"Inglourious Basterds"

Amerikaner bejubeln Hakenkreuze auf der Stirn

Es gibt viele Szenen in "Inglourious Basterds", mit denen Quentin Tarantino das amerikanische Publikum begeistert. Beispielsweise als Brad Pitt einem Gegner ein Hakenkreuz in die Stirn schneidet. Die Kritiken sind allerdings gespalten. Ein Szeneblatt überschrieb einen Beitrag mit der Überschrift "Quentins Endlösung".

Foto: ddp / ddp/DDP

Am Ende von Quentin Tarantinos Film „Inglourious Basterds“ schneidet der amerikanische Leutnant dem vor Schmerz brüllenden Oberbösewicht mit dem Bowiemesser ein Hakenkreuz in die Stirn. Viele Zuschauer in dem kleinen Kino in der Upper East Side von Manhattan, vor allem die jüngeren, klatschten bei dieser Szene und trampelten begeistert mit den Füßen.

Davor hatte es mehrere Lacherfolge gegeben: als der SS-Mann, der im besetzten Frankreich nach versteckten Juden sucht, eine Riesenpfeife aus der Tasche zieht, die ganz laut „Phallussymbol“ zu flüstern schein, aber auch, als der bildschöne jüdische Racheengel auf der Leinwand des Kinos voller Nazis erscheint, das dann folgerichtig zu Boden gebrannt wird.

Ja, ein großer Teil des New Yorker Kinopublikums amüsierte sich königlich. Quentin Tarantinos Film lief in Amerika erst an diesem Wochenende an, dem „New York Magazine“ war aber schon vorher das Drehbuch in die Hände gefallen. „Sollte irgendwer wahnsinnig genug sein, diesen Film zu finanzieren, dann wird er großartig“, urteilte die Redaktion nach der Lektüre.

Die Reaktion der Filmkritiker fiel indessen nicht durch die Bank so begeistert aus. Die zornigste Attacke gegen Quentin Tarantino ritt Daniel Mendelsohn, der das berührende autobiografische Buch „Die Verlorenen “ schrieb (das leider nie auf deutsch erschienen ist).

Tarantino fröne seiner Lust nach Rache und Gewalt, notiert Mendelsohn angewidert, „indem er Juden in Nazis verwandelt. In der geschichtlichen Wirklichkeit wurden Juden immer wieder in Gebäuden zusammengetrieben und lebendig verbrannt“, doch hier „organisieren die Juden diesen Horror“.

Mendelsohn hat die Angst, solche amoralischen Fantasievorstellungen könnten uns am Ende den Blick dafür verstellen, dass die meisten jüdischen Opfer leider nie eine Chance hatten, sich gegen den Völkermord zur Wehr zu setzen. Auch Manohla Dargis, die Filmkritikerin der „New York Times“, ist über Quentin Tarantinos jüngstes Werk nicht besonders froh. Sie fürchtet jedoch, der Obernazi, den der österreichische Schauspieler Christoph Waltz mit enormem Charme gibt, könnte das Publikum mit seinem Schmäh um den Finger wickeln.

Dabei ist ihr natürlich vollkommen klar: „Herr Tarantino nimmt nicht die Geschichte ernst, sondern nur seine eigenen Filme.“ Das Thema dieser lustvollen und lustigen Blutorgie sei nicht eigentlich die Nazizeit, sondern allein die Liebe des Regisseurs zum Kino.

„Das Problem ist: Als er einen entzückenden Nazi zum Hauptstar seines jüngsten Filmes machte – einen Nazi, dessen geschmeidige Reden ebenso liebevoll präsentiert werden wie seine mörderische Gewalt –, da hat Herr Tarantino diese Liebe vergiftet.“

Die Palme für die geschmackloseste Überschrift einer Filmrezension ist ohne Zweifel dem Szeneblatt „The Village Voice“ zu reichen. Es titelt so einfach wie genial: „Quentins Endlösung“. Jim Hoberman schreibt in seiner Besprechung: „Wir sehen hier einen alternativen Zweiten Weltkrieg, in dem Juden Nazis terrorisieren und abschlachten – einen gerechten Holocaust.“

Der Film hat Jim Hoberman offenbar rundherum gut gefallen. So vergleicht er ihn vorteilhaft mit Steven Spielbergs Kriegsopus „Saving Private Ryan“: Tarantinos jüngstes Werk, meint er, sei viel weniger gewaltsam, außerdem sei es „nicht so verlogen, scheinheilig und gefühlsmanipulierend“ wie Spielbergs Film.

Auch Christopher Orr von „The New Republic“ konnte Tarantinos Film viel abgewinnen, vor allem den starken Rollen, die der Regisseur Frauen zuweist. Jeffrey Goldberg nimmt Quentin Tarantinos Film sehr ernst – und nutzt ihn in „The Atlantic“ zu einer längeren essayistischen Betrachtung über jüdische Rachephantasien.

Er habe als Junge oft davon geträumt, mit einem Fallschirmspringerkommando in Auschwitz zu landen, Dr. Mengele zu erschießen und die Bahngeleise zu sprengen, die ins Lager führten, erinnert sich Goldberg. Danach sei er dann regelmäßig aufgewacht und zur Schule gegangen, wo ihm schon seine antisemitischen Mitschüler auflauerten. Um dieser demütigenden Erfahrung zu entfliehen, sei er später Soldat der israelischen Armee geworden.

Seine Ambivalenz gegenüber den Exzessen, die in „Inglourious Basterds“ gezeigt werden, habe sich erst im Nachhinein gebildet, schreibt Goldberg: „Als ich aus dem Kino kam..., war ich erstmal dermaßen voll von einer geballten Ladung gerechter jüdischer Gewalt, dass ich mich beinahe als Siedler auf der Westbank niedergelassen hätte, vielleicht sogar auf der Ostbank. Aber als mein Blut abkühlte, begann ich darüber nachzudenken, wie moralisch koschere Pornografie im Kontext der gegenwärtigen Nahostpolitik ist.“

Übrigens habe er schon lange keine Racheträume mehr: „Sie hörten irgendwann auf, nachdem ich aus der Armee kam, wenn ich mich recht erinnere. Wenn ich die Chance hätte, würde ich Mengele natürlich immer noch mitten ins Gesicht schießen. Das wäre eine moralische Notwendigkeit. Aber ich würde ihm kein Hakenkreuz in die Stirn graben. Es kommt mir einfach nicht so vor, als wäre das etwas, das Juden tun.“