Börsenfusion

Wie deutsche Geschäftsmänner am Smalltalk scheitern

Nachdem die Deutsche Börse und die Wall Street ihre Fusion beschlossen haben, müssen sich nicht nur die Unternehmenskulturen annähern.

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Auf den Postkarten am Bahnhofskiosk nennt sich Frankfurt am Main gerne "Mainhattan" – eine Anspielung auf Manhattan, denn es stehen glitzernde Hochhäuser an einem breiten Fluss, wozu man Skyline sagen und sich dann wie in New York oder wenigstens weltläufig fühlen kann. Meistens ist der Schriftzug zackig und in knalligen Farben gehalten.

Leider wäre es etwas billig, Designspielereien auf Postkarten als Emblem für die Grundstimmung einer Stadt zu lesen, und etwas aufwendig, jene augenzwinkernden Sprachkreationen auseinanderzunehmen, die zwischen Topfpflanzen und Resopaltischen deutscher Bürgerämter erdacht werden: zu viele Städte mit "Herz" und "besonderem Flair" gibt es, ebenso wie angestrengte Vergleiche, nach denen dann Wuppertal das "San Francisco Deutschlands" ist, weil es ein paar steile Straßen hat. Deutsche sind eben bedeutungsversessen. Wie hemmend das ist, wird sich jetzt zeigen wo die Börsen von Frankfurt und New York fusionieren.

Anzüge, die zwei Zentimenter zu breit sind

Moment, mag man denken, heutzutage ist es doch nichts besonderes, wenn sich internationale Großkonzerne zusammenschließen. Was sollte an diesem Fall neu sein? Vor allem eines: wenn New Yorker und Frankfurter aufeinander treffen, könnte es einen Clash geben, der über das hinausgeht, was angenehm schwammig als kulturelle Differenz beschrieben wird, aber meistens nicht viel mehr meint als unterschiedliche Arten, sich die Hand zu schütteln oder das Messer durchs Steak zu führen.

Um den Aufprall vorauszuahnen, muss man nur einmal hier wie dort eine Runde von Geschäftsmännern beobachtet haben, die gerade die Arbeit verlassen und in eine Bar gehen oder am Flughafen warten, und sich die Bilder vor Augen führen.

Das eine ist anthrazitgrau gefärbt, und die Männer, die darin sitzen, tragen Anzüge, die genau zwei Zentimeter zu breit oder zu schmal gestreift sind; im anderen werden mit lockerer Hand Whiskeygläser geschwenkt und Zigarren in Ledersesseln angezündet.

US-Geschäftsmänner beherrschen den Smalltalk

Natürlich entsprechen New Yorker Geschäftsmänner nicht der Hollywoodphantasie, die man von ihnen hat, genausowenig wie die aus Frankfurt der Schreckensvision des arrivierten Kleinbürgers.

Trotzdem zeigen die Bilder einen Wesensunterschied: In der deutschen Szenerie herrscht unbeholfene Stille, kurz werden ein paar Sätze gewechselt, dann ist wieder Schweigen.

Im Gegensatz zu deutschen beherrschen amerikanische Geschäftsmänner den Smalltalk, was ja nicht einfach munteres Geplapper beim Stehempfang bedeutet, sondern die Kunst, unterhaltsam und doch unpersönlich zu reden; ein Gespräch ist nur dann Smalltalk, wenn man jederzeit, meist nach drei bis fünfzehn Minuten, dem Gegenüber die Visitenkarte reichen und lockeren Schrittes zur nächsten Unterhaltung weitergehen kann.

Rhetorische Unbedarftheit, glitzernd umhüllt

Von Deutschen ist dazu – halb irritiert, halb beleidigt – zu hören, das sei "oberflächlich". Wissen sie nicht, dass Kommunikation nicht beflissener Austausch von Bedeutung sein muss, sondern auch eine Einstellung, der Welt zu begegnen, nebenbei und trotzdem beteiligt?

Früher nannte man die Unfähigkeit, von sich selbst abzusehen: provinziell. Heute ist rhetorische Unbedarftheit glitzernd umhüllt: "Mainhattan", mit Neonfarben unterlegt.