Zeichentrick

Die wunderbare Welt der Simpsons

Ende Juli wird der erste Film über die erfolgreichste Zeichentrickserie der Welt in die deutschen Kinos kommen. Seit 18 Jahren integrieren "Die Simpsons" alle relevanten Themen in ihre Welt und entwickeln sich zum abstrakten Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft. Eine Gratulation.

Foto: SH**NY** / AP

Sechs Uhr abends beginnt unter der Woche die schönste Zeit des Tages. Die Wolken teilen sich. Der Himmel leuchtet blau. Saiteninstrumente, Bläser, ein kleiner Junge rast auf dem Skateboard nach Hause, ein kleines Mädchen tanzt mit dem Saxofon aus der Orchesterprobe. Mutter und Kleinkind kurven im roten Auto in die Garageneinfahrt und treffen dort den Vater auf dem Weg ins Wohnzimmer, wo der Fernseher läuft, Danny Elfmans Titelmelodie dem Ende zududelt und gleich eine glückliche Familie vereint auf dem Sofa sitzen wird.

Auftritt: „Die Simpsons“, die postmoderne Welt, verkleidet als Comedyshow. Die Trickfilmserie handelt vom Alltag der fünfköpfigen Familie Simpson in der Kleinstadt Springfield. Um sie zu genießen, reicht diese Information vollkommen aus. Freunde der Nachdenklichkeit gehen aber gerne weiter. Etwa der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen: „In einer einzigen Folge der ,Simpsons' steckt mehr Wissen über die Welt und den gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft als an den deutschen Staatstheatern in einer ganzen Saisonproduktion zusammen.“ Das klingt bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, dass der Poptheoretiker mit seinem siebenjährigen Nachbarn eine „Simpsons“-Folge schauen könnte und beide ganz auf ihre Kosten kämen. Welcher poptheoretische Vortrag kann das von sich behaupten?

Mathematische Entdeckungen werden oft von jungen Wissenschaftern gemacht, als brauche es den frischen Blick, um die Tür zu einer neuen Welt zu öffnen. Das Quotenkasino der Massenmedien scheint bisweilen ähnlich zu funktionieren. So gesehen war Matt Groening 1985 mit Anfang Dreißig im richtigen Alter, um das Format „Familienserie“ zu revolutionieren. Die Eingebung dazu wurde aus der Not geboren. Weil er seinen Comic „Life in Hell“ nicht ans Fernsehen verkaufen wollte, erfand Groening für den Produzenten James L. Brooks innerhalb von fünfzehn Minuten – so will es die Legende – das Konzept einer dysfunktionalen Trickfilmfamilie.

Rülpsenden Väter, delinquente Söhne und neurotische Töchter

An Familienverbänden mit rülpsenden Vätern, delinquenten Söhnen und neurotischen Töchtern mangelt es in Fernsehserien seither nicht mehr. Verantwortlich dafür sind „Die Simpsons“ – in Partnerschaft mit der zeitgleich angelaufenen Serie „Eine schrecklich nette Familie“. Ginge es in Springfield allerdings nur um Problemfamilien, läge Groenings 15-Minuten-Idee längst wie Al Bundy auf der Halde verflossener Fernsehsensationen.

Die Simpsons aber leben, und es geht ihnen gut. Gerade proben sie den Schritt vom Bildschirm zur Leinwand: mit einem Kinofilm, der demnächst in Deutschland anläuft. Fürs Fernsehen wurden bisher über 400 Episoden produziert, die allein im deutschsprachigen Raum, wo die Serie seit 1991 läuft, bis zu 1,5 Millionen Zuschauer finden. Besser als jede Unterrichtsstunde führt die gelbe Familie mit den Stachelfrisuren vor, was den Mann auf der Straße wirklich bewegt: Feierabend, Fernsehen und Bier. Die Nachbarn, das Liebesleben und die Kirche. Und dazu eine Million popkulturelle Versatzstücke, die in „Die Simpsons“ wie Abfall im Weltraum einfach nicht aus der Serien-Umlaufbahn wegzukriegen sind.

„Das ist doch gerade die postmoderne Erfahrung von Welt!“, werden nun die Freunde der Nachdenklichkeit ausrufen. Und ihre siebenjährigen Nachbarn werden nicken, weil sie schon immer ahnten, dass Menschen mitunter wie Roboter aussehen. Oder wie Stoffpuppen. Oder wie grün leuchtende Außerirdische, und sei es nur, weil Springfields Lokalpatriarch und Atomkraftwerksbesitzer Montgomery Burns wieder zu viel von seinem radioaktiven Verjüngungsmittel gespritzt bekommen hat.

Die bestausgebildeten Köpfe der USA

Produziert werden „Die Simpsons“ bei Fox TV, einem der konservativsten Hauptsender der USA. Das hindert die Autoren nicht daran, weltanschaulich ihre eigene Linie zu verfolgen – oft zum Ärger des Senders (der seinen Aufstieg den „Simpsons“ verdankt) und des Besitzers Rupert Murdoch. Wenn in den „Simpsons“ der Nachrichtenticker einer fiktiven Fox-Nachrichtensendung fiktive Wahlkampfsprüche der Republikaner vorstellt („Studie: 92 Prozent aller Demokraten sind schwul! Rupert Murdoch: ein großartiger Tänzer!“), dann ist auch schon mal von einer Klage die Rede. Anderseits, wer klagt schon gegen seinen eigenen Sender? Immerhin wurde den „Simpsons“-Machern für zukünftige Episoden verboten, Fox-Nachrichtenticker, ob erfunden oder nicht, in die Geschichte aufzunehmen.

So leicht und unbeschwert „Die Simpsons“ auch daherkommt – hinter den Skripts stecken einige der bestausgebildeten Köpfe der USA. Zum Autorenstab gehören über 20 Harvard-Absolventen. Die ungeheure Zitatendichte, mit der „Die Simpsons“ vor allem zu Anfang allein in der Serienlandschaft stand, lässt sich vielleicht auf diese Massierung von Intellekt zurückführen. Anderseits waren Comics und Trickfilm immer schon ein Tummelfeld für Freunde der Zitate, der filmischen und politischen Referenzen, des Spiels mit Popmusik, mit amerikanischen Mythen und vor allem mit jeder nur denkbaren visuellen Welt – von Picassos kantigen Figuren bis zur Grafik von Computerspielen.

Die Leistung der „Simpsons“ besteht darin, diese anarchische Tradition gezeichneter Universen in ein familientaugliches Unterhaltungsprodukt verpackt zu haben. Wer keinen einzigen Zitatenbezug versteht, versteht noch immer, worum es geht. Nämlich um Springfield, eine Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, in der niemand perfekt ist, aber fast alle für eine Überraschung gut. Barney, der Alkoholiker, wäre als Nichttrinker ein hervorragender Pilot. Moe, der miesepetrige Barkeeper, zog auch schon mal los, um Witwen und Waisen aus Kriegsgebieten zu retten. In den „Simpsons“ steckt auch die Aufforderung, seiner Umwelt mit unvoreingenommener Neugier zu begegnen – ein humanistischer Auftrag, den nicht jede zitierfreudige TV-Ulkmaschine für sich in Anspruch nehmen kann.

Die "Simpsons"-Gastauftritte

Cameos heißen in den USA die Gastauftritte von prominenten Personen in Film oder Fernsehserien – Cameos wie die in Stein geschnitzten Köpfe berühmter Persönlichkeiten, Schmuckstücke, die schon im antiken Rom beliebt waren. Die moderne Prominenz reist gerne nach Springfield. Es gibt keinen besseren Indikator für die Beliebtheit der Serie als die Liste von „Simpsons“-Gastauftritten, die von Stephen Hawking bis Elizabeth Taylor, von Ludacris und Johnny Cash bis Magic Johnson und Stephen King reicht. Zu sehen sind dann zwar nur die gezeichneten Ebenbilder. Die Stimmen sind original – ein Grund, warum Musiker besonders gern gesehene Gäste sind.

Der Höhepunkt in Sachen Rockstar-Cameos dürfte eine Episode gewesen sein, in der Homer von seiner Familie einen Aufenthalt im Rock-'n'-Roll-Camp für Männer in der Midlife Crisis geschenkt bekommt. Geleitet wird die Veranstaltung in den Wäldern von Mick Jagger, Keith Richards, Lenny Kravitz, Tom Petty, Elvis Costello und Brian Setzer. Eine solche Ansammlung von (betagter) Rockprominenz in einer einzigen Episode – das hat keine andere Serie zu bieten. Im Übrigen war auch Michael Jackson schon in „Die Simpsons“, wenn auch unter fremdem Namen. Einzig auf Madonna warten die Bürger von Springfield noch vergebens – Groening, der in der Serie als Produzent und Berater wirkt, soll gerade dabei sein, sie für ein Cameo zu gewinnen.

Ein Höhepunkt anderer Art waren die insgesamt drei Auftritte des medienscheuen Großautors Thomas Pynchon. Der Wegbereiter der Postmoderne in der Literatur ließ sich 2003 für sein erstes Erscheinen in der Öffentlichkeit seit Anfang der 60er-Jahre in eine „Simpsons“-Folge hineinschreiben. Die Nachricht von seiner Teilnahme verbreitete sich in Windeseile. Eine ganze Reihe von Literaturprofessoren dürfte an diesen Abenden vor dem Fernseher gesessen und darauf gewartet haben, einen literarischen Mythos zumindest gezeichnet zu sehen. Daraus wurde nichts. Pynchon war zwar immer zu hören – das Gesicht seines Comic-Ebenbilds blieb allerdings stets unter einer Papiertüte verborgen.

Biervebot in arabischen Ländern

Dass Springfield nicht gleich Springfield ist, ist bekannt. In arabischen Ländern zum Beispiel trinkt Homer kein Bier. Und in

Deutschland sorgt eine bisweilen abenteuerliche Übersetzung für eigene Noten, kunstvoll vermittelt von großartigen Sprechern. Weihnachten findet hierzulande gerne im Hochsommer statt, und die Halloween-Sondergruselfolgen werden gesendet, wann immer es gerade passt.

Dem Fantum tut dies wenig Abbruch. Vor Kurzem lobte Bestsellerautor Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) die Serie in München als „epochalstes Kulturereignis der vergangenen 20 Jahre“. Kehlmann, Anfang dreißig, erklärte: „Wer sich ,Die Simpsons' anschaut, bei dem ändert sich die Weltwahrnehmung.“ Sprach er für seine eigene Generation? Die war gerade mal zwölf Jahre alt, als die ersten „Simpsons“-Folgen in Deutschland im ZDF ausgestrahlt wurden, und damit im glücklichsten Alter, von den dottergelben Kleinstadtbewohnern die Wahrnehmung von Welt überhaupt erst zu lernen.