Kino

Julia Roberts' sexy Kampf für Afghanistan

| Lesedauer: 6 Minuten
Matthias Heine

Kalter Krieg? Eiserner Vorhang? Die Sowjetunion? Alles fast vergessen. "Der Krieg des Charlie Wilson" erzählt die Geschichte des ersten Afghanistan-Krieges, als die USA muslimische Kämpfer gegen Russland unterstützten. Eine köstliche Komödie: Drei Stars spielen um die Wette – und gewinnen alle.

Julia Roberts sieht aus wie geliftet. Tom Hanks’ Haut wirkt, als würde er Whiskey nicht nur trinken, sondern darin baden. Und der wieder einmal alle an die Wand spielende Philip Seymour Hoffman erscheint ungefähr 20 Jahre älter, als er wirklich ist (nämlich 40) – kaum zu glauben, dass er vor gerade 15 Jahren in „Der Duft der Frauen“ noch einen Schüler spielen konnte, der Ähnlichkeit mit Olli Kahn hatte. „Der Krieg des Charlie Wilson“ ist wahrhaftig ein Kostümfilm. Und wie alle Kostümfilme handelt er von einer fernen Epoche, nämlich der Endphase des Kalten Krieges in den Achtzigerjahren.

Damals hielt man den Kommunismus noch für gefährlicher als den Islam. Und deshalb sorgt der amerikanische Kongressabgeordnete Charlie Wilson (Tom Hanks) dafür, dass die USA die afghanischen Gotteskrieger im Krieg gegen die russischen Eindringlinge unterstützen. Vor allem brauchen sie Flugabwehrraketen und Panzerfäuste. Am Ende, 1989, ziehen sich die Russen zurück, und ihr Imperium geht bald den Bach runter.

Wo liegt noch gleich der Hindukusch?

Mancher, der den Film von Hollywood-Altmeister Mike Nichols („Die Reifeprüfung“) heute sieht, wird sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, die Russen in aller Ruhe die Drecksarbeit für den Westen machen zu lassen. Bezeichnenderweise ist der einzige Mudschaheddin, der im Film erwähnt wird, Ahmad Schah Massoud, der frankophile Lieblingsgotteskrieger des Westens, der 2001 einen Tag vor den Twin-Towers-Anschlägen umgebracht wurde.

Daran, dass zu den Profiteuren der US-Unterstützung am Ende solche Galgenvögel wie General Dostum und Gulbuddin Hekmatyar gehörten, will man sich heute lieber nicht erinnern. Und igendwo in diesem Gruselkabinett lief auch schon ein hoffnungsvoller Nachwuchsmassenmörder namens Osama Bin Laden herum, dessen Leute allerdings regelmäßig von den Russen auf die Fresse bekamen. Man hat immer das Gefühl, dass die Amis gar nicht so genau wussten, wem sie da Waffen gaben. Charlie Wilson gilt ja schon als Experte, weil er Afghanistan von Usbekistan unterscheiden kann und ungefähr auf der Landkarte zeigen kann, wo die Länder am Hindukusch liegen.

Im Film wird ausführlich von den Gräueln der Roten Armee in Afghanistan gesprochen und das Elend der Flüchtlingslager gezeigt, um die moralische Berechtigung des Wilsonschen Engagements zu verdeutlichen. Doch niemand bezweifelt, dass die Unterstützung der Mudschaheddin moralisch war. Man kann nur daran zweifeln, ob sie klug war. Und ob es wirklich stimmt, dass die US-Politik nur das „Endspiel“ versaute, indem sie nichts in den Wiederaufbau Afghanistan investierte, ins heute so genannte „Nation Building“. Am Ende des Film ist kleinlaut die Rede davon, dass der „Ball weiterhüpfte“ und dass nun die Extremisten in Massen nach Kandahar strömen.

So funktioniert Politik

Den Abgeordneten Charlie Wilson gibt es übrigens wirklich. Und er glaubte an das was er tat, so wie er an die sinnlichen Freuden des Lebens glaubte. Man muss lachen, wenn im Film noch einmal die Rede von der „kommunistischen Bedrohung in El Salvador“ die Rede ist, wo die USA die blutigsten rechten Todesschwadronen unterstützten. Oder wenn Wilson dafür gelobt wird, dass er die Contras in Nicaragua unterstütze – auch kein Ruhmesblatt und ein Flop der US-Mittelamerikapolitik.

Es ist aber auch nicht entscheidend. Denn „Der Krieg des Charlie Wilson“ ist einer besten Filme, der zeigt wie Politik funktioniert, und dass man sich beim Schmieden von erfolgreichen Allianzen nicht zu sehr an starre Fronten klammern sollte.


Wilson schafft es mit Hilfe eines rüpelhaften CIA-Agenten (Philipp Seymour Hoffman) immerhin sogar, die schwer reiche Christin Joanne (Julia Roberts), den islamistischen Präsidenten Pakistans und die Israelis an einem Strang ziehen zu lassen. Ein Ägypter erklärt dem israelischen Waffenhändler, sein Wunsch „alle Ungläubigen sollen in der Hölle braten“, sei „nicht persönlich“ gemeint. Und der Pakistani will vor allem „keine verdammten Davidsterne“ auf den Waffenkisten.

Satirisch sind nur die Details

Angekündigt wird „Charlie Wilsons Krieg“ als „Satire“. Es ist aber ein ganz ernst gemeinter komischer Film. Satirisch sind nur viele Details. Etwa wenn der CIA-Agent sich freut, dass der ganze Presserummel um Charlie Wilsons vermeintliche Kokain-Affäre so wunderbar von dessen wirklich wichtigen Afghanistan-Aktivitäten ablenkt. Oder wenn Wilson gefragt wird: „Warum tut der Kongress nichts?“ „Zum Großteil aus Tradition.“

Die Figuren sind so wunderbar erwachsen: „Es wird also kein zweites Mal geben?“ fragt Wilson nach dem Sex in der Wanne liegend. Joanne antwortet orgasmussatt: „Es gab bereits ein zweites Mal.“

Nicht nur die doppelbödigen Dialoge aus der Feder des Drehbuchautors Aaron Benjamin Sorkin (der auch die Weißes-Haus-TV-Serie „West Wing“ schrieb) erinnern an die besten Traditionen des klassischen Hollywoods, als noch die Aphorismen explodierten und nicht bloß jedes Mal 200 Autos pro Film.

Zusammenspiel von Erotik und Weltgeschichte

Auf eine frivol Lubitsch-hafte, extrem amüsante Weise bringt Regisseur Nichols Erotik und Weltgeschichte zusammen: Die fallenden Trümmer eines explodierten Russen-Hubschraubers werden überblendet in den wackelnden Hintern einer Assistentin, die durch die Flure des Kongressgebäudes geht.

Spannend wird es auch, wenn der CIA-Agent mahnt, die Millionärin solle ihre religiöse Metaphorik zügeln, denn: „Amerika führt keine Religionskriege. Deswegen lebe ich gern in diesem Land.“ Das kann man auch als Seitenhieb gegen die Rhetorik Bushs verstehen, der sich ja dazu hinreißen ließ, den neuen Afghanistan-Krieg als „Kreuzzug“ zu preisen, bis ihn jemand darauf hinwies, dass das nicht so klug sei.