Nu Metal

Linkin Parks Hauptversammlung in der Waldbühne

Junge Menschen geben kaum noch etwas für Musik aus – von wegen. Zumindest die kalifonische Nu-Metal-Band Linkin Park beweist das Gegenteil: 50 Millionen Tonträger haben die Kalifornier abgesetzt. Und in Berlin bedankten sie sich bei ihren deutschen Fans für den fleißigen Konsum.

Seit Jahren wird behauptet, dass vor allem jüngere Menschen immer weniger für Musik ausgeben. Dass es für sie wichtigere Dinge gäbe als Musik, etwa mobile Telefone, Trendsportarten und Computer. Vielleicht trifft das zu auf sanftere Musik als den Krawall von Linkin Park. An diesem Abend jedenfalls, in der Berliner Waldbühne, sind mehr als 20.000 Menschen aller Altersgruppen mit entschlossenem Musikkonsum beschäftigt. Manche sind von weit her mit dem Auto angereist (1,599 Euro pro Liter). Allen war der Eintritt 60 Euro wert. In Asien schlecht genähte, mit „Projekt Revolution“ und den Konzertdaten bedruckte T-Shirts (30 Euro) werden im Akkord verkauft. Ein Rockkonzert gilt ohne Bier als ungenießbar (2,80 Euro pro 0,3 Liter), da kommt einiges zusammen. Das Wort „Wertschöpfung“ bekommt bei Linkin Park einen besonderen Klang.

Bevor die sechsköpfige Band aus Kalifornien mit der Dämmerung auf die Bühne tritt, sorgt ein gestrecktes Vorprogramm für Umsatz. Niemand hat sich auf den Weg gemacht, um Pharrell Williams lustiges Trio N.E.R.D. zu sehen. Wenige in Schwarz gehüllte Mädchen freuen sich über den Finnen Ville Valo und sein Unternehmen HIM. Aber was ist das alles gegen eine Band, die 50 Millionen Tonträger verkauft hat und vermutlich sämtliche Rekorde bräche, gäbe es keine CD-Brenner? Das wissen auch die Vorturner von Linkin Park zu schätzen. Mike Shinoda lobt die Deutschen für den fleißigen Konsum von Linkin-Park-CDs. Und Chester Bennington ergänzt, die Deutschen seien ohnehin die besten Fans von Linkin Park. Die konsumierenden Fans bedanken sich mit Beifall und Gebrüll. Das Open-Air-Gastspiel als Jahreshauptversammlung.

Linkin Park verstehen sich durchaus als Dienstleister. Die deutsche Flagge schmückt ein Tasteninstrument, die Zuschauer singen „Finale, ohohoho!“ Die Band reist also keineswegs gedankenlos umher, füllt sich die Taschen und verschwindet wieder wie so manche Rockband, die ihre Berliner Zuschauer mit „Hallo, Köln!“ begrüßt. Aber die Art des Auftritts unterscheidet Bands wie Linkin Park auch stark von früheren Stadionbands wie Guns N’ Roses. Axl Rose bewies durch weibisches Gehabe, dass er sich der eigenen Männlichkeit noch völlig sicher war. Selbst Kurt Cobain trat gern im Sommerkleidchen auf. Wer Chester Bennington betrachtet und vor allem zuhört, sieht einen verwirrten 32-jährigen Jungen aufgepumpte Kehrreime krakeelen. „Crawling“, „Numb“ oder „Breaking The Habit“: Stets geht es um Panik, Angst und Überforderung. Bemerkenswerter Weise meist in fliederfarbenem Bühnenlicht.

Das auswegslose Ringen um tradierte Rollenbilder lässt auch Linkin Park noch halbwegs interessant erscheinen. Alles andere wirkt zwar beim ersten Eindruck außerordentlich bedeutsam. Aber nie verbirgt sich viel dahinter. Linkin Park, der Name, ist die umgangssprachliche Verfremdung einer Grünanlage namens Lincoln Park in Santa Monica, die heute auch nicht mehr so heißt. Der Schriftzug wurde mal japanisch, mal kyrillisch nachgestellt. Das zweite Album trug den Titel „Meteora“, hatte aber nichts byzantinischer Kultur zu tun. Das erste Album „Hybrid Theory“ stellte sogar ein musikalisches Konzept in Aussicht: Am Computer wurde ein Hybrid erzeugt aus Heavy Metal und aus HipHop. Auf der Bühne wurde die Musik reproduziert, Dank ihres ersten Gitarristen sogar weitestgehend verlustfrei. Deshalb trägt Brad Delson auf der Bühne nicht nur einen Modevollbart, sondern auch gewaltige Kopfhörer.

90 Minuten Energie

Zugleich und abwechselnd geschrien und gerappt wurde schon im den Achtzigerjahren beim Crossover „Walk This Way“ von Aerosmith und Run D.M.C. Crossover wurde später eine ernste und korrekte Angelegenheit bei Szenehelden wie Fugazi, auf die Linkin Park sich oft berufen. Allerdings fühlt der Nu Metal sich den anständigen Grundsätzen der Vorbilder kaum noch verpflichtet. Nicht bei Linkin Park zumindest. Tritt die Band in China auf, erschließt sie für sich neue Märkte und lobt Chinas offene Gesellschaft. Als der Unternehmer Edgar Bronfman vor drei Jahren Warner Music aufkaufte und Linkin Park zum Börsengang als Festkapelle einlud, weigerte die Band sich strikt. Sie klagte über eine ungebührliche Gewinnverteilung. Sie drohte, die Firma zu verlassen. Wenig später konnte Linkin Park vermelden: 15 Millionen Dollar Vorschuss für ein drittes Album, 20 Prozent Gewinnbeteiligung.

Der Leistungswille äußert sich bei Chester Bennington auch im Konzert. Er singt und zetert, bis die Schlagadern am Hals beängstigend hervortreten und seine Stimme pünktlich mit der letzten Zugabe versagt. Es geht in dieser neoliberalen Trostmusik nicht darum, originell und visionär zu sein. Es geht darum, Erfolgreiches zu optimieren und die Zustände zu zementieren. Weil die Stücke sich dadurch selbst von den treuesten Fans schwer auseinander halten lassen - bis auf „Shadow Of The Day“, das wie „With Or Without You“ von U2 klingt - ebbt auch die Begeisterung nie ab. 90 Minuten lang. Die Ausgaben mögen für jeden Gast beträchtlich sein. Umso zufriedener tritt der vorbildliche Konsument den Heimweg an.