Unwort des Jahres

Warum auch ein Wort der Kanzlerin Chancen hat

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An diesem Wochenende fällt die Entscheidung über das "Unwort des Jahres". Der Chef der populären sprachkritischen Aktion, Prof. Horst-Dieter Schlosser, begründet, warum auch einer sprachlichen Entgleisung der Kanzlerin die zweifelhafte Ehre zuteil werden könnte.

Bei der Wahl des „Unworts des Jahres“ hat auch der von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) benutzte Begriff „Flüchtlingsbekämpfung“ gute Chancen. Bei einem Vortrag bei der Bertelsmann-Stiftung habe Merkel davon gesprochen, dass auch Deutschland seinen Beitrag zur „Flüchtlingsbekämpfung“ leiste, erinnerte sich der Sprecher der sprachkritischen Aktion, Prof. Horst-Dieter Schlosser, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Merkels Begriff gehört zu den 982 verschiedenen Vorschlägen für das Unwort des Jahres 2009. Unter einem Unwort verstehen die Initiatoren sprachliche Missgriffe in der öffentlichen Kommunikation, die sachlich grob unangemessen sind oder sogar die Menschenwürde verletzen. Im vergangenen Jahr hieß das Unwort „notleidende Banken“.

Bei „Flüchtlingsbekämpfung“ stelle sich unter anderem die Frage, inwieweit die militärischen Aktionen im Mittelmeer damit gemeint seien. Der Begriff „betriebsratsverseuchte Mitarbeiter“ gehört zu Schlossers persönlichen Favoriten.

Damit werde „die Wahrnehmung von Arbeitnehmer-Interessen als Seuche und überhaupt als Krankheit“ verstanden, kritisierte er. Chancen habe auch der Begriff „Intelligente Wirksysteme“, mit dem eine Waffenfabrik ihre Munition bezeichnet habe. „Zielgerichtetes Verkranken“ aus dem Jargon der Krankenkassen sei ebenfalls unwortverdächtig. Dahinter stehe: „Je kränker der Patient, umso besser für die Krankenhäuser.“

2018 Vorschläge für das Unwort des Jahres gingen insgesamt ein, etwa so viele wie im Vorjahr. Am häufigsten – nämlich 183 Mal – sei dabei das „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ genannt worden. Damit sei aber mehr Sach- als Sprachkritik verbunden, sagte Schlosser.

Der Bundestagswahlkampf, die Regierungsbildung und die Finanzkrise hätten die Bürger am stärksten zu Vorschlägen angeregt, sagte Schlosser. Als Beispiele nannte er „Bad Bank“, „Bonuszahlungen“, „Abwrack-“ und „Umweltprämie“, „Schattenhaushalt“ und „Sondervermögen“.

Unter den häufigsten Einsendungen finde sich auch „systemrelevant“ als Bezeichnung für einige Wirtschaftszweige, „weil da Milliarden Euro für bestimmte Unternehmen locker gemacht werden und die anderen sehen müssen, wo sie bleiben“, erläuterte Schlosser.Das Unwort wird zum 19. Mal gesucht. Wie häufig ein Begriff vorgeschlagen wurde, spielt dabei keine Rolle.

Die Jury besteht aus vier festen Mitgliedern, allesamt Wissenschaftler, und ein bis zwei wechselnden Mitgliedern der Sprachpraxis. Das sind diesmal Stephan Hebel von der „Frankfurter Rundschau“ und der Sozialethiker Prof. Friedhelm Hengsbach (Ludwigshafen). Neben Schlosser geben seit einigen Jahren die Wissenschaftler Prof. Margot Heinemann (Leipzig), Prof. Nina Janich (Darmstadt) und Prof. Martin Wengeler (Düsseldorf) ihr Votum ab. Am Dienstag wird die Entscheidung der Jury bekanntgegeben.

( dpa/omi )