Charakterköpfe aus drei Generationen und eine etwas andere Wahlbilanz hatte Frank Plasberg versprochen, der wegen des Urnengangs diesmal nicht am Mittwoch, sondern schon am Montag zur ”Hart aber fair“-Runde lud. Die drei Generationen bestanden dann aus einer 18-jährigen Schülerin und fünf Veteranen, von denen der jüngste auch schon 57 ist. Und von einer etwas anderen Bilanz hatte man sich eigentlich erhofft, dass sie auch das gewisse Etwas verströmen würde.

Dass dies eher die Ausnahme als die Regel war, lag gewiss nicht am fehlenden Format der Diskutanten. Doch es zeigte sich wieder einmal, dass eben mehr als nur Sachverstand dazu gehört, um über 90 Minuten ein interessantes Gespräch zu führen.

Plasberg indessen, der zuletzt mitunter den Eindruck vermittelte, als sei in der medialen Wahlkampf-Inszenierung aus ihm, dem furchtlosen Fragensteller, ein tendenziell selbstgefälliger Moderator geworden, fand zurück zu seinen alten Qualitäten eines souveränen, sich zurückhaltenden Journalisten.

Die Gäste, auch ausgewählt nach ihrer politischen Gesinnung, machten großenteils keinen Hehl daraus, wem sie ihre Stimme gegeben hatten: Der Schauspieler und Kabarettist Dieter Hallervorden und der Historiker und Publizist Arnulf Baring bildeten gleichsam die schwarz-gelbe Front, während der ehemalige ”Monitor“-Moderator Klaus Bednarz und die Schülerin Miriam Böhm für das gegnerische politische Lager standen.

”Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer ließ ihre momentane Partei-Präferenz zwar offen, wünschte sich aber ”einen Schuss Sozialdemokratie in der neuen Regierung“. Und der stellvertretende ”Stern“-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges teilt bekanntlich mit deutlichen Worten ebenso nach links wie nach rechts aus.

Ein bunt gemischter Haufen also, der in puncto Wahlkampf kein Blatt vor den Mund nahm: Hallervorden etwa ließ seinen Unmut über die Verschandelung der Umwelt freien Lauf. Alles hätten die Parteien mit ihren Plakaten ”zugemüllt“, dabei sei gerade diese Form der Wähler-Beeinflussung ”idiotisch”. ”Erstaunlich, für wie dämlich uns die Politiker halten.“

Jörges in seiner meinungsfreudigen Art geißelte vor allem das ”blödsinnige, widersinnige“ Vorgehen der SPD: ”Steinmeier wollte niemand haben. Die guten Leute wie Scholz, Steinbrück oder Zypries sind im Wahlkampf gar nicht gezeigt worden.“

Unbehagen am Projekt Schwarz-Gelb machte sich bei all denen breit, die zu Beginn der Sendung sich nicht explizit als Befürworter dieses Bündnisses geoutet hatten. Während Klaus Bednarz befürchtet, die Schere zwischen Arm und Reich werde nun immer weiter auseinander gehen, hofft Alice Schwarzer, dass sich die FDP in der Wirtschaftspolitik nicht so ganz entfalten kann. Und die Schülerin Miriam Böhm glaubt nicht, ”dass die Politik, die jetzt gemacht wird, unserer Generation in irgendeiner Weise förderlich sein wird“.

Widerspruch kam da vor allem von Arnolf Baring. ”Wenn Bednarz die soziale Lage schildert, glaube ich, ich lebe in einem anderen Land als er“, so der mittlerweile 77-jährige Historiker. Etwas differenzierter betrachtete Journalist Jörges schließlich den neuen Koalitionspartner der CDU. Zwar ist die FDP seines Erachtens ”eine mehrfach eindimensionale Partei“, gleichwohl zollte er ihrem Chef großes Lob: Westerwelle sei in der vergangenen Legislaturperiode der beste Debattenredner im Bundestag gewesen. Und der härteste Merkel-Kritiker.

Das Ausland werde sich die Augen reiben, konstatierte Jörges: ”eine Frau als Kanzlerin und ein schwuler Außenminister.“ Allerdings sei die entscheidende Frage, so Arnulf Baring, ob Westerwelle ”das doppelte Amt als FDP-Vorsitzender und als Außenminister packt“.

Einigkeit herrschte unter Plasbergs Gästen nur in einem Punkt. Es war der letzte Wahlkampf mit Tabu nach links. Für die SPD gäbe es keine Machtperspektive ohne Annäherung an die Linke, und für die Linke gäbe es keine Machtperspektive ohne Annäherung an die SPD, befand Klaus Bednarz. Allerdings müsste sich die Linke von Neo-Stalinisten wie Sahra Wagenknecht trennen sowie von Forderungen wie etwa dem NATO-Austritt.

Einzig Dieter Hallervorden konnte mit dieser Enttabuisierung nichts anfangen. Der gebürtige Dessauer wuchs in der DDR auf, machte dort viele schlechte Erfahrungen und sieht westliche Errungenschaften wie persönliche Freiheit bei Politikern wie Gregor Gysi ”nicht gut aufgehoben“. Die Geschichte bleibe doch nicht stehen, hielt Hans-Ulrich Jörges ihm entgegen. ”Nichts verändert eine Partei so sehr wie eine Beteiligung an der Macht.“

In Plasbergs obligatorischer Schlussfrage durften dann alle Gäste einen ”Minister für besondere Angelegenheiten“ in der neuen Regierung ausloben. Arnulf Baring nannte Hans-Ulrich Jörges, von dem ihn gewiss viele politische Ansichten trennen. Die gestrige Runde aber trugen die beiden von der Substanz her über weite Strecken allein.

Hallervorden und Jörges wählten Noch-Finanzminister Peer Steinbrück, und Klaus Bednarz votierte für die ehemalige Grand Dame der FDP, Hildegard Hamm-Brücher. Teils unerwartete Koalitionen ergaben sich da also zum Ende, die für die Politik vielleicht zukunftsweisend sind.