Jahrhundertroman

Sozialdemokraten sollten "Die Blechtrommel" lesen

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Eckhard Fuhr

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Oskar Matzerath trommelt noch, und "Die Blechtrommel" wird fünfzig. Ihrem Schöpfer Günter Grass hilft das Feiern über den politischen Schock des vergangenen schwarz-gelben Wahltriumphes hinweg. Und seiner SPD würde die Wiederlektüre des Jahrhundertromans auch nicht schaden.

Das hätte noch gefehlt, dass unser Literaturnobelpreisträger auswandert. Am vergangenen Wahlsonntag soll Günter Grass mit solch schwarzen Gedanken umgegangen sein. Er hatte im Wahlkampf noch einmal für die "EsPeDe" getrommelt, Lobreden auf Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück gehalten, tief in der ostdeutschen Provinz.

Es hat nichts genützt. Die SPD liegt am Boden, der "Bürger Grass" ist enttäuscht, vielleicht auch gekränkt, weil das Volk auf seine Warnungen vor der schwarz-gelben Gefahr nicht hören wollte. Aber jetzt, bei Lübecker Rotspon und Schweinelendchen, ist er nicht mehr gewillt, mit der Welt und den Deutschen zu hadern. "Die Blechtrommel" wird fünfzig.

Seit Wochen schon ziehen sich die Feierlichkeiten hin. Im Lübecker Günter-Grass-Haus informiert eine große Ausstellung über Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte dieses Jahrhundertbuches, das längst zum Kanon der Weltliteratur gehört und mit weltweit mehr als 40 Millionen verkauften Exemplaren auch ein Weltbestseller ist.

Im Stadttheater versammelte sich unlängst die Grass-Gemeinde zu einem literarischen Hochamt, bei dem der letzte sozialdemokratische Bundeskanzler Gerhard Schröder noch einmal die Zeiten der kulturellen Hegemonie der Linken heraufbeschwor.

Im Lichte des Wahlausgangs mag einem das nun als Requiem, als glanzvoller Abschied von einer politisch-kulturellen Epoche erscheinen. Der magischen Wirkung des bösen und weltweisen Gnoms Oskar Matzerath könnte das nichts anhaben.

Das Publikum in Lübeck jedenfalls ist gierig nach "Blechtrommel"-Vorträgen und "Blechtrommel"-Diskussionen. In den Buchläden prunkt die Jubiläumsausgabe, die gleich zwei Schmuckkleider übereinander trägt, eines mit Grassens blauäugiger Trommlerfigur von 1959 und ein neues, auf dem eine ganze Horde Oskars die Schlegel schwingt. Oskar Matzerath ist nicht abwählbar.

Auf Höhe der literarischen Moderne

Mit der "Blechtrommel" hat Grass nicht nur die Nachkriegsliteratur wieder auf die Höhe der literarischen Moderne geführt. Er hat sich mit dem Buch auch selbst erschaffen und in die Nachkriegsgeschichte eingeschrieben, zu der sein schnurrbärtiges Kaschubengesicht genauso gehört wie das gefurchte Indianerantlitz Konrad Adenauers, die knarrende Stimme Willy Brandts oder das pfälzische Lispeln Helmut Kohls.

Neulich habe ihm eine Berliner Schule das Ehrenabitur verliehen, erzählt Grass. Das habe ihn sehr gefreut, ihm aber auch noch einmal klargemacht, was ein ordentlicher Abschluss alles verhindert hätte. Oskar hätte wahrscheinlich nie das Licht der Welt erblickt, und er, Grass, wäre jetzt vielleicht pensionierter Rundfunkredakteur.

Ihm gegenüber sitzt Joachim Kaiser, legendärer Literatur- und Musikkritiker der "Süddeutschen Zeitung" und Weggefährte seit den Tagen der Gruppe 47. Beim Stichwort Redakteur hebt er sein Glas. Schelmisch lächelnd prosten sich die beiden unermüdlichen Alten zu, Jahrgang 27 und Danziger der eine, Jahrgang 28 und Ostpreuße der andere und beide immer noch ziemlich lebendige Großmeister des Kulturbetriebs.

Mag kommen, was will, keine Generation nach ihnen wird mehr diese Langzeitpräsenz und -wirkung erreichen, auch nicht die Achtundsechziger und ihre sich an ihnen so mühselig abarbeitenden Söhne und Töchter. Die wirkliche Zeitenwende der Nachkriegsgeschichte fand nicht 1968, sondern 1959 statt. Der kalte, amoralische Blick des Trommlers Oskar erfasst alles, was später unter lautem Generationenkriegsgedonner im Zuge sogenannter "Vergangenheitsbewältigung" mühsam zur Sprache kam.

In seinem Buch "Mein Jahrhundert" widmet Günter Grass dem Jahr 1959 ein Kapitel, das aus einem einzigen Satz, einem schwindelerregenden Sprachwirbel besteht. Er erinnert sich an die ausgelassenen Tänze mit seiner Frau Anna während der Buchmesse in Frankfurt, an das Stimmengewirr bei den Empfängen und die Schlagzeilen der Feuilletons.

Drei Namen und drei Titel beherrschen den Trubel: Günter Grass, Uwe Johnson, Heinrich Böll, "Die Blechtrommel", "Mutmaßungen über Jakob", "Billard um halb zehn". Und während Günter und Anna "auf Gummibeinen, ganz eng geschmiegt oder auf Fingerspitzendistanz" tanzen, ahnen sie: "... jetzt hört was auf, jetzt fängt was an, jetzt haben wir einen Namen".

Das Dreigestirn Grass, Johnson, Böll erleuchtete das literarische Wunderjahr 1959, von dem Hans Magnus Enzensberger - auch einer, der damals anfing und immer noch da ist - später einmal schrieb, mit ihm habe die Bundesrepublik ästhetisch das "Klassenziel der Weltkultur" erreicht.

Es mag ja sein, dass in der verklärenden Erinnerung dieses Jahr zum Mythos geworden ist. Natürlich gab es Jahre davor und danach, in denen literarisch Bedeutendes geschah. Aber wenn man bedenkt, dass 1959 auch Siegfried Unseld die Leitung des Suhrkamp-Verlages übernahm und Marcel Reich-Ranicki seine Kritikerkarriere in Deutschland begann, dann ist man doch geneigt, von einem Epochenjahr zu sprechen.

Weitet man das ins Politische, kommt man nicht daran vorbei, dass das im November jenes Jahres beschlossene Godesberger Programm der SPD dann doch größere Geschichtsmächtigkeit hatte als etwa die Studentenproteste von 1968.

Dass die Sozialdemokraten den 50. Geburtstag ihres Godesberg ungetrübt feiern können, darf man bezweifeln. Die Wiederlektüre wird unausweichlich zu einem Kampf um die Deutungshoheit führen. Man muss die SPD allerdings zu dieser Lektüre und diesem Streit ermuntern. Nur wer sich seiner Traditionen vergewissert, findet den Weg nach vorne.

Diese Erfahrung macht man auch bei der Wiederlektüre des literarischen Dreigestirns von 1959. Am hellsten strahlt das Werk, das alles sein wollte, nur nicht "modern" oder "zeitgemäß". Der unterkühlte Ton, die Sprödigkeit Uwe Johnsons wirken heute längst nicht mehr so radikal und befreiend wie vor fünfzig Jahren.

Heinrich Bölls Roman über eine rheinische Architektenfamilie sieht man den formalen Ehrgeiz seiner Konstruktion an. Günter Grass trank aus den Quellen. Die Leuchtkraft seiner "Blechtrommel" verdankt sich einer langen Ahnenreihe von Grimmelshausen und Rabelais über Heine bis zu Döblin. Und selbst wiederum hat sie viele Nachkommen gezeugt - am wenigsten allerdings in der deutschen Literatur.