Für den gemeinen Fußballfan ist EM-Zeit in etwa so schön wie Silvester, Geburtstag und Weihnachten zusammen. Sprich: Es gibt am laufenden Band Gründe anzustoßen, endlich mal jede Contenance zu missachten und zu jubeln und zu grölen, als ginge es hier um viel mehr als bloß einen sportlichen Wettkampf. Im besten Falle sind die Spiele ja auch spannend wie ein Krimi, und der Fan ist ständig am Rande eines Herzinfarkts. Klingt anstrengend? Ist es auch.
Wie gut, dass es die humorigen Aufarbeitungssitzungen gibt – beim ZDF erledigt das Ingolf Lück mit seiner Comedy-Runde "Nachgetreten", bei der ARD kümmert sich Waldemar Hartmann in "Waldis EM-Club" um die letzten Lacher, die dem Sportsfreund vor lauter Anspannung bislang im Halse stecken blieben. Selbstverständlich sind diese Sendungen nichts anderes als Stammtischdebatten unter Experten, wer feinstes Kabarett oder polierte Spitzen sucht, ist hier falsch. Doch Menschen, die nach fieberhaftem Daumendrücken das Sprücheklopfen nicht auch noch selbst übernehmen wollen, sondern es in mehr oder minder guten Händen wissen, sind hier goldrichtig.
Es war ein spannender EM-Spieltag, obgleich sich die Türkei und Kroatien ein über weite Strecken schwaches Spiel lieferten. In der Verlängerung wurde es noch mal spannend, zwei Tore fielen, das Elfmeterschießen rettete die Türkei ins Halbfinale. Es war ein Grusel-Kick, viel Kampf und noch mehr Krampf. Nach 40 Minuten "Waldis EM-Club" im Anschluss war dann klar: Karl Dall hat wohl vorher zu viel Weißbier gebechert, Django Asül spricht besser Bayrisch als jeder Süddeutsche und sagte die vernünftigsten Dinge, obgleich er eigentlich als Kabarettist für die Witze zuständig war. Der Rest ist eh wurscht, denn leider wird Holland Europameister, doch gegen die Türkei werden wir locker anstinken können.
Doch nacheinander. Quasselanpfiff war erst nach Mitternacht, im Hintergrund leuchtete der der Stephansdom, das österreichische Publikum war in Bier- und daher auch in Applaudierlaune, und der Tenor des Abends lautete: Elfmeterschießen ist Glückssache, Deutschland geht eindeutig als Favorit ins Halbfinale, sollte sich aber auch nicht zu sicher sein, man erinnere sich nur an das Kroatien-Debakel.
Zugegeben, diese Einschätzungen hörte man an diesem Abend von jedem, der das Wort Fußball auch nur buchstabieren kann. Doch "Waldis EM-Club" ist ja auch nicht in erster Linie Analyserunde, sondern ein Wettstreit um platzierte Pointen und zackige Sprüche. Eine lose Zitatesammlung verdeutlicht die Trefferquote: Karl Dall kommentierte das Spiel Kroatien/Türkei folgendermaßen: "Das war ja fast so, wie wenn unsereins mit einer Frau rumbaggert. Das Vorspiel dauert ja meist sehr lange, am besten lässt man das einfach weg. Und fängt einfach von hinten an. Also einfach mit dem Elfmeterschießen." Na darauf erstmal: hoch die Gläser.
Django Asül erklärte: "Ich freue mich auf ein völkerverbindendes Halbfinale, besonders in Berlin wird das ein friedliches Fest." Karl Dall zündete sich im Anschluss zwei Zigaretten an, warum auch immer, Waldemar Hartmann witzelte: "Dem Karl ist bei dem Spiel vor lauter Langeweile schon ein Auge zugefallen."
Der Zuschauer erfuhr, dass Schweinsteiger nur bei guten Leistungen liebevoll Schweini genannt wird und dass die Runde ausnahmslos Holland im Endspiel sieht. "Ich proste der Deutschen Mannschaft zu, egal, gegen wen sie im Finale siegt!", sagte Karl Dall. Waldemar Hartmann verabschiedete sich schließlich mit den Worten: "Schön, dass Sie so lange mit uns aufgeblieben sind. An alle, die jetzt ins Bett gehen, Gute Nacht. An alle, die Besseres vorhaben: Viel Spaß dabei." Da sagen wir einfach mal aus vollem Herzen und ohne Witz: Vielen Dank!




