Malerei

Als Rubens von seinen Vorgängern abkupferte

Malerkarriere ohne Urheberrecht: Nicht nur Kleinmeister, auch Künstler des Kalibers Peter Paul Rubens malten gern Bilder berühmter Vorgänger ab. Allerdings erschufen sie dabei trotzdem geniale Kunstwerke. Das beweisen jetzt Ausstellungen in der Alten Pinakothek in München und in der Londoner Tate.

Wenn sich die Lust erst mal Bahn bricht, helfen auch keine besänftigenden Worte mehr. Die zu allem entschlossene Eva fasst nach dem Apfel der Erkenntnis und löst im gleichen Moment ihr Ticket in die irdische Verdammnis. Adam versucht sie noch aufzuhalten.

Er hat den Oberkörper vorgebeugt und mit leichter Drehung seiner Gefährtin zugewandt. Mit der Hand berührt er sie fast zärtlich an der Schulter. So als wolle er Einwand erheben. Eva hat aber schon beherzt zugegriffen. Vielleicht hätte der Papagei etwas ausrichten können, der rot wie ein Warnschild im Geäst des linken Baumes hockt. Das Federvieh symbolisiert eigentlich Beredsamkeit. Doch im entscheidenden Moment hält er leider den Schnabel.

"Adam und Eva" hat der Maler schnörkellos diese Szene genannt, die jetzt in der Alten Pinakothek in München zu sehen ist. Beziehungsweise zweimal zu sehen ist. An der Wand hängt, rechts, der Sündenfall von Rubens mit dem roten Papagei und seinen versponnenen erzählerischen Details.

Und gleich daneben hängt, links, noch einmal fast das gleiche Bild - gemalt rund 80 Jahre früher von Tizian. Zwar fehlt dort der Vogel und Adam ist in seiner rückwärts geneigten Körperhaltung noch deutlich passiver als in Rubens' Gemälde. Aber eben doch: Es ist das gleiche Bild.

Peter Paul Rubens, Porträtist der Fürsten und Könige, Diplomat in Diensten seiner spanischen Majestät und Leiter einer florierenden Antwerpener Bildermanufaktur, hat manchmal schlicht kopiert. Die Ausstellung "Rubens im Wettstreit mit Alten Meistern" in München zeigt, wie der flämische Barockmaler Gemälde berühmter Vorgänger nachempfand, um Ideen für seine eigene Kunst zu gewinnen.

So bekam sein lockeres und farbenfrohes Spätwerk durch die Beschäftigung mit den Werken Tizians den entscheidenden Impuls. Ein fantasieloser Kopierer des Venezianers war Rubens aber nicht. Im Gegenteil: In Bildern wie "Adam und Eva" erlaubte er sich, die Komposition des Kollegen aufzupeppen.

Im direkten Vergleich merkt man es - zum Beispiel bei der doppelten "Dame in Weiß": Die beiden Bilder in der Ausstellung sind sich täuschend ähnlich, doch während bei Tizian die Ohrringe und die Halskette des jungen Mädchens leuchten, ist es bei Rubens Kopie die Haut. Man meint, das Blut darunter zirkulieren zu sehen. Der Flame war Meister des lebendigen Porträts und diesen Anspruch gab er auch als Kopist nicht auf.

Mit seinen Nachmalungen ist Rubens in künstlerischen Wettbewerb mit den alten Meistern getreten, und nicht nur er: Eine Ausstellung in der Tate Gallery in London demonstriert dieser Tage, dass auch der englische Landschaftsmaler William Turner intensiv nach hinten geschaut hat.

Die Empfindungen, mit denen die beiden Maler bereits bekannte Linien nachzeichneten, unterschieden sich allerdings. Etwas kokett angesichts der eigenen Berühmtheit schwärmte Rubens 1637 für die Meister der Renaissance und der Antike: "Ich folgte eher bewundert ihren Spuren, als dass ich mir vorstellte, ihnen gleichkommen zu können."

Wie eine schnippische Replik klingt dann das, was Turner um 1810 niederschrieb: "Imitation ist bestenfalls eine zweitrangige Leistung." Innerhalb von nicht einmal 200 Jahren schien sich die Haltung der Künstler zur Kopie deutlich geändert zu haben. Was war geschehen?

Für Rubens und seine Zeitgenossen gehörte das Kopieren alter Meister zum Alltagsgeschäft. So wie der Flame zwischen 1600 und 1608 für den Herzog von Mantua arbeitete, so waren im 17. Jahrhundert viele Maler mit unterschiedlichem Talent an den Höfen Europas beschäftigt, um Fresken und Gemälde von Michelangelo oder Raffael, Tizian oder Tintoretto auf Leinwände zu übertragen.

Häufig wurden diese dann befreundeten Regenten zum Geschenk gemacht. Solche Kopien waren weniger Bildungsgut als vielmehr Statussymbole - vergleichbar mit edlen Pferden oder Prunkwaffen -, die zu Umwerbungs- und Bestechungszwecken kreuz und quer über den Kontinent geschickt wurden.

Welchen Stellenwert eine gute Kopie hatte, zeigt die Tatsache, dass König Philipp IV. von Spanien Rubens "Adam und Eva" nach dessen Tod kaufte. Der Flame hatte das Bild 1628 am Hof des Königs nachgemalt und vielleicht hat Philipp es ja neben den Original-Tizian gehängt.

Wenn man einen Vergleich aus dem 21. Jahrhundert bemüht, dann könnte man sagen, dass die Aristokratie Europas zu Rubens Lebzeiten eine einzige große Bilder-Tauschbörse war, und der Flame hat als reisender Weltenbürger die Downloadgelegenheiten bestens ausgenutzt.

Die meisten Kopien schuf Rubens dabei nicht für den Verkauf, sondern für die eigene private Kunstsammlung. Sein Antwerpener Wohnhaus muss er bis unters Dach mit seinen Lieblingsklassikern tapeziert haben.

Erfindungsreichtum und handwerkliche Perfektion der Kopisten im 17. Jahrhundert mag ein Grund gewesen sein, weshalb 150 Jahre später in England der Maler William Turner an seinen eigenen Imitationsversuchen schier verzweifelte.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts herrschte im Vereinigten Königreich noch eine klassizistische Geisteshaltung. An der gerade erst gegründeten Royal Academy empfahl der Präsident Joshua Reynolds seinen Studenten, die alten Meister "zu imitieren und gleichzeitig mit ihnen zu wetteifern". Worin genau er die Möglichkeit zum Wettbewerb sah, unterschlug er leider.

Nach einigem Herumprobieren malte Turner 1814 ein bezeichnendes Bild: Es war die Kopie einer Landschaft von Claude Lorrain, in die der Engländer eine Szene aus Ovids Metamorphosen einfügte: Ein Hirte äfft den Tanz der Nymphen nach und wird zur Strafe in einen Ölbaum verwandelt.

Nicht nur bei Turner, auch bei seinen Zeitgenossen war die Imitation in Ungnade gefallen. Das lag vor allem an den Grundlagen des modernen Urheberrechts, die 1774 in englischen Gerichten durchgesetzt wurden und die sich ausdrücklich auch auf "Autoren" aus der Vergangenheit erstreckte.

Plötzlich sprach man vom "geistigen Eigentum", das zu kopieren bestenfalls geistig unreif und schlimmstenfalls Diebstahl war. Eigenständigkeit und Urheberschaft wurden zu nachweispflichtigen Tugenden. Turner dürfte der Meinung des Dichters Edward Young gefolgt sein, der bereits 1759 behauptet hatte: "Ein Imitator teilt seine Krone. Ein Original erwächst spontan aus der vitalen Wurzel des Genies."

"Rubens im Wettstreit mit Alten Meistern", bis zum 7.2. in der Alten Pinakothek in München. "Turner an the Masters" bis zum 31.1. in der Tate in London.