Wie jedes Mal sollte es der aufregendste Recall aller Zeiten werden, und wie jedes Mal gab es da das Problem, dass der Recall die langweiligste Form der Starlese ist. Alle Bewerber sind schon einmal da gewesen, nur sind die mit dem größten Potential zur Peinlichkeit bereits aussortiert.

Bei 120 aus 35.000 ist dann immerhin viel Durchschnittstalent dabei. Man könnte nun erwarten, dass die RTL-Redaktion die Gefahr der Ereignislosigkeit durch einige erzwungene dramatische Höhepunkte zu bannen versucht hätte. Doch weit gefehlt: Die Jury übte sich in wohlwollender Zurückhaltung, während sich die Kandidaten ganz von allein über ihre mangelnde Leistungsbereitschaft in die Haare kriegten.

In der siebten Staffel ist das moralische Regelwerk der Show allen längst in Fleisch und Blut übergegangen. Und so beäugt sich die teilnehmende Jugend gegenseitig kritischer als Dieter Bohlen es je getan hat.

Kommentiert werden dabei nicht so sehr die künstlerischen Qualitäten oder das telegene Äußere der Mitstreiter, sondern ihr erreichtes Maß an Angepasstheit.

Denn die Erkenntnis, dass man hier gar nicht unbedingt singen können muss, ist so alt, dass sich niemand mehr Mühe gibt, sie zu widerlegen: „Wenn jemand dicke T... hat, dann holt die Dinger raus“; alternativ könne man, so Bohlen weiter, aber auch mit einem anderen Vorzug punkten.

Angeliki (28) machte das vorbildlich, als sie ihre vom raffiniert geschneiderten Top unverhüllte Rückansicht nach ein paar absolvierten Liedzeilen siegesgewiss auf dem Jurytisch platzierte. „Wer seinen Arsch so auf unser Pult drückt hier, der kriegt auf jeden Fall ein dreifaches Ja“, lobte sie dafür Volker Neumüller, der zweite Mann in der Jury, der Bohlen den Rang als Meister der Vulgärsprache abzulaufen versucht.

Das dritte Jurymitglied Nina Eichinger hingegen diente in erster Linie als Pappkameradin, an die die männlichen Superstar-Aspiranten ihr musikalisches Liebeswerben richten konnten. Dabei blieb die schöne Tochter von Bernd Eichinger so stumm wie sonst auch, das weibliche DSDS-Rollenmodell übererfüllend: Zu exaltiert ist immer schlecht.

Dass Aussehen aber nicht alles ist, zeigte das Schicksal des Mädels-Quartetts um Zemine Aras (19), das sich vor lauter Schminken vor ihrem Auftritt nicht zum gemeinsamen Probesingen zusammenfinden konnte. Als Valeria (16) dann auf den letzten Drücker und mit beeindruckendem Dekolleté erschien, platzte Zemine der Kragen: „Nur T... zeigen geht nicht“. Da die glänzenden und glitzernden Grazien dann prompt ihren Auftritt vermasselten, mussten alle außer der klugen Zemine gehen.

Die freute sich dann in Zeitlupe, Schnitt, während sich die andern beiden, ebenfalls in Zeitlupe, an Valerias voller Brust ausweinten. Aber es gibt ja noch das andere Busenwunder Steffi (19), das bereits angekündigt hatte, sich auf Wunsch auch gern auszuziehen. Gelegenheit dazu wird Steffi beim zweiten Recall am Karibikstrand haben. Sie durfte denn auch, keine Überraschung, bleiben.

Überraschend waren lediglich zwei Momente: Dass der hübsche und hinlänglich begabte Eugen (17) gehen musste, der bei den Castings gleich die Rolle des Favoriten besetzt hatte. Wirklich verstörend aber war eine andere Szene: Als nämlich der etwas größenwahnsinnige Malcolm (16) nach Ende der Vorsing-Runde noch einmal die Bühne erstürmte, um sein vordem verunglücktes „I just called to say I love you“ noch einmal fehlerfrei vorzutragen.

Diesmal legte er, ungeachtet der anderen Kandidaten, die ihm das Mikrofon zu entwenden suchten, eine Extraportion Pathos in seine Darbietung. Ob sie gelang, war nicht festzustellen, da sein verzweifelt-mutiger A-capella-Gesang kurzerhand in der schnöden DSDS-Titelmelodie ersäuft wurde. Auch er musste gehen.

„Wir suchen hier interessante Persönlichkeiten“, sagte Bohlen später zu Dirk (27) und Anastasia (20), skurril und bizarr sollen sie sein, „und das seid ihr“. Nun, das stimmt natürlich nicht, denn viel braver als die beiden geht kaum. Höchstens vielleicht noch Thomas (16) und Nelson (24), die sich gegenseitig fürs Zuspätkommen rügen – da muss gar keine ordnende Jury mehr eingreifen.

Die Teilnehmer erklären sich schon gegenseitig, wie das Stargeschäft funktioniert. Sie kennen das schließlich aus dem Fernsehen, schließlich gab es schon sechs Staffeln DSDS. In der Karibik angekommen, wo die zweite Recall-Runde stattfindet, müssen sie auf einer Strandbreite von fünf Metern als geschlossene Horde ins Meer rennen, so dass alle zugleich im Bild sind. „Das ist das größte Gefühl von Freiheit, was man überhaupt haben kann“, sagt eine danach. Bohlen kann sich entspannt zurücklehnen und den freundlichen Sing-Onkel geben. Seine Show funktioniert auch ohne ihn.