Das sagt sich so leicht dahin: dass man eine einst geliebte Person am liebsten vergessen will. Löschen wie eine Datei auf der Festplatte. Verdrängen, ohne Gefahr zu laufen, dass da tiefenpsychologisch irgendwas hängen bleibt und sich Jahre später aus dem Unterbewusstsein zurück meldet. Aber vielleicht brauchen wir ja auch unsere schlechten Erinnerungen? Vielleicht reift unser Charakter erst durch die Verarbeitung der wirklich miesen Momente in unserem Leben?

Joel Barish (Jim Carrey) macht die grausame Erfahrung, dass seine einst geliebte Clementine (Kate Winslet) sich einer Gehirnwäsche unterzog und buchstäblich keine Ahnung mehr hat, wer er ist und was er von ihr will. Es gibt eigentlich nur eine Möglichkeit, um das zu verarbeiten: indem er sich derselben Prozedur unterzieht. Also legt er sich unter die Metallhaube des Dr. Mierzwiak (Tom Wilkinson), die wir - schon vergessen? - so ähnlich bei Wim Wenders' "Bis ans Ende der Welt" und Terry Gilliams' "Brazil" gesehen haben, und lässt sich die Erinnerungen absaugen wie andere Leute Fett. Doch Joel Barish ist eine Hoffnung für die Menschheit: ein resistenter Typ. Mitten in der Löschprozedur besinnt er sich eines besseren, glimmt Widerstand auf, will er seine Gedanken retten.

Die visuellen Effekte sehen dann so aus, als ob Endes "Unendliche Geschichte" auf die Scheinwelt aus "Matrix" trifft: Aus seinen Gedankenfetzen verschwinden Stück für Stück Requisiten, Personen, das halbe Bild. Und es gibt nur eine Möglichkeit, sie zu bewahren: indem er sie in anderen, geheimen Windungen des Gedächtnisses versteckt. Die Geliebte erscheint plötzlich als Übermutter oder das Paar im Bett wacht unvermittelt am Strand auf. Und schon flutscht das Memorierte wieder weg.

Ein absurder, verquerer Trip durch ein Hirn, wie man es aus "Being John Malkovich" kennt. Und tatsächlich ist dies eine logische Fortsetzung, war doch wieder Drehbuchautor Charlie Kaufman am Werk. Kaufman gilt, nicht erst seit "Adaption", als Wunderkind von Hollywood. "Vergiss mein nicht" ist bereits seine zweite Zusammenarbeit mit dem Musik- und Werbeclip-Regisseur Michel Gondry, dessen erste, "Human Nature", allerdings erst in drei Wochen in unsere Kinos kommt. Die verkehrte Chronologie passt ganz gut zu Kaufman und seinen bizarren Plots. Beginnt doch auch "Vergiss mein nicht" wie eine sturzlangweilige Love Story, die nach ungefähr zwölf Minuten einen Filmriss erleidet und dann bewusst verstörend noch einmal ganz anders beginnt. Auch Jim Carrey macht - in seiner wohl ungewöhnlichsten, weil völlig zurückgenommenen Rolle - tiefen Sinn: Ist dieser Film doch so etwas wie die umgedrehte "Truman Show": Wusste er dort nicht, dass er Hauptfigur einer lebenslänglichen Daily-Soap ist, aus der er am Ende entfliehen will, so flimmern hier seine Erinnerungen als innerer Film vor seinen Augen ab - und er tut alles, sie zu retten.

Gleichwohl haftet diesem Film dasselbe Problem an wie eigentlich allen Werke von Charlie Kaufman: Er beginnt fulminant, läuft zu fantastischen Höhen auf - weiß dann aber in der zweiten Hälfte nicht mehr recht, wie er aus seiner Geschichte wieder heraus kommen, wie er sie zu einem adäquaten Ende bringen soll.

"Vergiss mein nicht" könnte so vieles sein: eine sinnige Reflexion über Identität und Selbstverleugnung. Eine bissige Satire auf unsere oberflächliche Gesellschaft und ihren fatalen Hang zur Verdrängung. Ein leidenschaftliches Pamphlet gegen die Verantwortungslosigkeit der Wissenschaft. Oder gar eine Metapher auf die schizophrene Filmbranche selbst, die einerseits auf das Vergessen setzt - man denke an all die unzähligen Remakes -, deren Stars nichts so sehr fürchten, als dass sie morgen kein Begriff mehr sein könnten.

Am Ende aber macht der Film, der anfangs so wagemutig Neuland betrat, ein Schrittchen zurück. Und bleibt in seiner kleinen Liebesgeschichte stecken. Immerhin mit einem halbwegs ergreifenden, aber letztlich doch schalen Schluss. Irgendwie schade.