Saisonende

Philharmoniker begeistern in der Waldbühne

Mit einem lateinamerikanischen Abend haben sich die Berliner Philharmoniker in die Sommerpause verabschiedet. Geleitet wurde das weltberühmte Orchester dabei zum ersten Mal von dem jungen Dirigent Gustavo Dudamel aus Venezuela. Seine heißen Rhythmen ließen die kühlen Temperaturen vergessen.

Foto: (FOTO: BM/ JOERG KRAUTHOEFER) / Jörg Krauthöfer

Minuten vor dem Konzert in der Waldbühne überspülte die Berliner Philharmoniker eine Welle. Doch kein Regenguss, sondern La Óla wogte durchs Publikum und riss auch die Musiker auf der Bühne mit. Sie stemmten ihre Instrumente in die Höhe, sprangen von ihren Sitzen auf, alle lachten – da war es, das echte Waldbühnen-Feeling.

Die ersten Gäste hatten sich schon drei Stunden vor dem Beginn mit ihren Picknick-Körben auf der Wiese vor der Waldbühne niedergelassen und nach den immer wieder durch die Wolkendecke blitzenden Sonnenstrahlen gegiert. Sekt, Bouletten, Kartoffelsalat, Schnittchen – das ist Berlin, wie es sich liebt. Auch auf den Rängen breiteten ganze Familienclans ihre Häppchen aus – die Waldbühne wurde zum Buffet, von dessen Resten später auch die anderen Gäste zehren durften. Gewiss, es gab schon wärmere Abende und die Angst vor einer Wiederholung des Platzregens vom Nachmittag lenkte den Blick immer wieder zum Himmel, aber der Stimmung tat das keinen Abbruch. Letztlich blieb es trocken.

Dann kam Gustavo Dudamel. Diesem Glückskind scheint alles in den Schoß zu fallen. Das einzigartige Musikförderprogramm seiner venezolanischen Heimat hat ihm die Chance gegeben, sein Talent auszubilden. Seit Jahren tourt er mit seinem Simón Bolívar Youth Orchestra unter riesigem Beifall um die Welt. Längst reißen sich auch die großen Orchester um den 27-jährigen Wuschelkopf. Dass er sein Debüt mit den Philharmonikern ausgerechnet in der Waldbühne vor 22.000 Zuhörern geben durfte, ist ein Ritterschlag.

Viele der Stücke sind hierzulande nahezu unbekannt

Eine Auszeichnung ist es auch, dass Dudamel Musik seines Heimatkontinents aufs Pult legen konnte. „Wir haben hier eine tolle ,latin party’“, sagte er nach dem Konzert und dankte dem Publikum für seine Begeisterungsfähigkeit. Denn viele der ausgewählten spanischen oder lateinamerikanischen Stücke sind hierzulande nahezu unbekannt. Aber das Klischee von den Mambo-Samba-Salsa-Völkern scheint doch zu stimmen. Alle Stücke sprühen vor tänzerischer Leidenschaft – da gingen sie ab, der Dudamel, die Philharmoniker und ihr Publikum.

Anders als das Orchester ist Dudamel mit dem Repertoire von Kindesbeinen an bestens vertraut. Mit dem Simón Bolívar Youth Orchestra hat er gerade lateinamerikanische Werke eingespielt. Teile aus dem Programm „Fiesta“, so Silvestre Revueltas „Sensemayá“, Arturo Márquez „Danzón No. 2“ und die Tänze aus „Estancia“ von Alberto Ginastera waren auch in der Waldbühne zu hören. Wer Dudamel und sein Jugendorchester schon erlebt hat, der weiß, wie viel dem jungen Star diese Musik, die oft als sensationslüstern, etwas kitschig und oberflächlich abgetan wird, bedeutet. Sie ist Teil seiner Identität, so wie es Beethoven und Mozart für die Musiker der Berliner Philharmoniker sind.

Klatschen, Kreischen, Pfeifen – das Publikum geht mit

Dudamel hat die Philharmoniker auf sie eingeschworen, dirigiert zackig und frisch, springt in die Luft und lässt keinen Effekt aus, die Musik glitzert, flirrt, braust und tobt. Von preußischer Nüchternheit kann überhaupt nicht die Rede sein.

Ein Jubeln aus Klatschen, Kreischen und Pfeifen entfachte der finale Malambo aus „Estancia“. Viele Zuhörer bewegten Beine und Köpfe im Takt der Musik – selten dürfte beim Saisonabschluss so viel mitgewippt worden sein wie in diesem Jahr. Der argentinische Komponist Ginastera hat ein tollkühnes Stück geschaffen, das sich von knisternden Flöten- und Schlagwerkklängen zu einer berauschenden, rhythmisch vertrackten Tanzapotheose aufbauscht. Geht noch mehr? Selbstverständlich, der „Danzón“ des Mexikaners Arturo Márquez lässt vor dem inneren Auge eine ganze Geschichte von Liebe, Kampf und Erotik erstehen, in der sich ruppige Rhythmen und sinnliche lateinamerikanische Tänze abwechseln.

Ein Wiedersehen ist wohl garantiert

Eines der wenigen bekannteren Stücke des Abends waren die „Siete canciones populares expanolas“ des Spaniers Manuel de Falla. Ana María Martínez’ leuchtender, satt getönter, ausdrucksvoller Sopran eignet sich wunderbar für diese Lieder. Als Puerto Ricanerin erspürt sie den Tonfall nahezu perfekt genauso wie Gustavo Dudamel.

Ein Abend mit Dudamels Haus-Musik, ein Abend in der Waldbühne – ein fulminanteres Debüt konnte sich der Südamerikaner mit den Berliner Philharmonikern gar nicht wünschen. Das Publikum feierte den jungen Klassikstar, ein Wiedersehen ist wohl garantiert.

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