Ausstellung

Hamburg ist jetzt das Mekka der Kunst

Dreizehn Meter hoch, breit und tief ist Gregor Schneiders schwarze Kiste. Sie erinnert an die Kaaba in Mekka und wurde aus Angst vor muslimischen Protesten bislang nirgends aufgebaut. Die Hamburger Kunsthalle integriert das Kunstwerk in ihre Malewitsch-Ausstellung.

Foto: gam/nie / DPA

Da steht er nun: Schwarz auf weißem Sockel, dreizehn Meter hoch und breit und tief. Der Kubus des deutschen Künstlers Gregor Schneider, über den in den vergangenen zwei Jahren so viel diskutiert wurde wie über kein anderes Kunstwerk, er steht jetzt vor der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle.

Eine beeindruckend schwarze Kiste, die das Licht ringsum aufzusaugen scheint. Ein Fremdkörper – unnahbar, unergründlich, nicht zu betreten. Ein Körper gewordenes Geheimnis, das den sich nähernden Betrachter in einen leichten Taumel versetzt, allzu unfassbar ist, was sich scheinbar riesenhoch vor ihm aufbaut. Ein überwältigendes Kunstwerk, das jede Assoziation zulässt – auch Bezüge zur Kaaba in Mekka, die der Realisierung des Projektes bisher im Wege standen.

Angst vor muslimischen Protesten

Denn schon 2005 wollte Gregor Schneider einen schwarzen Kubus auf dem Markusplatz in Venedig aufbauen, was ihm auf Grund von Sicherheitsbedenken verwehrt wurde. Auch vor dem Museum Hamburger Bahnhof in Berlin durfte er ihn aus Angst vor muslimischen Protesten nicht bauen.

Jetzt setzt ihn der Hamburger Kunsthallenchef Hubertus Gassner ans Ende seiner Ausstellung „Das schwarze Quadrat – Hommage an Malewitsch“ und holt ihn damit zurück aus politischen Diskussionen und mystischem Kaaba-Geraune hinein in die Welt der Kunst, wo er immer hingehörte. Mag sein, der Hamburger Kubus ist von Gregor Schneider wie die Kaaba in Mekka ausgerichtet, und ganz sicher gibt es optische Bezüge zwischen beiden. Doch der Kubus ist, was er nur sein kann: ein Kunstwerk, das man bestaunen oder ablehnen kann, dessen Geheimnis man erspürt oder das man nicht erkennt.

Zurück in die Kunst

Dafür allerdings müsste man schon sehr wenig über die Wirkung von Skulptur wissen, denn mächtig und durch seine schiere Größe beeindruckend steht dieses Kunstwerk zwischen den Hamburger Museumsbauten, die zwar auch kistenartige Hüllen sind, aber Eingänge und Fenster und Ausgänge haben. Das schwarze, saugende Nichts, das Schneiders Kubus umgibt, ist dagegen absolut undurchdringlich, auch wenn sich unendlich viel hineininterpretieren lässt.

Für Museumschef und Kurator Gassner ist der nun endlich realisierte Kubus „ein Zeichen für die Freiheit der Kunst“ und ein „nach außen gestülpter unzugänglicher Raum“, wie ihn Gregor Schneider in vielen seiner Arbeiten schuf. Man könnte auch mit Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch sagen: Der Kubus ist reine Empfindung, der Raum drum herum die Leere. Denn „Empfindung der Gegenstandslosigkeit“, nannte Malewitsch sein schwarzes Quadrat, und Schneiders Kubus ist nichts anderes als ein dreidimensionales Quadrat, das sich aus der „Urform aller Kunst“ (Malewitsch) entwickelt hat.

Der Kubus und Schneiders "Schwarzes Quadrat"

Natürlich gibt es auch Beziehungen zwischen dem Kubus und all den isolierten Räumen und Kisten, die Gregor Schneider gebaut hat. Mit seinem „Toten Haus u r“ auf der Biennale in Venedig gewann er 2001 den Goldenen Löwen. Doch in dieser Ausstellung überwiegen naturgemäß die Beziehungen zum „Schwarzen Quadrat“, das Malewitsch mindestens vier Mal malte: 1915, 1923, 1929 und 1930.

In Hamburg ist das 1923 entstandene zu sehen. Das erste „Schwarze Quadrat“, das in der legendären „0,10 Letzte futuristische Ausstellung“ 1915 in Petrograd gezeigt wurde, hängte Malewitsch in die „schöne Ecke“, dorthin, wo die Russen normalerweise ihre Ikonen hängen. Denn die Aufgabe seiner Kunst sei die Wiedergewinnung der gegenstandslosen Erregung, die uns erneut das Empfinden einer All-Einheit vermitteln soll – da ist die Religion nicht weit. Und auch Schneider nennt seinen Kubus ein „universelles Zeichen“ und verweist auf Abraham. „Kunst kommt von Kunst“, kommentiert Museumschef Gassner solche Künstler-Gemeinsamkeiten.

Kapuzenmänner im Quadrat

Denn als Ikone galt das „Schwarze Quadrat“ vielen Künstlern, auch wenn es die wenigsten im Original gesehen hatten. Die amerikanischen legten Quadrate auf Fußböden nebeneinander (Carl Andre), stellten sie gegeneinander (Richard Serra) oder schichteten sie aufeinander (Sol LeWitt).

Samuel Beckett ließ Kapuzenmänner im Quadrat laufen, Noriyuki Haraguchi füllte Wannen mit schwarzem Altöl, Günter Uecker nagelte im Quadrat, Reiner Ruthenbeck versuchte, ein schwarzes Quadrat mit Scheinwerfern aufzuhellen, während Sigmar Polke ein Bild mit einer schwarzen Ecke malte und an den Rand schrieb: „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“

Schwarzes Quadrat um Malewitschs Sarg

Von solch ironischem Heldensturz ist die slowenische Künstlergruppe IRWIN weit entfernt. Sie stellt das Foto des in seiner Petersburger Wohnung aufgebahrten Malewitsch nach, reduziert allerdings den Bilderschmuck rund um den schwarz-weiß gestalteten Sarg samt aufgebahrtem Malewitsch auf ein „Schwarzes Quadrat“. Eine radikale Beschränkung, die doch ganz im Sinne des Suprematismus ist. Schließlich wollte Malewitsch (als Herrscher) mit seiner Kunst (als Herrschaftsinstrument) nichts weniger als das Volk in eine bessere Welt führen.

Nicht umsonst verwendete er für die Bezeichnung seiner Kunst das lateinische Wort „suprematia“, das Herrschaft, auch Überlegenheit bedeutet. Mit diesem hyperrealistischen Schlussakkord endet diese kluge Ausstellung, die es so bald und mit so vielen Malewitsch-Werken (etwa 30) nicht wieder geben wird, denn an das Amsterdamer Stedelijk-Museum, das viele Werke des Künstlers besitzt, gibt es Restitutionsansprüche, weshalb das Museum nichts verleihen darf. Die Hamburger Kunsthalle musste allein aus russischen Museen leihen – was ziemlich kompliziert war. Und das Museum of Modern Art in New York, das Malewitschs „Weißes Quadrat auf weißem Grund“ besitzt, verlangt so hohe Versicherungssummen (60.000 Euro), dass die Kunsthalle darauf verzichten musste.

Hamburg, Kunsthalle, bis 10. Juni, Katalog (Hatje Cantz) 39,80 Euro.