Einen Kilometer weiter rostet der Ex-Palast vor sich hin, längst kein politisches Denkmal mehr, sondern Zeugnis für den Doppel-Fluch des „Det jeht nich“ und des „Det dauert“, der über so vielem Tun der öffentlichen Hand lastet. Nichts gelingt, die Grüne Welle nicht und nicht die Lehrerversorgung, vom Arbeitsmarkt ganz zu schweigen. Und doch gibt es auch Inseln der Perfektion in Berlin, wo alles klappt, wo einem das Herz aufgeht vor Bewunderung über das scheinbar mühelose Zusammenspiel Hunderter von Menschen.
Die Opern gehören dazu. Und das riesige Unterhaltungstheater am Bahnhof Friedrichstadt, das seinen Palast-Titel mit vollem Recht trägt, denn gibt es auch keinen König hier, so doch einen Hofstaat, zusammengesetzt aus Hunderten von Spezialisten für fürstliches Divertimento, mit Orchester und Ballett und Zauberern der Illusion.
Die luftigste aller Kunstformen
Keine Sekunde darf da geschlampt werden, so ähnlich wie auf einem Flugplatz. Denn es geht ums Abheben, ums Fliegen. Die Revue ist die luftigste aller Kunstformen – und also eine der schwersten. Darum ist sie fast überall auf der Welt ausgestorben, und geblieben sind nur vergilbte Archivphotos, die erstaunlicherweise immer noch elektrisieren.
Denn die Revue war der Ort, wo wir, die modernen Großstadtmenschen, zum ersten Mal einen glitzernden Spiegel vorgehalten bekommen haben, wo das Oberflächliche und Flüchtige der Metropolen, ihre Zerstreuungslust, nicht pädagogisch verurteilt, sondern heiter auf den Punkt gebracht wurde. Und geblieben ist das Echo in der Klassischen Moderne: Picasso hat die Revue geliebt; Nolde, Kirchner und Pechstein sind durch die Berliner Variétés und Tingeltangel gepilgert auf der Suche nach sinnlichen Sensationen zur Beflügelung ihrer Kunst.
Wer heute Revue macht, muss einen schwierigen Spagat hinkriegen: Er steht im Bann einer ehrwürdigen Tradition, zu der die Swingmusik wie die Girlsreihe gehören – und muss doch ein Publikum begeistern, das durch Rockmusik, Fernsehen und Computer-Virtualität andere Ohren und Augen, andere Phantasien bekommen hat als die Fans der Roaring Twenties.
24 Bilder, 600 Kostüme
Thomas Münstermann und seinem Team ist mit „Rhythmus Berlin“ ein großer Wurf gelungen. Soviel Augenlust war nie: 24 Bilder, 600 Kostüme, fünf Komponisten, sieben Choreographen und vor allem der Mut, die traditionellen Trampelpfade der Zuschauererwartungen zu verlassen und neugierig auszuschwärmen in die Gegenwartskunst – es hat sich gelohnt. „Rhythmus Berlin“ knüpft ganz bewusst an den legendären Film von Walter Ruttmann „Berlin – Symphonie einer Großstadt“ von 1927 an. Mit einer furiosen Simultanprojektion von Ruttmannbildern, aus denen sich dann die Tanzszenen und Songs emanzipieren, beginnt die Schau.
Die Story ist so alt wie die Welt und so neu wie jeder Tag in Berlin: Boy meets Girl, ein Hindernislauf, der 24 Stunden dauert und durch ganz Berlin führt. Man schaut und staunt. „Rhythmus Berlin“ ist ein Triumph der Kombinatorik von Vertrautem und Neuerfundenem. Die ehrwürdigen Berlin-Mythen der Architektur, des Stadtplans, der taghellen Nacht kommen vor, aber nie als braves Zitat, sondern immer verwandelt in Theater-Überraschungen.
So schwebt etwa die Gold-Else hoch in den Lüften, getragen nur von einer gewaltigen Wasserfontäne. Und der Platz am Großen Stern wird zur Vogelschau-Postkarte, in deren Mitte sich ein dunkles Loch als neue Bühne auftut. Videos spielen wie Kobolde während der ganzen Revue mit, sind mal Mensch, mal Ornament, sie kommen und gehen nach Laune und wischen sich, ein grandiose Pointe, am Schluss selbst weg.
Mixtur auf der Höhe der Zeit
„Rhythmus Berlin“ ist auf der Höhe der Zeit. Es mixt die Errungenschaften der Avantgarde wie den Minimalismus des zeitgenössischen Tanztheaters und die erotischen Körperinszenierungen der Body Art mit immer neuen Wellen des klassischen Formationstanzes und mit dem Variété. Und heraus kommen unvergessliche Bilder wie jenes vom magisch leuchtenden Liebespaar in einer Wasserschale hoch droben, unter dem sich der blaue Planet durchs Weltall dreht. Oder das Museum, dessen Skulpturen auf erschreckend komische Weise zum Leben erwachen. Oder auch der Regen, der Kunstfiguren bildet.
Großstadt ist Risiko, Steigen und Stürzen. Darum sind die akrobatischen Partien der Revue nicht Abwechslungs-Zutaten, sondern treibende Faktoren der Handlung. Genial übersetzt die russische „Tschass“-Truppe die Hektik der Metropolenzeit in eine atemberaubende Performance an einer riesigen Uhr. Und Standing Ovations gibt es für die Velez-Brothers, die mit Oben und Unten, mit dem Körper im Raum, ja mit den Gesetzen der Schwerkraft ihren lebensgefährlichen Spott treiben, wie es sonst nur der Computer in virtuellen Welten kann.
Mut zum Risiko hat auch die Musik. Nicht Berliner Evergreens lächeln am Wege, sondern ein durchgehend neu komponierter Musik-Strom trägt die Ereignisse: dämonischer Swing trifft schneidenden HipHop und raffinierte Balladen, auf die zu hören sich lohnt. Wermutstropfen: Von den Songtexten war kaum etwas zu verstehen. Aber ein kleines Pech im großen Glück der Revue – was macht das schon?




