gern auf Linkshändigkeit zurückgeführt werden, ohne dass es für diese Hypothesen auch nur halbwegs überzeugende Beweise gäbe.

Intelligenter als Rechtshänder?

Doch auch euphemistische Deutungen, die das andere Extrem markieren, sind mit Vorsicht zu genießen. Dass Linkshänder etwa als intelligenter und kreativer als Rechtshänder gelten, ist durch den Nachweis fehlerhafter Interpretationen von Statistiken längst ins Reich der Fabel verwiesen worden, hält sich aber hartnäckig in dem für einsinnige Zuschreibungen empfänglichen kollektiven Gedächtnis. Auch der Umstand, dass mit Björn Borg und John McEnroe, mit Monica Seles und Martina Navratilova einige Weltklassetennisspieler der Linken auf dem Court den Vorzug gegeben haben, reicht nicht für einen begründeten Höchstbegabungsverdacht aus.

Es wäre auch zu einfach, wenn man in Ermangelung eines auffindbaren Genie-Gens die folgenden Prominenten aufgrund ihrer Linkshändigkeit schon im Kindesalter als künftige Ausnahmeerscheinungen hätte qualifizieren können: Friedrich II. und Bill Gates, die Physiker Newton, Einstein und Curie, Napoleon Bonaparte. Nicht zu vergessen die amerikanischen Präsidenten Ford, Reagan, Vater Bush und Clinton. Ausgerechnet der glücklose Jimmy Carter ist Rechtshänder – kann das Zufall sein?

Vor allem die Liste mit Namen linkshändiger Kulturschaffender ist lang: Für Dürer, Holbein, Klee und da Vinci, den ohnehin verdächtigen Spiegelschriftschreiber, galt ebenso links vor rechts wie für Kafka, Andersen, Goethe, Beethoven und Britten, Jimi Hendrix und Paul McCartney. Auch Chaplin und Nietzsche, Greta Garbo und Marylin Monroe gaben der sowohl alltagssprachlich als auch kultur- und politsymbolisch pejorativ besetzten Linken den Vorzug. Ihr Pech, dass sie in Zeiten aufwachsen mussten, in denen ihre Händigkeit meist als Handicap, ihr Wesen daher oft als linkisch, ihr Charakter gar als link eingeschätzt wurde.

Mit allen Mitteln umgepolt

Man denke nur an Margot Honecker, die als Volksbildungsministerin mit teils brachialen Mitteln dafür sorgte, dass Linkshänder zumindest im Medium der Schrift umgeschult wurden. Das war in der NS-Diktatur nicht anders. So laboriert der Dramatiker Heiner Müller in seinem Werk wortreich daran, dass er als Fünfjähriger von der linken, der bösen, auf die rechte, die gute Hand, umgepolt wurde.

Rehabilitiert wurde die Linkshändigkeit in unserem Kulturkreis zögerlich (und zunächst nur außerhalb der DDR) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damals erklärten liberalere Geister, zumal Erziehungswissenschaftler, den vermeintlichen Makel für gesellschaftsfähig.

Dass das noch nicht zu einer Reintegration der Linkshänder geführt hat, versteht sich beinahe von selbst angesichts der Jahrtausende währenden Wirkungsmacht der Stereotypen bezüglich der linken Seite, deren Gründe sich ebenso wenig zweifelsfrei benennen lassen wie die Ursachen von Linkshändigkeit.

Rechts vor links?

Kulturgeschichtlich wurde unter anderem der vom rechten Weg abgefallene Teufel mit links in Verbindung gebracht. Dieser zwischen Segen und Fluch gespannte Dualismus – Christus sitzt zur Rechten Gottes, das Verdammenswerte stets zur anderen Seite – beherrscht auch religiöse und gesellschaftliche Symbolsysteme der Antike.

Für die alten Griechen lässt sich die so genannte Tafel der Gegensätze namhaft machen, die Pythagoras zugeschrieben wird: Dort sind weitere zwischen Fluch und Segen zu verortende Gegensatzpaare aufgelistet – zu links fügen sich weiblich und dunkel, zu rechts männlich und hell. Platon schließlich schrieb in den „Gesetzen“ für Jahrhunderte verbindlich fest, dass „Rechts und Links bei uns rücksichtlich des Gebrauches der Hände für jede Art von Tätigkeit von Natur aus verschieden sind“. Auch hier gilt rechts vor links.

So ging es im Abendland in allen Epochen und Lebensbereichen weiter mit der Stigmatisierung der Linken. Da verwundert es nicht, dass sich diese Klassifikation ideologisch, also auch in der parlamentarischen Sitzordnung wiederholt. In „Der ‚linke' Mythos“, einem Kapitel seiner Studie „Mythen des Alltags“, hat der Semiotiker Roland Barthes gezeigt, dass die kulturell dominante Rechte die kulturell seit jeher unterdrückte Linke rhetorisch und symbolisch so sehr unter der Fuchtel hat, dass es die politische Linke in Europa doppelt und dreifach schwer hat zu reüssieren. Da mag das Herz noch so sehr links schlagen. Vielleicht ändert die sportwissenschaftliche Studie zur Lateralität ja etwas an dieser kulturellen Schieflage.