Spielstätte gesucht

Tanz-Ikone Sasha Waltz will eigene Großbühne

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Frank Weigand

Foto: Bernd Uhlig

Sasha Waltz & Guests werden international gefeiert. Doch wie derzeit keine andere deutsche Company muss sie in Berlin von einem Großtheater zum nächsten ziehen. Die Starchoreographin hat nun genug von diesem Vagabundenleben.

„Wir brauchen eigentlich ein Theater”, sagt Sasha Waltz bestimmt. Dieser Satz kommt zunächst überraschend von einer Künstlerin, die den Marsch durch die Institutionen bereits hinter sich zu haben schien. Nach Anfängen in der Off-Szene der 1990er hatte sich die Choreografin als Begründerin der Sophiensäle Ruhm als Gesellschafterin einer interdisziplinären Spielstätte geschaffen. Dann kam im Jahr 2000 der Schritt ins Herz der Institution: Gemeinsam mit Thomas Ostermeier leitete sie fünf Jahre lang die Schaubühne am Lehniner Platz, bis finanzielle und künstlerische Querelen die Traumpartnerschaft zwischen Tanz und Theater beendeten. Waltz stieg aus, und machte sich als Company selbstständig. Ihr Partner Jochen Sandig begründete vor vier Jahren das Radialsystem V, seither Produktionsort der Company.

Nun, wo sie sich als Unternehmerin etabliert hat, ruft die Künstlerin nach einer Rückkehr in den großen Apparat: „Es ist schön, dass wir unser Studio im Radialsystem haben. Wir können dort tolle Probenprozesse entwickeln. Aber: Das Haus ist einfach nicht groß genug, um meine Stücke dort zu zeigen. Ich komme langsam wieder an einen Punkt, wo ich gerne fest an einem großen Haus arbeiten würde.“

In Berlin keinen Abnehmer gefunden

Ganz so überraschend ist dieser Ausruf keineswegs. In der Tat vagabundieren Sasha Waltz & Guests, die international gefeiert werden wie keine andere deutsche Company, in ihrer Heimatstadt bereits seit Jahren von einer Großbühne zur nächsten. Neben der Schaubühne und dem nunmehr geschlossenen Opernhaus Unter den Linden sind ihre jüngsten Arbeiten seit Kurzem auch am Haus der Berliner Festspiele zu sehen. Waltz' neueste Produktion, die in Paris gefeierte Inszenierung der Dusapin-Oper „Paradis“, hat bislang in Berlin noch keinen Abnehmer gefunden. Kein Wunder, dass die Abhängigkeit von Veranstaltern für sie kein Dauerzustand sein kann.

Da sie auch „Dido & Aeneas”, ihr Erfolgsstück, mit dem sie 2005 ihre Karriere als Regisseurin choreographischer Opern begann, an keinem Haus in der Hauptstadt zeigen kann, geht die Künstlerin in die unkonventionelle Offensive: Am 27. August 2011 zeigt sie die Mammutproduktion in der Waldbühne unter freiem Himmel. Inspiriert hat sie dazu das Erlebnis einer Aufführung in einem römischen Amphitheater im südfranzösischen Lyon, wo sich trotz Regen und Gewitter ein äußerst intensives Gemeinschaftsgefühl ergab. In der Waldbühne, wo mit 22000 Plätzen ganz andere Größenordnungen herrschen, wird allerdings zwangläufig eine andere Atmosphäre entstehen: „Da geht es mehr um das Gesamterlebnis. Die Leute kommen zur Oper und nehmen sich auch was zu essen mit. Das geht ein bisschen zu dem alten Begriff von Oper als Volkstheater zurück.” Natürlich ist auch das „Ausweichen ins Grüne” keine Lösung. Denn schließlich strebt Waltz eine Veränderung ihrer Funktionsweise als Company an. Zwar will sie weiterhin große Ensemblestücke entwickeln, damit ihre Tänzer sich schöpferisch ausleben können. Doch im Grunde wäre es ihr lieber, neben sich auch noch andere Choreographen mit ihrem Ensemble arbeiten zu lassen – und mit den Tänzern sogar Klassiker der Moderne einzustudieren.

Damals an der Schaubühne hatte sie bereits begonnen, an einem derartigen Projekt zu arbeiten. Gastchoreographen wie der Kanadier Benoît La Chambre und Constanza Macras hatten das Ensemble auch mit anderen Handschriften vertraut gemacht. Bislang sprengen derartige Vorhaben noch den finanziellen und räumlichen Rahmen von Sasha Waltz & Guests. Repertoirepflege, Förderung der Company, Arbeit mit Gastkünstlern, und all dies an einem festen Haus in Berlin – so sieht Sasha Waltz' Zukunftsvision aus.

Bevor die Spekulationen jedoch allzu wild zu wuchern beginnen, wiegelt die Choreografin ab: „Naja, das sind ja so Träume...“. Ihrem Blick ist jedoch deutlich anzusehen, dass sie bereits ein festes Ziel vor Augen hat. So dürfte der weitere Werdegang von Sasha Waltz demnächst auch wieder kulturpolitisch interessant werden. Selbstverständlich ist die Künstlerin auch in der Zwischenzeit keineswegs untätig.

Denkmal für die Wiedervereinigung

Nachdem sie in den letzten Monaten nicht nur eine Tournee durch den Mittleren Osten absolviert, das zehnjährige Jubiläum ihres Erfolgsstücks „Körper” gefeiert und gemeinsam mit dem Stuttgarter Architekturbüro Milla und Partner einen Entwurf für das Denkmal für die deutsche Wiedervereinigung eingereicht hatte, der in die Endauswahl der Verwirklichung gekommen ist, zeigt sie nun endlich wieder neue Arbeiten in Berlin.

Am 11. November eröffnet Waltz mit ihrem am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführten Stück „Continu” das Berliner Festival spielzeit'europa. Komponiert zu den gewaltigen perkussiven Klängen von Edgar Varèses „Arcana“ versammelt die Produktion 25 Interpreten zu dem, was Sasha Waltz „mein bisher wohl tänzerischstes Stück” nennt. Nur acht Tage später findet im Radialsystem V die Premiere des choreographischen Musik-Projekts „Métamorphoses” statt, das kurze Tanzsequenzen der Company im Dialog mit dem Solistenensemble Kaleidoskop zeigt. Beide Produktionen sind aus dem Material von Waltz' bereits legendärem Museumsprojekt entstanden, mit dem sie vor einem Jahr das frisch renovierte Neue Museum einweihte. Man darf gespannt darauf sein, welche Wirkung die lebendigen Fresken und fast mystischen Gruppenrituale in einer klassischen Bühnensituation entfalten werden.

Waltz empfindet das Hin- und Herpendeln zwischen eher offenen ortspezifischen Projekten und Bühnenstücken nach wie vor als befruchtend: „Wenn ich mit Tänzern in bestimmten Räumen arbeite, empfinde ich es, als würden wir diese Räume ertasten und lesen. Das ist wie ein Dialog mit den Spuren, die die Geschichte in diesem Raum hinterlässt. Das fasziniert mich sehr, doch bedeutet es nicht, dass ich weg aus dem Theater will. Ich liebe auch den Fokus, die Ruhe und die Schärfung der Wahrnehmung des Zuschauers – und das Teilen dieses Moments.“

Egal, ob sie Tausenden von Opernfans ein Open-air-Erlebnis beschert oder Zuschauerströme durch das Neue Museums dirigiert – für Sasha Waltz sind derlei Kunst-Events immer auch soziale Skulpturen, und damit nicht weit von ihrem Entwurf für das Wiedervereinigungsdenkmal entfernt, bei dem die Masse der Besucher durch gemeinsame Gewichtsverlagerung das Denkmal selbst in Bewegung versetzen kann: „Hier sind die Zuschauer im Grunde selbst die Performer, weil sie mit ihrem eigenen Gewicht, ihrer eigenen Masse, die Erde bewegen.“ Es sieht aus, als könnte Waltz auch durch ihr eigenes Gewicht noch so einiges in der Berliner Kulturlandschaft bewegen.