Rock

Queen auf Tour – The Show Must Go On

Mit Aushilfen begibt sich die Rockband Queen wieder auf Deutschland-Tournee

Schlag 23 Uhr am U-Bahnsteig des Münchner Odeonsplatzes hebt ein stark betrunkener Mann zu singen an. "The Game" - den Song hatte Queen, die Rockband, im Konzert zuvor vergessen.

Play the game, everybody plays the game! Der Mann wirft seinen Kopf zurück, er reißt die Arme in die Höhe wie es Freddie Mercury immer getan hat auf den Stadionbühnen. Doch vor allem: Auch die Stimme tönt im Suff noch überraschend nah am Original, entrückt und operettenhaft. Versprengte Heimkehrer des Queen-Gastspiels spenden Beifall.


Redlich hatte sich die eigentlich verlorene Kunstrockband zwei Stunden lang bemüht, den toten Sänger zu ersetzen. Um die Illusion zu wahren, es habe die neunziger Jahre und eine Millenniumswende nie gegeben. Brian May, der angestammte Gitarrist, mit hübscher, aber dünner Stimme. Roger Taylor heiser an der Rampe und am Schlagzeug. Und Paul Rodgers, ein gesanglich etwas schwerfälliger aber grundsympathischer Mittfünfziger leiht Hits wie "Crazy Little Thing Called Love" ein inbrünstiges Röhren. Weitere drei Musiker versehen ihren Dienst.

Es ist nicht lange her, da wäre diese Darbietung als Retro-Karaoke schwach besucht gewesen. Heute ist die Münchner Olympiahalle mit 12 000 Gästen ausverkauft - genauso wie die sich anschließende Deutschlandtour. Die Menschen sind begeistert. Klaglos zahlen sie dreimal soviel wie für die opulenten Darbietungen, als es Queen noch gab. Und das hat diesmal wenig mit dem Euro und der allgemeinen Inflation zu tun.


Als Freddie Mercury am 24. November 1991 an Aids starb, wurde auch Queen zunächst beerdigt. Zwar waren die Musiker nicht unerheblich, Brian May spielte so zeittypische Soli wie verblüffende Gitarrenklänge. May und Taylor waren Akademiker wie Mercury - ein Astronom, ein Biologe und ein Grafiker. Aber die Aura ihres Sängers, seine Stimme, seine Show, sein Spreizen degradierten die Begleiter ohne bösen Willen zu Gehilfen eines rockgeschichtlich einmaligen Egotrips. Die große Geste barg das souveräne Augenzwinkern. Jede Rolle schien so mehrdeutig wie Queen, der Name: Tunte oder Königin. Die Band war 1991 tot.


Das wußte Freddy Mercury, der Sterbende, schon damals besser. "The Show Must Go On" plazierte er als weisen Abgesang auf seinem letzten Album. Als Legende und als Wirtschaftsfaktor sollte Queen Erfolge feiern, die noch jedes gut verkaufte Album und dazugehörige Stadionmessen übertreffen würden. Es gab Remixes. Es gab das virtuelle Album "Made In Heaven" um die letzten Tonaufnahmen Mercurys. Es gab diverse Broadway-Produktionen, Westend-Shows, in München eine Planetariumsprojektion, in Köln ein Musical. CD-Boxen, Konzertmitschnitte und 2001 bereits die "Queen Reality Tour". May und Taylor gaben stets den Segen, nur John Deacon, ihr Bassist, hat sich zuletzt entnervt zurückgezogen.


Der Gesamtumsatz habe sich nahezu vervierfacht, schwärmt Brian May, seit Queen nicht mehr als Band, sondern als Mythos existiert. Man kann das als gewerbeüblichen Zynismus geißeln. Und man kann es als Triumph des Pop über die Endlichkeit des Seins betrachten - und zu "Queen 2005" in Mehrzweckhallen pilgern, wo sich unter brave Musiker, die Songs von Queen kopieren, auch zwei Originale mischen. Vielleicht täte das nicht einmal not. Da suchen heute irritierende Projekte deutsche Städte heim. Nicht immer wird auf Anhieb klar, ob sich ein Musical, eine Gedächtniscombo, eine Nummernrevue oder eine Reise von vergessenen Bandmitgliedern hinter dem Plakat verbirgt. "One Night of Queen" (Queen), "The Musical Box" (Genesis), "Abba Mania" (Abba), "The Machine" (Pink Floyd), "The Grandmothers" (Frank Zappa). Aber weil die Originale aus den siebziger Jahren tot sind, keine Lust mehr oder sich zerstritten haben, lindern diese Cover-Unternehmen den Phantomschmerz. Der Konzertbetrieb erwacht wieder zum Leben, während die CD-Verkaufszahlen in kümmerliche Dimensionen trudeln. Eine von der Industrie vernachlässigte Schicht, die treuen Plattenkonsumenten aus den Siebzigern und Achtzigern, schlägt zurück. Inzwischen hat sie dafür auch genügend Geld.


Ein Raunen geht durch die Olympiahalle, wenn Brian May seine Gitarre haltlos jubilieren läßt wie ein bekifftes Symphonieorchester und sogar wenn sich Paul Rodgers an "I Want It All" versucht, an "We Will Rock You" und "We Are The Champions". Um ihm seinen Auftritt zu erleichtern spielen Queen "It's All Right Now" von Rodgers' Rockband Free von 1970 und von seiner folgenden Band Bad Company das Stück "Can't Get Enough" von 1974. Die Besucher kennen beide, freuen sich und rasen. Stampfen, Toben, Klatschen. Es war übersichtlicher, als Haltung, Haare, Hosen im Verbund mit dröhnender Musik noch eine klare Botschaft trugen.


Darum geht es: Die vollkommene Illusion kann keine noch so werksichere Schar von Musikanten liefern. Das kann die Erinnerung. "Der Geist von Queen", ruft Brian May und schüttelt seine eindrucksvolle Minipli-Frisur, "lebt nicht allein in uns weiter, sondern vor allem durch Euch!" Und so entspricht auf einmal eine Rockfloskel, wie Stars sie seit Jahrzehnten durch die Hallen grölen, voll und ganz der Wahrheit.


Allerdings erlebt so ein Konzert den magischsten Moment nicht in der vorgegaukelten und von den Anwesenden mitgetragenen Leibhaftigkeit. In einem fast schon religiösen Augenblick wird Freddie Mercury auf einem Videoschirm hinzugeschaltet. Rührend asynchron singt er "Bohemian Rhapsody". Ein Stück, in dem nicht nur das Schaffen seiner Band zusammenschnurrt, in dem sich die gesamte Popmusik in schönstem Pomp entlädt. Die Hinterbliebenen haben ja recht mit ihrem Videobeweis: Das sollte niemand singen dürfen außer Freddie Mercury.


Auch unser Sänger unterm Odeonsplatz beläßt es beim beachtlichen Versuch einer Kopie, wankt selig in die U-Bahn und schläft auf der Stelle ein.


Weitere Termine: 17. April Leipzig, 19. Frankfurt, 25. Dortmund, 28. Hamburg, 6. Juli Köln