Es geht ihm gut. Mark Oliver Everett betritt die Bühne, ganz in weiß wie ein japanischer Bräutigam. Die Band trägt lustige Hüte und Krawatten und ihr Anführer und Sänger eine zartblaue Gitarre vor der Brust. Allein sein Antlitz möchte Everett nicht zeigen. Er verhüllt es durch ein Kopftuch, eine Sonnenbrille und einen enormen Bart, der die Besucher ehrfürchtig von Rübezahl und Taliban, von ZZ Top und Friedrich Engels murmeln lässt.
Im Astra, dem Kulturhaus vor dem Friedrichshainer Szenekiez, stehen an diesem Abend viele junge Männer, die gern auch so einen Bartwuchs hätten wie Mark Oliver Everett. Der Saal platzt aus den Fugen, er ist mehr als ausverkauft, denn jeder will den Schmerzensmann der heutigen Popmusik erleben. Schon seit 15 Jahren singt der Kalifornier, der seine wechselnden Begleiter Eels nennt und sich selber E, die Hymne „Novocaine For The Soul“.
Er weiß, wovon er singt: Sein Leid ist nachzulesen in den Memoiren, die er vor zwei Jahren, als er 45 wurde, vorlegte. „Glückstage in der Hölle“ ist ein Buch über das Sterben. E erzählt darin vom Vater, einem trunksüchtigen Quantenphysiker beim CIA, der eines Morgens tot im Bett lag. Von der Mutter, die an Krebs starb, und der drogenkranken, schwermütigen Schwester, die sich selbst das Leben nahm. Als letzte nahe Angehörige verlor er die Cousine, eine Stewardess, in den Flugzeugtrümmern des 11. September 2001. Ihm blieb nur die vernünftige Sicht auf diese Welt und dieses Leben, ein gesunder Pessimismus und seine Begabung, Depression in Lieder zu verwandeln.
Früher wirkten seine Stücke finster wie er selbst. Am Vorabend des 11. September allerdings, im Astra, präsentiert sich Everett bei bester Laune. Seine neuen Stücke handeln sogar davon, dass man jeden neuen Tag begrüßen sollte wie ein Kolibri. Aber auch ältere Songs werden von den fünf Eels so übermütig vorgetragen, dass sich niemand mehr vor ihnen fürchten muss. Die Leinwand, die hinter der Bühne aufgespannt ist, explodiert im farbenfrohen Lichtspiel.
Everett verbeugt sich vor Wim Wenders, seinem Ehrengast, dem er den Videoclip zu „Souljacker, Part I.“ verdankt. Den zahlenden Gästen ruft er „Dankedankeschön, Meischatzi!“ zu. „Mr. E’s Beautiful Blues“ erklingt, sein fatalistisches Remake von „Twist And Shout“ und anschließend sogar George Gershwins „Summertime“. Dann steht man wieder auf der Straße, zwischen Männern, die den Flaum am Kinn betasten, melancholisch auf die S-Bahn-Gleise starren und ihr Bier im Gehen trinken. Es gibt einen Club, der „Suicide Circus“ heißt, der Selbstmord-Zirkus, und am Ende ist das alles gar nicht mehr so schlimm.




