Karl Valentin

Der "deutsche Charlie Chaplin" starb verarmt

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Hendrik Werner

Karl Valentin hat in gut einem Jahrhundert mehr Anhänger auf sich vereint, als es sein Etikett „Volksschauspieler" vermuten lässt. Unter den Bewunderen des bayrischen Komikers waren Berühmtheiten wie Brecht, Beckett, Tucholsky und Heinz Erhardt.

Um Elend und Auswüchse moderner Telekommunikation ermessen zu können, gibt es drei Möglichkeiten: Man kann Günter Wallraff in ein Callcenter schicken, um das infame Manipulationspotential von Telefonaten auf die dritte Stelle hinterm Komma genau zu ermitteln. Alternativ kann man den Versuch unternehmen, über die Hotline eines Unternehmens wie Deutsche Bahn oder Telekom dem tatsächlich zuständigen Mitarbeiter eine Beschwerde zu hinterbringen.

Und man kann im Ringen um eine geringfügige Auskunft das auch gesundheitliche Wagnis eingehen, sich in die musikalisch avantgardistische Quasi-Endlos-Warteschleife einer Behörde zu begeben.

Die Nöte des Buchbinders Wanninger


Ebenso gut aber kann man zur kritischen Befragung der schönen, neuen Kommunikationswelt den vor 67 Jahren entstandenen Text „Telefon-Schmerzen“ lesen. Eine damals wie heute realitätsnahe Groteske, die unter dem Titel „Buchbinder Wanninger“ zu einiger Berühmtheit gelangt ist: „Hier ist Buchbinder Wanninger“, sagt der anfangs noch hoffnungslos hoffnungsvolle Anrufer. „Ich möchte nur der Firma Meisel mitteilen, dass ich die Bücher fertig habe und ob ich die Bücher hinschicken soll und ob ich die Rechnung auch mitschicken soll – bitte!“

Mit diesen Sätzen hebt der Text an, und so geht er drei Druckseiten später auch zur Neige. Bewirkt hat der Buchbinder Wanninger, der während des Telefonats mal falsch, mal ergebnislos, mal gar nicht verbunden wird, in der Zwischenzeit nichts. Am Ende wird ihm beschieden, die Mitarbeiter der Firma Meisel hätten jetzt Büroschluss; er möge anderentags wieder anrufen.

So zeitlos gültig und zugleich so launig wie in diesem absurden Dialog Karl Valentins sind Kommunikationshemmnisse im Allgemeinen und Medienkritik im Besonderen niemals formuliert worden. Nicht von Ludwig Wittgenstein, nicht von Marshall McLuhan und schon gar nicht von Peter Sloterdijk.

Dass Mitglieder einer Sprachgemeinschaft so treffsicher aneinander vorbeireden können, hat auf dem weiten Feld der Bühnenliteratur außer dem „langen, dürren Humorgespenst“ (Valentin über Valentin) allenfalls der Dramatiker Samuel Beckett derart eindringlich und desillusionierend vorgeführt.

Karl Valentin starb am Rosenmontag

Es ist daher auch kein Zufall, dass sich Beckett als Fan des subversiven Humoristen zu erkennen gab, der heute vor 125 Jahren als Valentin Ludwig Fey im Münchner Vorstadtviertel Au zur Welt kam. Denn Beckett liebte und adaptierte nicht nur die Sprachkritik, sondern auch die Clownsgabe des närrischen Verwandlungskünstlers und Zitherspielers.

Der ernsthafte Spaßmacher, der 1948 arm und ausgemergelt ausgerechnet an einem Rosenmontag starb, hat in gut einem Jahrhundert mehr Anhänger auf sich vereint, als es sein notorisch tümelndes Etikett „Volksschauspieler“ vermuten lässt. Brecht nannte ihn „eine der eindringlichsten geistigen Figuren unserer Zeit“, Tucholsky rühmte sein Gespür für kleinstteilige Sophistik, in den USA galt er zeitweilig als „deutscher Charlie Chaplin“, und Heinz Erhardt wie auch Loriot dürften dem subversiven Sprachwitz seiner 500 Couplets, Stücken und Monologe deutlich mehr als nur eine Anregung verdanken.

Die zotigen Kalauer der so genannten Comedians von heute dagegen sind nicht seines Geistes Kind; dafür kommen sie viel zu wirklichkeitsaffirmativ und plakativ daher. Was dagegen dieser postmoderne Platon vermochte (und was seine Anhänger so an ihm mochten), war seine Fähigkeit zur Dekonstruktion des Scheins: Alles, was in der Wahrnehmung und Versprachlichung der so genannten Realität zur Selbstverständlichkeit zu gerinnen drohte, unterzog Valentin, der virtuose Wortklauber, einer gründlichen Revision.

Diese Alltagsverankerung seiner Sujets bot dem gelernten Möbelschreiner die Möglichkeit, direkt in der Lebenswirklichkeit seines Publikums anzusetzen. Daher rührt die glückliche Fügung, dass man die mit seiner kongenialen Partnerin Liesl Karlstadt veranstalteten Palaver immer zugleich auf einer profanen buchstäblichen Ebene und auf einer erhabenen Metaebene lesen kann.

Wie heißt der Plural von Semmelknödel?

Etwa den Disput über die Frage, ob der Plural von Semmelknödel tatsächlich Semmelnknödeln sei. Auch Valentin-Bonmots wie „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen“ oder „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut“ lassen sich als kluge sprachphilosophische Kommentare lesen, die den linguistic turn antizipieren.

Nachzulesen sind diese und andere Texte des begnadeten Spötters in der neunbändigen Werkausgabe, die Piper im Jubiläumsjahr zum, nun ja, Spottpreis neu aufgelegt hat. Unter der Sekundärliteratur verdient die fundierte und vergnügliche Biografie von Monika Dimpfl (gerade bei dtv erschienen) besondere Beachtung. Akribisch zeichnet sie die Anfänge des Jahrhundertkomikers nach, in dessen „Selbstbiografie“ es heißt: „Karl Valentin erlernte aus Gesundheitsrücksichten im Alter von 12 Jahren die Abnormität und zeigte nach reiflicher Überlegung Talent zum Zeitungslesen. Sein Hang zur Musik ist alltäglich. Am liebsten hört er zu, wenn er selbst spielt.“

Monika Dimpfl lässt sich von verhehlender Selbstironie nicht ins Bockshorn jagen. Psychologisch gewieft spürt sie den Selbstzweifeln Valentins nach. Zumal seiner Verzweiflung in der Nachkriegszeit, als der Prophet des Absurden in der eigenen Heimat kaum noch etwas galt: „Ich habe meine lieben Bayern und speziell meine lieben Münchner genau kennen gelernt, alle anderen mit Ausnahme der Eskimos und der Indianer haben mehr Interesse an mir als meine Landsleute“, schrieb er 1947 verbittert.

Ein Denkmal haben sie ihm nicht gesetzt in München, immerhin aber sein Erbe gepflegt: Im Valentin-Karlstadt-Musäum am Isartor materialisiert sich seine genialische Sprach- und Medienkritik – etwa in Form jenes altertümlichen Telefons, mit dem der Buchbinder Wanninger weiland für alle Ewigkeit kommunikative Dilemmata allegorisierte.

Karl Valentin: Sämtliche Werke in neun Bänden. Piper, München. Ca. 4000 S., 69,90 €.

Monika Dimpfl: Karl Valentin. dtv, München. 320 S., 14,50 €.

Alfons Schweiggert: Der Münchnerischste aller Münchner. Münchenverlag, München. 144 S., 19,80 €.

Gunna Wendt: Liesl Karlstadt – Münchner Kindl und Travestie-Star. Edition Ebersbach, Berlin. 128 S., 14 €.