Jeff Bridges

"Ich dachte, die Coens haben eine Vollmeise"

Jeff Bridges erklärt, was die Figur des Dude in "The Big Lebowski" mit seinem neuen Film "True Grit" eint, der die Berlinale eröffnet.

Jeff Bridges, nach den Worten der berühmten Filmkritikerin Pauline Kael „der natürlichste und selbstvergessenste Schauspieler, der je gelebt hat“, absolvierte legendäre Auftritte in legendären Filmen („Big Lebowski“, „Fearless“, „Crazy Heart“), er wurde fünf Mal für einen Oscar nominiert und hat bislang einen gewonnen. Derzeit ist der 61-jährige mit zwei Filmen in den Kinos, mit dem Remake von „Tron“ und mit „True Grit“, einem Neo-Western der Brüder Coen, der für elf Oscars nominiert wurde, darunter für Bridges als bestem Hauptdarsteller. „True Grit“ eröffnet vor seinem Kinostart am 24. Februar am 10. Februar die Berlinale.

Morgenpost Online: Herzlichen Glückwunsch zur Wiedergeburt des Western. Eigentlich ist es nur gerecht, dass Sie bei „True Grit“ dabei sind. Schließlich haben Sie den Western damals mit zu Grabe getragen.

Jeff Bridges: Sie sprechen nicht zufällig von Michael Ciminos „Heaven’s Gate“?

Morgenpost Online: Genau. Wie war das damals, als dieser großartige Film und damit ein ganzes Genre beerdigt wurde?

Brigdes: Oh Mann, das war schon ziemlich heftig. Wir sprechen, wenn ich das kurz für die jüngeren Leser erwähnen darf, vom Jahr 1980. In dieser Zeit wurde alles immer schneller, immer bunter, immer greller. Die Einführung von MTV stand kurz bevor. Und dann kommt Michael Cimino, der nach „Die durch die Hölle gehen“ quasi einen Freifahrtschein bekommen hatte, jeden Film zu drehen, den er drehen wollte. Und er drehte diesen über 200 Minuten langen, wunderschön fotografierten, aber eben auch fabelhaft langsam erzählten Western…

Morgenpost Online: Kein gewöhnlicher Western.

Bridges: Ganz bestimmt nicht. Den Kritikern stieß besonders auf, dass es um Zynismus ging und wohin er dich bringen kann. Das wollte man damals nicht sehen. Außerdem hat sich Cimino damals nur auf seinen Film konzentriert, er hat sich nicht einmal mit der Presse getroffen, um über „Heaven’s Gate“ zu reden.

Morgenpost Online: Also gab es schlechte Kritiken.

Bridges: Das nenne ich doch die Untertreibung des Jahres! Ich erinnere mich ziemlich genau, wie wir damals mit dem Film unterwegs waren. Wir kamen von der New Yorker Premiere gerade in Kanada an, und dort gab uns jemand eine Rezension zu lesen, in der stand: „Wenn man Ciminos Kopf rasiert, würde es mich nicht wundern, wenn man auf seiner Kopfhaut die Zahlen 666 finden würde.“ Können Sie sich das vorstellen? Man hat ihn regelrecht geschlachtet. Und ja, es war, wenn man so möchte, der letzte Sargnagel für das Genre Western. Danach hat es lange Zeit keinen mehr gegeben.

Morgenpost Online: Als Ihnen die Coen-Brüder den Film anboten, was war Ihre Reaktion?

Bridges: Dass die Herren – manche sagen, das wäre keine neue Erkenntnis – eine Vollmeise haben. Wir reden hier immerhin über „Der Marshal“, einen Klassiker des Genres. Der legendäre John Wayne hat seinen einzigen Oscar für diesen Film bekommen. Ich habe ihn mir nicht noch mal angesehen, falls Sie das wissen wollen. Das hätte mich nur zu sehr belastet. Außerdem hätte es auch nichts gebracht.

Morgenpost Online: Warum?

Bridges: Weil es den Coens, wie mir im ersten Gespräch mit ihnen klar wurde, gar nicht um ein Remake ging. Sie sagten mir in ihrer berühmten lakonischen Art: „Jeff, wir sind an dem Original-Film überhaupt nicht interessiert.“ Darauf habe ich entgegnet: „Ach so, alles nur ein Missverständnis?“ – „Nein, warte doch mal ab, uns geht es um die Vorlage, um das Buch.“ Also gaben sie mir das Buch von Charles Portis zu lesen, und ich dachte nur: „Wow, wie kann das sein? Der Kerl hat ein Buch geschrieben, das sich liest, als hätte man einen Coen-Film in Worte gegossen.“ Deshalb ist es auch kein Remake. Eher eine Neudeutung des Buches.

Morgenpost Online: Was bedeutet „True Grit“ – wahre Entschlossenheit – für Sie?

Bridges: True grit hat jemand, der von Anfang an ganz genau weiß, wie eine Sache ausgehen wird, also vom Beginn einer Geschichte bis zu ihrem Ende sehen kann.

Morgenpost Online: Haben Sie bei Ihren etwas über 70 Filmproduktionen jemals so einen Typen gespielt?

Bridges: Ja, das habe ich. Vielleicht hat der Kollege Zufall oder seine beste Freundin Schicksal die Hand im Spiel, aber der Charakter, der genau so war, hieß Dude in „The Big Lebowski“. Und die Regisseure waren die Coens. Schon seltsam, oder?

Morgenpost Online: Sie glauben an eine höhere Macht?

Bridges: Das sage nicht ich. Das sagt ein Freund von mir, der Zen-Meister Bernie Glassman. Er hat mal erwähnt, dass in Buddhisten-Kreisen der Zen-Meister auch als Dude bezeichnet wird. Und er hatte noch eine ganze Menge anderer Parallelen. Er wollte auch ein Buch mit mir über dieses Phänomen schreiben. Der Dude ist schon cool! Aber warten Sie, vielleicht war auch Bad Blake aus „Crazy Heart“ einer dieser Charaktere. Doch der große Unterschied zwischen Bad und Dude ist folgender: Bad habe ich gespielt und meine Ehrung dafür erhalten. Den Dude hingegen liebe ich noch immer.

Morgenpost Online: Hätten Sie für den schon einen Oscar bekommen sollen?

Bridges: Ich bin in gewisser Weise dankbar, dass der Oscar so spät gekommen ist. Wenn man um die 60 ist, ist die Gefahr, sein Leben danach komplett gegen den Baum zu fahren, ziemlich gering. Mit 20 oder 30, wer weiß? Der Dude aber, um auf Ihre Frage zurück zu kommen, wäre ja nicht mal zur Preisverleihung gegangen. Und wenn doch, dann hätte er den Laden ordentlich gerockt. Insofern sind die Dinge alle wunderbar gelaufen, so wie sie gelaufen sind.

Morgenpost Online: Hat man überhaupt noch Freiheiten, die Rolle zu gestalten, wenn man sich den Coens anvertraut?

Bridges: Sie haben da ein wichtiges Wort gesagt: Vertrauen. Wenn ich mit den beiden arbeite, weiß ich, dass sie alles bestens vorbereitet haben. Nach „Lebowski“ habe ich immer wieder gehört, dass wir so wunderbar improvisiert hätten. Quatsch, das war alles von den Coen-Brüdern bis aufs Komma vorbereitet. Es ist vergleichbar mit klassischer Musik. Auch da kommt man nur selten auf die Idee, etwas zu spielen, das nicht auf dem Notenblatt steht.

Morgenpost Online: Die Coen-Brüder eröffnen in diesem Jahr mit „True Grit“ die Berlinale. 1998 bei „Big Lebowski“ waren Sie in Berlin nicht dabei. Wie wird’s dieses Mal sein?

Bridges: Oh, warum war ich damals nicht dabei? Ich kann es Ihnen beim besten Willen nicht mehr sagen. Ich weiß ja nicht einmal, was ich nach „Big Lebowski“ gedreht habe. Aber die Coens waren – das weiß ich noch – ganz begeistert davon, wie ihr Film in Berlin aufgenommen wurde. Ihr Europäer seid eben Filmversteher. Ihr habt ja auch „Heaven’s Gate“ gemocht.

Morgenpost Online: Mögen Sie die Stadt?

Bridges: Diese Stadt ist musikalisch. Ich habe ziemlich gute musikalische Antennen. Und wenn man durch Berlin läuft, fällt einem nicht die Hektik auf oder der Bombast, sondern ein gewisses Grundbrummen. Diese Stadt hat einen Sound. Näher kann ich das leider nicht beschreiben. Aber es gefällt mir.