"Eine Grenze durch Deutschland"

Die Mauer - Ausstellung gegen das Vergessen

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Sven Felix Kellerhoff

Vor 50 Jahren wurde die Mauer gebaut. Die Zeitungen "Die Welt" und "Bild" geben nun mit einer Ausstellung neue Einblicke in Deutschlands Teilung. Die Berliner Morgenpost sponsort die Ausstellung für 20 Schulen. Eins der ersten Exemplare aber schickt der Chef der Stiftung Aufarbeitung an Gesine Lötzsch.

Sackgassen sind ideal für spielende Kinder. Auch das blonde Mädchen freut sich sichtlich über die „verkehrsberuhigte Zone“ an der Luckauer Ecke Sebastianstraße, gerade dort, wo Kreuzberg auf Mitte stößt. Hier kann das vielleicht fünf Jahre alte Kind ungefährdet Rollschuh laufen – und stört sich nicht am Grund dafür: Düster ragt die von Stacheldraht bekrönte Mauer hinter dem Mädchen auf. Vor einem halben Jahrhundert wurde der vermeintlich „antifaschistische Schutzwall“ auf Befehl der SED quer durch die Viersektorenstadt gezogen wurde. Das symbolische Foto ist bisher nur ganz selten gedruckt worden und weitgehend unbekannt. Gerade deshalb ziert es jetzt das Titelplakat der Ausstellung „Die Mauer. Eine Grenze durch Deutschland“, die Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) am Dienstag im Lichthof des Auswärtigen Amtes offiziell eröffnet hat.

Auf Initiative der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur haben die Zeitungen „Bild“ und „Welt“ gemeinsam diese Schau erarbeitet. Nach dem offiziellen Start können die 20 Plakate im Großformat von Rathäusern, Schulen, Ämter, Vereinen und anderen Institutionen bestellt werden; ausgeliefert werden die Ausstellungssätze Ende Februar. Das Auswärtige Amt lässt zudem die Plakattexte in mehrere Sprachen übersetzen; schon in Arbeit sind eine englische und eine türkische Fassung, weitere werden wohl folgen. Insgesamt rechnet die Stiftung Aufarbeitung mit einer weltweiten Verbreitung der Schau in mehr als 2000 Exemplaren – und damit deutlich mehr als bei den Vorgängern über die „Friedliche Revolution“ 2009 und über „Die heile Welt der Diktatur“ im vergangenen Jahr.

Wissen um Unfreiheit verblasst

Mehr als zwei Jahrzehnte sind seit dem Fall der Mauer und der Vereinigung der DDR und der Bundesrepublik vergangen. Heutige Schüler und Studenten haben längst keine eigene Erinnerung daran mehr und oft auch erschreckend wenig Kenntnisse – nicht nur in Ost-, sondern auch in Westdeutschland. Im Bewusstsein der Nation verblasst, was die Teilung an Leid mit sich brachte, wie sie überwunden wurde und welches Glück der Mauerfall den Menschen in der denkwürdigen Nacht des 9. auf den 10. November 1989 bescherte. Doch den Wert der Freiheit kann nur schätzen, wer die Unfreiheit kennt oder wenigstens von ihr weiß.

„Bild“ und „Welt“, die wie die Berliner Morgenpost im Axel Springer Verlag erscheinen, haben sich stets stark gemacht gegen die Mauer: „Axel Springer war von Anfang an davon überzeugt, dass die Teilung Deutschlands und seiner Hauptstadt widernatürlich seien“, sagte „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann: „Axel Springer hat Recht behalten – auch wenn er es persönlich nicht mehr erlebte: Die Mauer hatte vor der Geschichte keinen Bestand.“

Die Ausstellung zeigt mit Fotos, kurzen Texten und Grafiken die Gesamtgeschichte der deutschen Teilung mit Schwerpunkt auf Berlin. Doch werden ebenso die politischen Hintergründe der Mauer behandelt, die eben nicht das Ergebnis des Kalten Krieges zweier Supermächte war, sondern die Folge des Scheiterns der sozialistischen Ideologie an der Praxis – und nicht erst 1961: Schon neun Jahre zuvor hatte die DDR die innerdeutsche Grenze mit Stacheldraht und Wachtürmen befestigt.

Auch das Dorf Mödlareuth erhält seinen Platz

Besonders wichtig für die Vorgeschichte des Mauerbaus ist die Massenflucht aus der DDR, zu der niemand gedrängt werden musste oder gar vom Westen „abgeworben“ wurde. Im Gegenteil gaben die mehr als drei Millionen Menschen, die bis 1961 der SED-Diktatur den Rücken kehrten, oft ihren materiellen Besitz auf, um sich selbst und ihren Kinder ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Sie fanden Aufnahme im Lager Marienfelde und wurden meist danach per Flugzeug in die Bundesrepublik gebracht. Nicht ohne Grund gehörten zu den ultimativen Forderungen Walter Ulbrichts auf seiner berüchtigten Pressekonferenz am 15. Juni 1961 die Auflösung der „Flüchtlingslager“ und die Schließung der West-Berliner Flughäfen – angeblich aus Sicherheitsgründen und zum Zwecke des Lärmschutzes.

Ausführlich behandelt die Ausstellung „Klein-Berlin“, das Dorf Mödlareuth, der zur Hälfte auf bayerischem und thüringischem Gebiet liegt. Schon ab 1952 teilte ein Bretterzaun den Ort, ab 1958 ein Stacheldrahtverhau, acht Jahre später errichteten DDR-Grenztruppen auch hier eine Mauer, aus den gleichen Bauteilen wie in Berlin. Heute besteht in Mödlareuth eines der besten Grenzlandmuseen.

Natürlich spielen das Grenzregime der SED mit Minen und Selbstschussanlagen sowie der Kahlschlag auf der Ostseite der „pioniertechnischen Anlagen“ (so der Sprachgebrauch der DDR-Grenztruppen) eine Rolle. „Schießbefehl“ ist ein Plakat überschrieben, das sich mit den Opfern der innerdeutschen Grenze beschäftigt. Es gab nie den einen, schriftlichen Befehl, „Grenzverletzer“ um jeden Preis aufzuhalten. Doch es gab im Verlauf der 28 Jahre vom Bau bis zum Fall der Berliner Mauer unzählige Anweisungen, teilweise schriftlich fixiert, teilweise Tag für Tag mündlich weitergegeben, die den Willen der SED-Führung zum Mord unmissverständlich klar machten. Wenn frühere DDR-Größen wie Egon Krenz oder Hans Modrow die Existenz des Schießbefehls bis heute bestreiten, dann lügen sie schlicht.

Ein klares Bekenntnis: "Nie wieder Diktatur!"

Bei der „Normalisierung“ des Grenzregimes in den 70er-und 80er-Jahren handelte es sich in Richtung Ost nach West nur um eine geringfügige Verbesserung: Wer im Zeichen der Entspannung die DDR verlassen durfte, wurde entweder von der Bundesregierung für viel Geld freigekauft – eine moderne Form des Menschenhandels, ins Werk gesetzt im Namen des vermeintlichen „sozialistischen Humanismus“. Oder er konnte oft erst nach Jahren der Schikanen offiziell ausreisen, beraubt um den größten Teil seines Eigentums, das dem Staat verfiel.

Während die juristischen Ermittlungen nach 1990 gegen die Täter des Grenzregimes und ihre Auftraggeber selten zu mehr als Bewährungsstrafen geführt haben, stehen Wissenschaft und Gedenkstätten trotz knappem Geld insgesamt relativ gut da. Dennoch verschwindet in der Öffentlichkeit zunehmend das Bewusstsein, dass Unfreiheit die direkte Folge des sozialistischen Experiments war. Deshalb gab der frühere DDR-Staatsfeind Nr. 1 und heutige Chef der Stiftung Aufarbeitung, Rainer Eppelmann, bekannt, dass er umgehend ein Exemplar der Plakatausstellung, eines der wenigen Vorabexemplare, an Gesine Lötzsch schicken wird – und wünschte sich, dass sie in der Zentrale der Linkspartei am Rosa-Luxemburg-Platz gezeigt wird. Ob dieser Wunsch Realität wird? Immerhin steht am Ende als gemeinsames Bekenntnis von Stiftung Aufarbeitung, „Bild“ und „Welt“ ein klares Bekenntnis: „Nie wieder Diktatur!“

Die gemeinsame Ausstellung von Stiftung Aufarbeitung, "Bild“ und „Welt“ ist zunächst bis zum 28. Januar im Lichthof des Auswärtigen Amtes zu sehen. Gleichzeitig werden noch Bestellungen für die Plakatversion entgegengenommen, zum Selbstkostenpreis inkl. Versand von 50 Euro pro Satz. Einzelbestellungen bitte ausschließlich per E-Mail an DieMauer@stiftung-aufarbeitung.de. Ausgeliefert wird Ende Februar.

Mehrere Kultusministerien und Landeszentralen für politische Bildung bieten die Plakatausstellung den Schulen und Institutionen der politischen Bildung in den jeweiligen Bundesländern kostenfrei an. Es gibt auch kostenloses pädagogisches Begleitmaterial, genau wie einen Überblick über die Schau unter www.stiftung-aufarbeitung.de/DieMauer .

Die Berliner Morgenpost sponsert 50 Schulen in der Hauptstadt die Ausstellung in Form von Plakatsätzen. Bitte schreiben Sie an die Berliner Morgenpost, Lokales, Stichwort: „Die Mauer. Eine Grenze durch Deutschland“, 10888 Berlin.