In dem neuen Coppola-Film sieht Alexandra Maria Lara ganz schön alt aus. In „Jugend ohne Jugend“, seit letzten Donnerstag im Kino, redet sie, nachdem sie ein Blitzschlag trifft, nicht nur in uralten Sprachen wie Altägyptisch, Babylonisch und Sanskrit. Sie altert dabei in kurzer Zeit um Jahrzehnte. Das muss die 29-Jährige nicht kratzen. Im Gegenteil: Es ist ja eher so, dass sie immerzu auf ihr ewig naives Gesicht, das leicht schiefe Lächeln und die Rehaugen reduziert wird. Da kann etwas Reife, und sei es nur aus der Maske, gar nicht schaden.
Alexandra Maria Lara ist wie ein großes Versprechen. Ein neues deutsches Fräuleinwunder. Ein, vielleicht, angehender Weltstar. Im vergangenen Jahr hat sie an keiner einzigen deutschen, dafür an mehreren internationalen Produktionen mitgewirkt. Mit Spike Lee drehte sie den Kriegsfilm „Miracle at St. Anna“, mit Anton Corbijn die Musikerbiographie „Control“, bei der sie ihren Lebensgefährten Sam Riley kennen lernte. Mit Theo Angelopoulos drehte sie „The Dust of Time“, mit James Ivory „City of Your Final Destination“.
Wie Audrey Hepburn: das ewige Reh
Derzeit steht sie mit Kate Winslet für die Schlink-Adaption „Der Vorleser“ vor der Kamera. Und im Mai saß sie beim Filmfestival von Cannes in der Jury neben Sean Penn. Sie ist so gefragt, dass sie sogar einem Tom Cruise einen Korb gab – er wollte sie in „Walküre“, wie originell, als Sekretärin besetzen.
Nur: Was sehen eigentlich all diese Regisseure in ihr? Alexandra Maria Lara hat, so spötteln Filmkritiker, genau
einen
Ausdruck. Den scheinbar naiven Jungmädchenblick, ein wenig zurückgenommen, aber auch ein wenig keck. Und den wendet sie immer an – ganz egal, ob in einer Komödie oder in einem Drama. Auch als Hitlers Sekretärin guckte sie nur hilflos-unschuldig – was anfangs durchaus dem fremden Blick des Zuschauers entsprach, sich aber in all der Zeit im Bunker nicht wandelte.
Sie sei nie mehr als „süß und rehäugig und rein“, stöhnte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ schon vor fünf Jahren – und stand mit diesem Urteil nicht allein da. Immer wieder kommt der Vergleich mit Audrey Hepburn, dem anderen Reh. Und auch im persönlichen Gespräch punktet Frau Lara nicht immer mit denkwürdigen Aussagen: „Das Schöne an meinem Beruf“, sagt sie etwa im Hinblick auf den bald startenden „Baader Meinhof Komplex“, „ist, dass man sich mit Dingen auseinandersetzen muss, mit denen man sich sonst nur oberflächlich beschäftigen würde. So war es auch beim Thema Terrorismus. Wenn man als Vorbereitung auf die Rolle selber zum Schießtraining geht, bekommt man schon ein ganz anderes Verhältnis zu bestimmten Sachen.“ Ah ja.
Bruno Ganz sagt: "Dieses schöne Gesicht"
Coppola schwärmt von seinem Star, nennt sie „Alex“ und „the girl“. Bruno Ganz, der in „Jugend“ wie im „Untergang“, in „Dust oft Time“ und beim „Vorleser“ mit ihr gearbeitet hat, ist vorsichtiger: „Leute wie Coppola und Angelopoulos sehen, dass man in dieses schöne Gesicht hineintun kann, was immer man will. Und Alexandra spielt es.“ Immerhin: „Ein großes Talent“, schiebt er, wie entschuldigend, hinterher. Helmut Dietl bringt es wohl am besten auf den Punkt: „Sie hat das, was man Starqualitäten nennt. Sofern sie die richtigen Rollen annimmt.“
Das ist, neben ihrer spärlichen Mimik, ihr zweites Manko: Sie hat kein gutes Händchen in der Wahl ihrer Filme. Sie arbeitet zwar oft mit bedeutenden Regisseuren, aber nicht gerade in deren bedeutendsten Werken. Das gilt für den Coppola, der in den USA floppte und bei uns lange keinen Verleih fand, aber auch für Dietls witzlose Komödie „Vom Suchen und Finden der Liebe“.
Alexandra Maria Platareanu wurde 1978 in Bukarest geboren und floh mit ihren Eltern 1983. Ihre Eltern, der Vater Valentin war Schauspieler, die Mutter Professorin, waren durchaus privilegiert, wollten aber, dass es ihr Kind besser haben sollte. Und zogen nach Berlin. Schon als 11-Jährige war die Tochter erstmals im Fernsehen zu sehen („With Love, Rita“), als 16-Jährige spielte sie in der Serie „Mensch Pia!“ In der Charlottenburger Theaterwerkstatt ihres Vaters erlernte sie ihr Handwerk.
1996 beschloss ihr Management, den Nachnamen in Lara zu vereinfachen. Nach der großen Liebe von „Dr. Schiwago“. Acht Jahre später sollte sie sogar in einer TV-Neuverfilmung von „Schiwago“ mitwirken, aber nicht als Lara, sondern als Tonya.
Entdeckt in Doris Dörries Film "Nackt"
Fürs Kino hat sie Doris Dörrie entdeckt, in „Nackt“, einem ihrer weniger überzeugenden Filme; mit ihr drehte sie auch „Der Fischer und seine Frau“, der zum Dörr-Fisch wurde. Komödien wie „Cowgirl“ oder „Wo ist Fred?“ hat man längst vergessen. Und „Offset“, den sie in Bukarest drehte, mit ihrem leiblichen Vater als Film-Papa, hat trotz deutschen Regisseurs bis heute nicht in unsere Kinos gefunden.
Obwohl auch Coppola „Jugend“ in Rumänien gedreht hat, hatte er keine Ahnung, dass seine Hauptdarstellerin eine Landsmännin war – und Mircea Eliade, den Verfasser des Romans, den er verfilmte, gekannt hat. Wie so viele hat auch Coppola von ihr nur den Hitler-Film gesehen. Der „Untergang“ hat für ihren internationalen Aufstieg gesorgt.
Die heimische Presse ist nicht immer gnädig. Ihre Agentur stellt darum manche Porträtaufnahmen zur „Nutzung nur in positivem Zusammenhang“ frei. Vielleicht war die Orientierung ins Ausland auch so etwas wie eine kleine Flucht – weil sie bei uns nicht so wahrgenommen wird, wie sie sich das gerne wünscht. „Ich liebe das deutsche Kino und hier bin ich zuhause“, offenbarte sie gerade in einem Interview. „Ich weiß allerdings nicht genau, ob die Leute wissen, wie gerne ich hier arbeite.“




