Schlager

"La Paloma" – Eine Schnulze geht um die Welt

| Lesedauer: 8 Minuten
Sven von Reden

"La Paloma" ist ein globaler Gassenhauer. Das Lied wurde bekannt in allen Winkeln der Welt, doch der Song wird, je nach Landstrich, verschieden interpretiert. Jetzt kommt ein Dokumentarfilm über die Geschichte des Liedes ins Kino - und auch ein Buch erklärt, warum "La Paloma" so herzergreifend ist.

Es ist das Lieblingslied der Deutschen, ergab eine Umfrage der "Bild". Die weltweite Beliebtheit steht dem kaum nach: Wahrscheinlich wurde keine andere Komposition in so vielen unterschiedlichen Versionen gesungen, gezupft und geblasen - sei es auf Hochzeiten oder Beerdigungen, zum Einschlafen oder auf Demonstrationen, als Tango, Walzer oder Marsch, als Reggae, Rocknummer oder Countrysong.

"La Paloma" ist ein Lied der Superlative, ein globaler Gassenhauer mit einer bewegten 150-jährigen Geschichte, die lehrt: Wenn weltweit alle die gleiche Melodie pfeifen, muss nicht das Schreckgespenst einer gleichgeschalteten globalisierten Monokultur an die Wand gemalt werden. Sigrid Faltins Dokumentarfilm über das Phänomen "La Paloma" (Kinostart: 26. Juni), das liebevoll gestaltete Buch zum Film (Marebuchverlag) und die dazugehörige CD-Box führen im Gegenteil mustergültig vor, auf welch kreative Weise ein kultureller Import angeeignet werden kann. Und je mehr Missverständnisse es dabei gibt, umso interessanter ist oft das Ergebnis.

Es ist gar kein Seemannslied

In Deutschland ist eines dieser Missverständnisse, "La Paloma" sei ein Seemannslied. Dafür sorgte der Mainzer Orchesterleiter Heinrich Rupp. Um 1880 versah er das Lied für einen Musikverlag mit einem schwermütigen deutschen Text, in dem ein Matrose mit "schwarzen Gedanken" in See sticht.

Ein düsteres Seemannslied ist es auch in Helmut Käutners Erfolgsfilm "Große Freiheit Nr. 7" aus dem Jahr 1943 geblieben, obwohl der Regisseur den Text für seinen Hauptdarsteller Hans Albers neu schrieb. In einer Hafenspelunke singt der Hamburger von Fernweh und Fatalismus: "Einmal holt uns die See / Und das Meer gibt keinen von uns zurück / Seemanns Braut ist die See / Und nur ihr kann er treu sein." Das waren nicht die patriotischen Durchhalteparolen, die sich die Nationalsozialisten zum Kriegsende wünschten. Joseph Goebbels verbot den Film. Seine Uraufführung musste er in Prag feiern, in Deutschland wurde er erst nach Ende des Krieges gezeigt.


1961 machte dann Freddie Quinn "La Paloma" zu seinem größten Hit. Zunächst sang der ehemalige Fremdenlegionär den spanischen Originaltext des Basken Sebastián Iradier, bevor er im zweiten Teil zu Rupps Seemannsversion wechselte - schließlich galt es, sein Image als "Junge von St. Pauli" zu bewahren. Mehr als ein halbes Jahr lang hielt sich die damals schon über 100 Jahre alte Komposition in der deutschen Hitparade.

Der genaue Ursrpünge ist unbekannt

Wo und wann "La Paloma" genau komponiert wurde, ist nicht bekannt. Auch wenn in Iradiers ersten Zeilen der Abschied von einer Geliebten in Havanna beschrieben wird, gibt es keine Beweise, dass der als arrogant verschriene Frauenschwarm jemals selbst auf Kuba war oder das Lied dort geschrieben hat. Vielleicht wollte er sich nur lustig machen über die in den 1850er-Jahren in Paris kursierende Kubamode. Die rhythmische Form der Habanera, die er für sein Lied wählte, kann er auch in der französischen Hauptstadt aufgeschnappt haben, wo er als Gesanglehrer der Kaiserin Eugenie arbeitete. Vermutet wird, dass entweder die italienische Gesangsdiva Marietta Alboni "La Paloma" 1855 erstmals gesungen hat oder der spanische Bariton Francisco Salas im Jahr 1857.

Sicher ist, dass das Lied 1866 in Mexiko politische Brisanz erlangte. Damals herrschten der von Napoleon III. auf den Thron gehievte glücklose Kaiser Maximilian von Habsburg und seine Gattin Carlota über das Land - statt des gewählten Präsidenten Benito Juárez. Als bekannt wurde, dass "La Paloma" das Lieblingslied des Paares war, verbreiteten sich Spottversionen der Republikaner, in denen die titelgebende Taube durch einen dürren Esel aus Österreich ersetzt wurde.

Sigrid Faltin zeigt in ihrem Film, dass diese Tradition in Mexiko bis heute lebendig ist. Sie begleitet die berühmte mexikanische Sängerin Eugenia León, die seit Mitte der neunziger Jahre immer wieder "La Paloma" als politisches Protestlied umdichtet, gegen Bushs Irak-Krieg, gegen "neoliberale Geier" oder gegen Wahlbetrug im eigenen Land. Von Mexiko aus wanderte das Lied noch im 19. Jahrhundert auf kuriosen Wegen nach West und Ost. Im Gepäck mexikanischer Cowboys gelangte es bis nach Hawaii.

Ein Lied zum Einschlafen

König Kamehameha III. hatte die Viehhirten eingeladen, um der Rinderplage auf seinen Inseln Herr zu werden. Die Männer brachten Gitarren mit - und "La Paloma". Beide Importe nahmen die Einheimischen auf ihre Art an: Die Gitarren stimmten die Hawaiianer offen, damit sie schön klingen, auch wenn kein Akkord gegriffen wird, und Iradiers Komposition passten sie ihrem eher entspannten Temperament an. Im Film kommt ein Virtuose der Hawaiigitarre alter Schule zu Wort, dessen Lehrer ihm riet, das Lied schön langsam zu spielen: "Wenn die Leute dabei einschlafen, dann hast du es richtig gemacht."

Weit nach Osten gelangte "La Paloma" durch böhmisch-österreichische Soldaten, die nach dem Sieg der Republikaner und der Hinrichtung Kaiser Maximilians aus Mexiko flohen. Invalide Heimkehrer bekamen oft zum Erbetteln ihres Lebensunterhalts Leierkästen in die Hand gedrückt, mit denen sie "La Paloma" im ganzen Habsburgerreich verbreiteten. Natürlich wurde die Komposition rhythmisch angepasst: Aus dem 2/4-Takt der Habanera wurde in der k. u. k. Monarchie ein Wiener Walzer.

Faltin findet am südöstlichen Zipfel des ehemaligen Habsburgerreichs noch den Brauch, "La Paloma" bei Beerdigungen zu spielen. Der Pastor hat nichts dagegen. Das Lied sei passend für den auch fröhlichen Anlass. Der Übergang in die Ewigkeit soll schließlich gefeiert werden. Auch auf Sansibar, vor der Ostküste Afrikas, wird die Komposition mit einem wichtigen Ritus verknüpft, der - im Idealfall - ein "ewiges" Bündnis besiegelt: Hochzeitssänger stimmen "La Paloma" hier zum Abschluss der Feierlichkeiten an, um alle versöhnt und friedlich nach Hause zu schicken.

Klaus Doldinger: "Strahlendes Dur"

Eine wirkliche Erklärung dafür, warum Sebastián Iradiers Komposition auf der ganzen Welt so erfolgreich ist und derart unterschiedliche Interpretationen herausfordert, gibt weder der Film noch das Buch. Der Münchner "La Paloma"-Experte Kalle Laar resigniert im Film: "Wenn ich wüsste, wie das funktioniert, würde ich nach dem gleichen Muster ein Stück nach dem anderen schreiben und sehr wohlhabend werden."

Jazzmusiker Klaus Doldinger versucht es im Buch mit Erläuterungen zur Komposition: "Die Melodie laviert ganz eigentümlich in einem Bereich zwischen Schnulze und Anspruch. Da geht es von einem strahlenden Dur abrupt in einen verminderten Akkord. Dass manche Musikkritiker nicht unbedingt darauf abfahren, ist verständlich. Aber wir normalen Menschen mögen so etwas." Der kleinste gemeinsame Nenner der weltweiten "La Paloma"-Begeisterung scheint das Gefühl der Sehnsucht zu sein, das die Melodie auslöst. Sehnsucht nach einer Frau, nach der Ferne, nach Frieden oder nach politischen Veränderungen - die konkreten Ausformungen werden je nach Land und Zeit in unzähligen neuen Liedtexten zum Ausdruck gebracht, das Gefühl aber bleibt.

"La Paloma" bietet einen flexiblen Rahmen, in dem lokale Themen und Traditionen Platz haben. Hinter dem Stück steckt zwar kein international agierender Medienkonzern, dennoch lässt sich an Iradiers Lied zeigen, wie im positivsten Fall so etwas wie kulturelle Globalisierung ablaufen kann. Nicht als Standardisierung, sondern als "Globalisierung", wie sie der Soziologe Ronald Robertson beschrieben hat: als lokale Vervielfältigung einer universellen Vorlage. Für diese schöpferische Aneignung bieten all die "La Paloma" interpretierenden mexikanischen Protestbarden, hawaiischen Slidegitarristen und afrikanischen Hochzeitssänger das vielleicht schönste Beispiel.

Sigrid Faltin, Andreas Schäfler: La Paloma. Das Lied. Marebuch, Hamburg. 191 S., 4 CDs (Trikont), 48 €