Bibel

Pfingsten – Das Idealbild und die triste Wirklichkeit

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Gerd Lüdemann

Von dem Ereignis, das die christlichen Kirchen zu Pfingsten feiern, berichtet die Bibel nur an einer einzigen Stelle, nämlich im zweiten Kapitel der "Apostelgeschichte". Die Darstellung vermittelt einen starken Eindruck vom Leben der jungen christlichen Gemeinschaft. Doch die schönfärberische Darstellung hat einen hohen Preis.

Von dem Ereignis, das die christlichen Kirchen zu Pfingsten feiern, berichtet die Bibel nur an einer einzigen Stelle, nämlich im zweiten Kapitel der „Apostelgeschichte“. Diese spielt als älteste Kirchenhistorie für die Erforschung des frühen Christentums eine wichtige Rolle. Sie bildet ursprünglich die Fortsetzung des dritten neutestamentlichen Evangeliums, dessen Verfasser von der altkirchlichen Tradition irrtümlich mit dem Paulusbegleiter "Lukas“ gleichgesetzt wurde, und handelt zu Beginn von der Urgemeinde in Jerusalem. Dabei vermittelt die Darstellung einen starken Eindruck vom Leben der jungen Gemeinschaft, ist in sich geschlossen und hat eine große Wirkung erzielt. Zudem sind die lukanischen Daten zu Jesu Auferstehung und Himmelfahrt sowie zur Ausgießung des heiligen Geistes an Pfingsten die Grundlage unseres Kalenders.

Lukas sagt als einziger frühchristlicher Autor ausdrücklich, dass er das Leben Jesu und die Geschichte der frühen christlichen Gemeinden in der richtigen chronologischen Reihenfolge darstellen will. Er legt von seinem historischen Programm zu Beginn des Evangeliums Rechenschaft ab und betont, „viele“ Vorgänger zu übertreffen, sei er doch allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen.

Die Apostelgeschichte beginnt mit einer erneuten Widmung an Theophilus und einem Rückblick auf das erste Buch. Lukas schildert in ihr noch einmal den Abschied Jesu von seinen Anhängern, von dem schon am Ende des Evangeliums die Rede war, und erweitert das dort berichtete eintägige Zusammensein der Jünger mit Jesus auf 40 Tage. Anschließend beschreibt er die Nachwahl eines zwölften Apostels – Matthias –, die durch den Verrat und schrecklichen Tod des Judas notwendig geworden war, und erzählt anschaulich den Anfang christlichen Mission.

Als die Christen beim Pfingstfest, dem jüdischen Wochenfest 50 Tage nach dem Passah, versammelt waren, „kam plötzlich vom Himmel ein Geräusch, wie das eines daherfahrenden starken Windes, und durchdrang das ganze Haus, wo sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und es setzte sich auf jeden einzelnen von ihnen. Und sie wurden mit heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Zungen zu reden, wie der Geist ihnen zu sprechen gab“, so dass jeder einzelne von den Juden, die aus aller Herren Länder zum Fest gekommen waren, „sie in seiner eigenen Sprache reden hörte.“ Daher ihre entsetzte Frage: „Sind nicht alle, die da reden, Galiläer?“ Andere aber hatten nur Spott übrig: „Sie sind voll von Most.“

Lukas beschreibt die Gründung der Kirche als Folge eines übernatürlichen Wirkens. Denn so hat es der „Auferstandene“ im Evangelium verheißen: „Ihr sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet seid mit Kraft aus der Höhe.“ Seiner Weisung entsprechend sitzen die Zwölf mit ihrem Anhang – zusammen etwa 120 Menschen – geduldig abwartend in Jerusalem, bis durch die Ausgießung des Geistes die Erfüllung eintritt. Das Wunder bewirkt ein gewaltiges Anwachsen der Gemeinde, zunächst auf 3000, dann auf über 5000 Getaufte. Zugleich empfangen die Apostel jetzt die Kraft, Wunder und Zeichen zu tun.

Der theologischen Forschung ist es nicht schwer gefallen, die Glaubwürdigkeit des ersten Teils der Apostelgeschichte zu erschüttern. Er enthält Legenden und maßlose Übertreibungen: Von einer Reue des Judas oder seinem Selbstmord ist keine Rede mehr, sondern sein Körper bricht auseinander, so dass die Eingeweide heraustreten. Die Pfingstgeschichte, die von einem krassen Naturmirakel begleitet wird, schildert – literarisch künstlich – teils ein Reden in Zungen, teils ein Sprachenwunder und trägt geradezu burleske Züge. Die Massentaufen sind Propaganda. Vor allem: Gegen die Annahme, Lukas sei ein zuverlässiger Berichterstatter, spricht die Erkenntnis, dass er die ersten Jahre der Urgemeinde absichtlich als Kontrastfolie zur eigenen Gegenwart entwirft. Denn die Christen zur Zeit des Lukas vernachlässigten die von ihm in Erzählform beschworenen Tugenden der Urgemeinde: ein Herz und eine Seele zu sein, einmütiges Beieinander zu pflegen und an der Lehre der Apostel festzuhalten.

Vielmehr traten in der Gegenwart des Lukas – wie man aus späteren Kapiteln, speziell der Abschiedsrede des Paulus an die Ältesten der Gemeinde von Ephesos, erschließen kann – „grausame Wölfe“ auf, nämlich Irrlehrer aus den eigenen Reihen, die „Verkehrtes reden, um die Jünger hinter sich herzuziehen.“ Angesichts dieser Gefahr ermahnt Lukas die Christen seiner Zeit, am apostolischen Erbe festzuhalten und falschen Propheten zu widerstehen. Er kreiert das Bild von einem goldenen Zeitalter der Kirche, das alles in den Schatten stellt, was spätere Christen vom Ursprung ihrer Religion dichten sollten.

Doch die schönfärberische Darstellungsweise des Lukas hat einen hohen Preis. Teils verschweigt er grundlegende Daten der ältesten Kirchengeschichte, teils verzerrt er sie. So streicht er die Erstvision des Kephas und anderer Jünger in Galiläa, die er aus dem Markusevangelium kannte, und würdigt die dortige christliche Gemeinde keines Wortes. Er beschränkt das Geschehen der Frühzeit auf Jerusalem. Dementsprechend entfernt er auch Paulus, die Hauptperson des zweiten Teils der Apostelgeschichte, aus Damaskus und lässt ihn in Jerusalem Christen nachstellen. Aus den echten Briefen des Paulus wissen wir aber: In der Zeit vor seiner Bekehrung hat er Christen in Damaskus verfolgt und war den Gemeinden Judäas einschließlich Jerusalems unbekannt.

In der syrischen Metropole hatten – wohl noch im Todesjahr Jesu – griechischsprachige Christen eine Gemeinde gegründet, deren Frömmigkeit sich durch Ekstase, Zungenrede und Prophetie auszeichnete. Sie verehrten den Herrn Jesus nach Art einer Mysteriengottheit, an deren Tod und Auferstehung sie im Kult Anteil bekamen. Ihre Praxis?– hauptsächlich die einmalige Taufe in Christus hinein, welche die Unterschiede zwischen Mann und Frau, Freien und Sklaven, Juden und Heiden utopisch aufhob, und das regelmäßig begangene Herrenmahl, das die Einheit aller in Christus feierte und erneuerte – hatte den Widerstand des Diasporapharisäers Paulus erregt. Doch die Kraft, die diesen Riten innewohnte, trieb ihn in Christus hinein; er schloss sich der Gemeinde an und wurde selbst zum Heidenmissionar.

Die Herkunft dieser und anderer christlicher Gemeinden der Frühzeit, in der Juden und Heiden von Anfang an eine Einheit bildeten, liegt immer noch im Dunkeln. Das Wort des Göttinger Theologen Wilhelm Bousset (1865-1920) gilt unverändert: „Der volle Strom der neuen universalen Religionsbewegung flutete bereits, als Paulus in die Arbeit eintrat, auch er ist zunächst von diesem Strom getragen.“ Die Christen von Damaskus und auch Paulus hatten – anders als die in Jerusalem – Jesus selbst nie persönlich kennengelernt und waren über das, was er gesagt hatte, nur schlecht informiert. Von ihnen und ihrem berühmtesten Zögling Paulus ging der entscheidende Impuls zur Entstehung einer Weltreligion aus, deren eigentliche Ursprungsgeschichte noch geschrieben werden muss. Das Gründungsdatum der Kirche besteht in Wirklichkeit darin, dass in Damaskus Juden und Heiden, vereint in Christus, zum ersten Mal die neue Schöpfung feierten.

Der Autor ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Universität Göttingen. Von ihm erscheint im September „Die ersten drei Jahre Christentum“ (zu Klampen).