Je nach Tagesform ist es ein Fluch oder ein Glück: Ich gehöre noch zu der Generation, deren Eltern tatsächlich mit der Hand schreiben konnten. Mit ehrfürchtigem Blick betrachtete ich die schwungvolle, unleserliche und - wie mir schien - unendlich eingeschriebene Signatur meines Vaters. Da er eine kurze Zeit als Lokalpolitiker tätig war, flogen bei uns zu Hause jahrelang noch Autogrammkarten herum: Ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem er gewinnend in die Ferne lächelte, darunter mit Füller geschrieben sein Name. Es ist die Schrift eines Mannes, der so schnell denkt, wie er schreibt.
Meine eigene Lese- und Schreibschwäche glaubte ich überwunden zu haben, als ich in der zweiten Klasse von der Kreuzschule in Regensburg an die Comeniusschule in Hannover wechselte. Von bayrischen Nonnen gedrillt, schrieb ich doppelt so schnell und wesentlich sauberer als alle meine neuen, norddeutschen Mitschüler, weswegen mich das Süd-Nord-Gefälle bei der Pisa-Studie etliche Jahre später nicht wirklich überraschte.
Die Maus kommt vor dem Füller
Bis heute betrachte ich sehr kritisch, wie andere schreiben. Nicht nur, wie flüssig die Buchstaben übers Blatt gleiten, sondern auch, wie Mitschüler, Kaffeehausnachbarn oder Kollegen ihr Schreibgerät halten. Es mag ein schlechter Charakterzug sein, aber mir bereitet es leichtes Unbehagen zu sehen, wenn Menschen beim Schreiben das oberste Gelenk ihres Zeigefingers durchdrücken, wenn sie vor Anstrengung die Zunge zwischen die Zähne klemmen oder das Schreibgerät zwischen Mittel- und Ringfinger halten.
"Es kommt darauf an, was hinten rauskommt", hat ein großer deutscher Staatsmann mal zu bedenken gegeben. Aber erstens kann man Form und Inhalt nie trennen, und zweitens sollte das Schreiben mit der Hand eine ästhetische, ja elegante Angelegenheit sein. Eine Art Ballett mit den Fingern. Sonst kann man ja gleich zum Laptop greifen.
Mitmenschen, die nach 1980 geboren sind, ist es ohnehin kaum begreiflich zu machen, wozu die Handarbeit auf dem weißen
Papier gut sein soll. Ein Kind aus normalem Haus (kein Prekariat, keine Anthroposopheneltern) lernt heute, eine Maus zu bewegen, bevor es mit der Hand zu schreiben lernt. Und warum sollte es das dann überhaupt noch lernen? Mit der Tastatur, den Werkzeugen und Funktionen eines Computers kann man Texte verfassen und mit dem Rechtschreibprogramm gleich korrigieren lassen. Dazu aber kann man mit Freunden in Echtzeit kommunizieren, in Spielen Welten zerstören, Musik, Bilder und Filme konsumieren.
Schreiben fördert lineares Denken
Was dabei verloren geht? Die Fähigkeit, von A nach B zu denken. Bei der Einführung des Computers in den Redaktionsräumen der FAZ gab es starke Bedenken, ob damit die Schreibkultur in Gefahr sei. Zu Recht. Denn wer am Computer das professionelle Schreiben gelernt hat, der ist für das handschriftliche Formulieren verdorben.
Er ist es gewohnt, einen Text beliebig oft zu bearbeiten, Absätze zu verschieben, Formulierungen hinzuschreiben, zu verwerfen und zu ersetzen. Man nennt diese Technik Copy and Paste. Und wenn man möchte, kann man sie sogar als den Inbegriff für ein modernes Lebensgefühl verstehen: Karrieren, Beziehungen, Lebensentwürfe verlaufen oft nicht mehr linear, sondern mit zahlreichen Unterbrechungen, 180-Grad-Wendungen und Wiederanknüpfungen.
Vor einigen Jahren lobte die Füllerfirma Montblanc einen Kurzgeschichtenwettbewerb für junge Autoren aus. Man lud die Kandidaten (unter anderen Thomas Brussig, Karen Duve, Peter Richter) ins Hamburger Hotel "Louis C. Jacob" (mit den Lindenterassen und dem tollen Elbblick) und gab ihnen nur zwei Vorgaben: Das Thema lautete "So viel Zeit muss sein".
Nur die Unterschrift muss stimmig sein
Und der Text musste mit der Hand geschrieben sein. Solange die Fernsehkamera lief, kritzelte der spätere Gewinner Moritz von Uslar in seinen Block ein paar Notizen. Danach tippte er am Laptop seine Geschichte. Weil er ein fairer Player ist, schrieb er die ersten Seiten mit der Hand noch einmal ab.
Wenn die Handschrift also einerseits ein Zeichen von besonderer Aufmerksamkeit und Distinktion ist, andererseits aber auch ein überflüssiger, zeitraubender Luxus - wie geht man dann damit um? In etwa so wie mit dem Kochen oder dem Klavierspielen: Man kann es erlernen und praktizieren, wenn es einem Freude macht. Man kann sich darüber freuen, wenn andere einen an ihren Kenntnissen teilhaben lassen. Aber man sollte nicht den Fehler machen, es zu erwarten. Auch ein überdurchschnittlich erfolgreicher, kluger oder unterhaltsamer Mensch kann heute ohne eine leserliche Handschrift existieren.
Was allerdings nicht geht: eine peinliche Unterschrift. Sie ist das einzig Handschriftliche, an dem Sie nicht vorbeikommen. Sei es, wenn Sie einen Vertrag oder eine Petition unterzeichnen, sei es, wenn Sie ein Buch signieren oder nur die Gratulationskarte an einen Arbeitskollegen mit unterschreiben. Deswegen gibt es eigentlich keine Ausrede für eine schäbig wirkende Unterschrift.
Wie jede mechanische Tätigkeit ist sie erlernbar und trainierbar. Und man kann nicht früh genug damit anfangen. Wenn Sie erst mal Bundeskanzler/in sind, ist es zu spät.
Adriano Sack: Manieren 2.0. Stil im digitalen Zeitalter. Piper, München. 240 S., 16,90 Euro.




