Kino

Wie oft wollen Sie die Welt retten, Mr Smith?

Ob Actionfilm, Science-Fiction, Komödie oder Sozialdrama - Will Smith glänzt in jedem Genre. In "I Am Legend" spielt er nun den letzten Menschen auf Erden. Mit Morgenpost Online spricht er darüber, wie er sich darauf vorbereitet hat, den einsamsten Menschen auf Erden zu spielen und über die Kraft von Ideen.

Foto: DB KSD GM**NY** SAH**NY** / AP

Mitte Dezember in Madrid. Will Smith ist mit seinem neuen Film "I Am Legend" auf Europatour. Darin spielt er den offenbar letzten lebenden Menschen, nachdem ein medizinisches Experiment den Rest der Weltbevölkerung in missgünstige Zombies verwandelt hat. In den USA hatte das Werk den erfolgreichsten Filmstart aller Zeiten und unterstrich damit Smiths Funktion als stärkster Kassenmagnet Hollywoods. Trotz des Rummels zeigt Smith sich professionell, heiter und entspannt, lacht viel und laut und beginnt das Gespräch mit der Frage: "Mit wie vielen Leuten haben Sie den Film gesehen?"

Morgenpost Online: Allein.

Will Smith: Das geht doch nicht. Man braucht das Geschrei der anderen Zuschauer, wie sie von den Sitzen aufspringen. Diesen Film kann man doch nicht allein sehen.

Morgenpost Online: Mir ging es wie Ihnen. Sie sind in "I Am Legend" ja auch meist allein.


Smith: Ja, das war wirklich eine recht seltsame Erfahrung. Um mich darauf vorzubereiten, habe ich mich mit ehemaligen Kriegsgefangenen und Leuten, die in Einzelhaft saßen, getroffen.


Morgenpost Online: Und was haben die Ihnen erzählt?


Smith: Dass man seinen gesamten Tagesablauf penibel durchorganisieren muss. Dass man sich zum Beispiel jeden Morgen von neun bis zehn seine Fingernägel macht. Und von zehn bis elf macht man alle drei Minuten zehn Liegestütze.


Morgenpost Online ONLINE: Um in Form zu bleiben?


Smith: Um nicht den Verstand zu verlieren. Diese Informationen waren enorm wichtig für mich, damit ich mich in die Rolle hineinversetzen konnte. Denn wie denkt so ein Mensch, der allein auf der Welt ist.

Morgenpost Online: Und wie denkt so einer?

Smith: So einer spricht innerlich mit dem Stuhl, auf dem er sitzt, und mit der Flasche, aus der er trinkt. Man verleiht den Dingen, die einen umgeben, Leben. Der Verstand erschafft sich also das, was ihm fehlt.

Morgenpost Online: Und haben Sie während der Dreharbeiten mit dem Stuhl gesprochen?

Smith: Ich hatte jedenfalls seitenweise innere Monologe, die mich durch die Szenen führten.

Morgenpost Online: Sind Sie selbst gern allein?

Smith: Überhaupt nicht. Ich habe drei Geschwister. Mein kleiner Bruder teilte sich mit mir das Bett, bis ich 13 war. Die Erfahrung des Alleinseins war also neu für mich. Seit den Dreharbeiten habe ich aber ein Bedürfnis danach entwickelt. Das gab es früher nicht.

Morgenpost Online: Ist das eine positive Entwicklung?

Smith: Ja. Heute fällt mir auf, wie sehr man sich sonst ablenkt, um sich nur nicht mit dem zu beschäftigen, was im eigenen Kopf passiert.

Morgenpost Online: Das Beeindruckendste an "I Am Legend" sind wahrscheinlich die Bilder von den menschenleeren Straßen New Yorks. Sind das Special Effects?

Smith: Nein. Wir haben immer vier, fünf Blocks abgesperrt und mit Pflanzen dekoriert, damit diese eigenartige Stimmung entsteht.

Morgenpost Online: Aber sie ist nicht nur eigenartig, sondern auch schön.

Smith: Nicht wahr? Zuerst dachten wir, New York ohne Menschen müsste grau und düster aussehen, aber dann meinte der Regisseur Francis Lawrence: "Wäre es nicht auch wundervoll, wenn New York wieder zurück in die Hand der Natur fiele?" Und das war dann unser Ansatz. Es sollte leicht, friedlich und schön aussehen.

Morgenpost Online: Richard Mathesons gleichnamiger Roman wurde bereits zweimal verfilmt. Einmal 1964 als "The Last Man On Earth" mit Vincent Price und dann 1971 als "Der Omega Mann" mit Charlton Heston. Sehen Sie "I Am Legend" eher als Remake oder als Literaturverfilmung?

Smith: Was uns ursprünglich vorschwebte, lag irgendwo zwischen dem Roman und "Omega Mann". Aber je mehr wir uns mit dem Stoff beschäftigt haben, kamen wir zu dem Schluss, dass "I Am Legend" ein Film sein sollte, der sich jedem Genre verweigert.

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

Smith: Es sollte kein Horror- und kein Actionfilm werden. "I Am Legend" sollte sich mit der Frage beschäftigen, wie es sich anfühlt, der letzte Mensch auf Erden zu sein.

Morgenpost Online: Der allerdings von einer Horde lichtscheuer Zombies umgeben ist.

Smith: Genau.

Morgenpost Online: Der Film endet allerdings anders als der Roman. Können Sie kurz beschreiben, was im Buch passiert?

Smith: Also Robert Neville, der letzte lebende Mensch, ist damit beschäftig, die Zombies abzuwehren, und tötet, tötet und tötet sie, bis er plötzlich begreift, dass er das eigentliche Monster ist.

Morgenpost Online: Das ist doch ein schöner Dreh. War Ihnen das zu verwegen für den Film?

Smith: Wissen Sie, eine Figur für anderthalb Stunden durch einen Film zu begleiten, die zum Schluss feststellt, dass sie in einem Irrtum lebt, ist vielleicht ein cooles intellektuelles Konzept. Aber es ist weniger emotional als das Ende, das wir gewählt haben.

Morgenpost Online: Aber ist das Ende des Films, eigentlich nur die letzte Minute, nicht vor allem auf eine unangemessene Weise kitschig und religiös?

Smith: Für mich ist der Glaube, der sich darin äußert, nicht unangemessener als der eines jungen Schwarzen aus Philadelphia, der davon träumt, der weltgrößte Filmstar zu werden. Ich liebe es, wenn Leute an etwas glauben und dadurch das, an was sie glauben, wahr machen. Mir gefällt die Fragestellung, ob eine Sache objektiv existiert oder nur in unserer Wahrnehmung existent ist.

Morgenpost Online: Die Wahrnehmung Ihrer Figur ist auf jeden Fall gestört. Das ist das erste Mal, dass Sie eine leicht gebrochene Figur spielen.

Smith: Nicht ganz, aber die Figuren, für die ich berühmt bin, waren stets absolut frei von Traumata. Mittlerweile versuche ich, meine Figuren auf einer Negativerfahrung aufzubauen, die definiert, wer und was sie sind. Das gibt mehr dramatisches Gewicht und hilft mir interessantere Rollen zu finden. "I Am Legend" handelt meiner Ansicht nach vor allem davon, wie die Hauptfigur psychisch zerbricht.

Morgenpost Online: Aber Sie retten die Welt.

Smith: Zumindest das, was von ihr übrig geblieben ist.

Morgenpost Online: Wie oft wollen Sie die Welt noch retten?

Smith: Ich glaube, ich habe sie gar nicht so oft gerettet.

Morgenpost Online: Überlegen wir mal: In "Independence Day" haben Sie einen Alien k.o. geschlagen ...

Smith: Ja, das war Teil der Weltrettung. Aber wirklich gerettet habe ich die Welt nur in "Men in Black". Aber irgendwie habe ich wohl das Image des Weltretters, selbst mein Sohn hat mir schon gesagt: "Daddy, es reicht. Wir haben es verstanden."

Morgenpost Online: Steht Ihnen nicht manchmal auch der Sinn nach kleineren, also wirklich kleinen Produktionen?

Smith: Das habe ich ja versucht. Meiner Meinung nach war "Das Streben nach Glück" der kleinste Film, den ich habe drehen können. Aber die Leute kommen ja trotzdem ins Kino.

Morgenpost Online: Woran mag das liegen?

Smith: Wahrscheinlich, weil ich mir Filme mit einer großen Idee dahinter aussuche. Selbst bei den kleinen Filmen. "I Am Legend" handelt von dem letzten Menschen auf Erden - das ist natürlich eine große Idee. Und "Das Streben nach Glück" erzählt von einem Mann, der versucht, für sich und seinen Sohn das Überleben zu sichern. Das ist auch ein großes Konzept, obwohl der Film eher klein war. Denn jeder einzelne Mensch ist entweder Elternteil oder Kind. Damit kann jeder etwas anfangen, das macht das Thema natürlich riesig.

Morgenpost Online: Was wäre ein kleines Thema?

Smith: Etwa von einem Maler aus dem vierten Jahrhundert zu erzählen, der beschließt, sein Glück als Drogendealer zu versuchen.