Punkmusik

Beatsteaks - Eine Berliner Band von nebenan

Die Berliner Band "Beatsteaks" sucht mit ihrem neuen Album "Boombox" den Erfolg und das deutschlandweit. Trotzdem wollen die Musiker nicht abheben und für ihre Berliner Fans Kumpels aus der Nachbarschaft bleiben.

Foto: Warner

Um 15 Uhr ist die CD der Beatsteaks ausverkauft bei „Hip Hop Vinyl“, einem Plattenladen im Berliner Friedrichshain. „Kauft Schallplatten!“, ruft Torsten Scholz, der als Bassist der Band am Tresen steht und alles unterschreibt, was man ihm hinhält. „Und wie kriegt man die Musik dann in den iPod?“, fragt ein Mädchen aus der Schlange. „Sucht euch die Musik im Internet und stellt die Schallplatte in die Vitrine.“ Scholz setzt seinen Namenzug auf einen Babystrampler und auf „Boombox“, die Vinylpressung des Albums, das an diesem Tag erscheint. Mit Thomas Götz, dem Schlagzeuger, war Scholz bereits im Plattenladen „Bis aufs Messer“ zur Signierstunde. Einer Musikhöhle wie aus Nick Hornbys Büchern, aufgesucht von älteren Nerds, die nach obskuren Punkaufnahmen fahnden, aber auch die Beatsteaks schätzen, ihre Überflieger aus der Nachbarschaft.

Im „Hip Hop Vinyl“ sind die Kunden wie man sie im Friedrichshain erwartet: Aufgeschlossene junge Menschen tragen handgestrickte Pudelmützen und vereinzelt schon ein Kind im Arm. Der Laden führt auch Turnschuhe und Sonnenbrillen. Man erkundigt sich bei Scholz und Götz nach dem Befinden, dankt den Musikern für ihre Mühen, und die beiden Beatsteaks sagen: „Wir haben zu danken.“ Dazu läuft Musik von Issac Hayes, behaglich knisternd auf dem Plattenteller.

Zuerst war das Kneipenpublikum

„Boombox“ wird in diesem Jahr das große Deutschrockalbum sein, auch wenn die Beatsteaks lieber englisch singen. In den Gründertagen haben sie es noch versucht mit „Fragen“, „Schlecht“ und „Barfrau“. Aber da waren sie Punks von Anfang 20, hatten ohne nennenswerte Bühnenpraxis einen Bandwettstreit gewonnen im Berliner SO.36, und waren mit einem Auftritt vor den Sex Pistols belohnt worden. Es war ihr zehnter Auftritt überhaupt. Danach waren die Beatsteaks von sich überzeugt; sie nahmen 1997 „48/49“ auf, ihr erstes Album, das betitelt war nach ihrer Hausnummer an der Alten Schönhauser Allee. Genügsam aber engagiert spielten sie vor sich hin und für ein wachsendes Kneipenpublikum. Die Ärzte wurden auf sie aufmerksam, die Toten Hosen ebenfalls, sie stellten sich die Beatsteaks auf die Bühnen, um ihre Besucher aufzuwärmen. Und das Lied „Unrockbar“ von den Ärzten warf sogar die Frage auf: „Wie kannst du bei den Beatsteaks ruhig sitzen bleiben, wenn dir Schlagersänger Tränen in die Augen treiben?“ Vor vier Jahren sahen 70.000 beim G8-Gipfel in Heiligendamm die Beatsteaks neben anderen gegen Armut spielen, kurz darauf war die Berliner Wuhlheide mit 17.000 Plätzen ausverkauft. In diesem Jahr ist die Open-Air-Bühne schon jetzt für zwei Konzerte überbucht. Drei Jahre gönnten sich die Beatsteaks Ruhe, um sich mit dem Wachstum anzufreunden.

Mit dem Kleinbus fahren Torsten Scholz und Thomas Götz von „Hip Hop Vinyl“ nach Prenzlauer Berg zu „Vopo Records“, der Instanz unter den freien Plattenläden von Berlin. Geführt von Vossi, einem liebenswürdigen, blondierten Altpunk, der wie ein Fossil dem Lauf der Zeiten trotzt. Sein Kundenstamm zog weg, die Schallplatte verschwand, die Schallplatte kehrte zurück, und neue Kunden kamen. Nicht nur wohlhabende Sammler, auch Musikenthusiasten wie die Mitglieder der Beatsteaks und die Leute, die sie mochten und ihr Taschengeld für echte Platten opferten. Die Musiker fallen dem Händler in die Arme. Das Konzert vom Vorabend wird ausgewertet, wo die Beatsteaks für einen lokalen Radiosender in der Supamolli spielten, einem winzigen Club im Haus einer Genossenschaft. Bei „Vopo Records“ wird signiert, fotografiert und über Platten schwadroniert.

Die Beatsteaks sind eine Art VEB im deutschen Popgeschäft, die volkseigene Band. Im Laden hängt ein Notenblatt von „Milk & Honey“, ihrer neuen Single. Es wurde für einen Wettbewerb gedruckt, an dem sich bundesweit 200 Bands und Musiker beteiligten. Ohne das Stück zu kennen, setzten sie es in Musik um, und die Band wählte die originellsten Fassungen für ihre B-Seiten. Gitarrenrock von einer Gruppe namens How To Loot Brazil und Bollywood-Computer-Pop von DJ Dirk & MC Moni.

Störrisch weigern sich die Beatsteaks, von der Basis abzuheben. Sie sind eine altmodische Band, die sich als Kollektiv versteht und wert auf durchschlagende Singles legt. 2004 war es die Single „I Don’t Care As Long As You Sing“, nun ist es „Milk & Honey“. Mit einem Schwarzweißvideo, das ihre Stadt aus ihrer Sicht zeigt: Plattenhändler, Fahrradkuriere, Autoscheibenwäscher und sich selbst im grauen Tiefschnee. Torsten Scholz wurde in Ostberlin geboren, Thomas Götz in Schwaben. Beide reden sich in Rage über die Vertreibung ihrer Zielgruppen und Freunde aus den Heimatvierteln. „Niemand muss sich wundern, wenn die Stadt, wie man sie kennt und liebt, an ihren schönsten Stellen verschwindet“, sagt Scholz im Bus zwischen Prenzlauer Berg und Mitte, auf dem Weg zum Alexanderplatz. Zum „Mediamarkt“. „Das ist nicht unser Lieblingsladen, aber wir können auch damit leben.“

Treffen in der Tiefgarage

In der Tiefgarage für die Lieferanten, zwischen Waschmaschinen, Staubsaugern und Kaffeeautomaten, treffen auch die Gitarristen und der Sänger ein. Arnim Teutoburg-Weiß ist das Gesicht der Beatsteaks. Er trägt die karierten Hüte, singt mit der gebotenen Inbrunst und führt im Konzert die waghalsigen Kunststücke, die Salti von den Lautsprechen und Sprünge in die Menge vor, denen die Gruppe ihren Ruf als Attraktion nicht unerheblich zu verdanken hat. Er redet gern über die Kindheit in der DDR. Der Vater war Artist am Staatszirkus. Der Sohn besuchte die Artistenschule, bis sie 1990 abgewickelt wurde, und als er mit 17 Jahren nur noch seinen Platz in einer Band an der Gitarre sah, bestand der Vater lediglich darauf, die Sache ernst zu nehmen. „Ich habe ihn schon als Kind verstanden“, so Arnim Teutoburg-Weiß: „Er wollte den Leuten etwas bieten, wovon er im Innern selbst überzeugt war. Es geht um Haltung.“

Am 10. Februar 2011 werden Beatsteaks auf der Eröffnungsgala der Berlinale spielen. Die Gala wird ab 19.20 Uhr live auf 3sat gezeigt und um 00.35 Uhr im ZDF wiederholt. Die Band spielt die Songs „Milk & Honey“ und „Cheap Comments“. Die Konzerte finden am 10. und 11. Juni 2011 in der Kindl-Brauerei Wuhlheide statt. Tel.: (030) 21016960. Das Album Beatsteaks: Boombox (Warner)