Es war einmal in Amerika, da machte sich eine Truppe von Hochbegabten auf, die noch gar nicht ganz aufgebrochene Generationslücke zu den Hauptdarstellern der amerikanischen Literatur zu füllen. Die Fab Five der inzwischen schon mittleren Erzählergenation: David Foster Wallace, Jonathan Franzen, Rick Moody, Jeffrey Eugenides und Richard Powers rekonstruierten die dekonstruierte und postmodernisierte Literatur, die sie von Pynchon & Cie. übernommen hatten. Gemeinsam sei ihnen, so Foster Wallace, lediglich eines, sie seien „White young boys over six feet tall“.
Was so aber nicht stimmt. Denn sie neigen auch dazu, sich so derart mit Wissen zu bewaffnen, dass sie teilweise vor intellektueller Kraft kaum laufen können. David Foster Wallace etwa weiß mehr übers Erzählen und über Erzähltheorie als alle seine Kritiker und vor allem als inzwischen seinen Erzählungen gut tut. Richard Powers, der für „Das Echo der Erinnerung“ gerade die wichtigste literarische Auszeichnung der Vereinigten Staaten, den „National Book Award“, erhielt, gibt sich mit Erzähltheorieforschung nicht zufrieden. Sein Physik-Studium hatte der 1957 in Evanston/Illinois geborene Hochschulrektorensohn einst abgebrochen aus Furcht vor intellektueller Platzangst. Powers, ausgezeichneter Cellist als Kind schon, professioneller Programmierer und manischer Leser, wollte ins Freie. Ein Generalist werden. Er wurde, wenn man Etikette mag, der Thomas Mann des 21. Jahrhunderts.
Mit „Echo der Erinnerung“ geht er von heute an auf Deutschland-Tournee.
Powers konstruiert hochkomplexe neuronale Erzählnetze. Er verschlingt Handlungsfäden wie Doppel-Helixen. Aus durchaus begrenzten motivischen Grundelementen entwickelt er höchst musikalisch strukturierte Erzählungen, in denen technologische mit gesellschaftlichen Gegenwartsgrundproblemen verknüpft werden. Ein Humanist ist der Mann, der seine Romane angeblich in den Computer diktiert. Kein Technokrat. Moral interessiert ihn und Pathos und eine ganz seltsame Form von Hymnik. Schiere Wissenschaft interessiert ihn nicht. „Man kann keine Geschichte über Technologie erzählen“, sagt er, „ohne eine Geschichte über das Menschsein zu erzählen.“
Nach seinem Ausflug ins populäre Fach, nach der auch in Deutschland endlich bestsellenden Sänger-Saga „Der Klang der Zeit“, knüpft er an, wo er mit „Plowing the Dark“ („Schattenflucht“), seinem literarischen Abgesang auf die Träume der virtuellen Realität, aufgehört hatte. Er pflügt durchs Dunkel unserer Wissensgesellschaft. Künstlicher Intelligenz, Genetik, Zeitphilosophie hatte er sich schon angenommen. Nun ist er bei einer weiteren Modedisziplin des internationalen Wissenschaftsdiskurses angekommen. Der Neurologie.
„Echo der Erinnerung“ ist eine in bewährter Powers'scher Manier zusammenkontrapunktierte zerebrale Anlage. Ein Blick ins offene Hirn Amerikas nach dem 11. September. Eine Romanstudie über Gedächtnis und Erinnerung. Wie zerbrechlich unsere Welt ist, verhandelt Powers, und wie zufällig, wie fragwürdig unsere Wahrnehmung von ihr. Und unser Ich. Ein Unfall genügt, um unsere Gewissheiten, selbst die letzten, zu erschüttern. Man fängt an, Fahrradhelm zu tragen, nachdem man „Echo der Erinnerung“ hinter sich gebracht hat.
Mark Schluter hätte selbst der nichts genutzt. Kearney, das Herz von Nebraska, was wiederum das leere Herz Amerikas ist. Eine einsame Straße. Es ist eine kalte Nacht im Februar 2002. Die Straße geht schnurgerade aus. Mark Schluter fährt mit seinem Truck. Er ist zu schnell. Er gerät ins Schleudern. Keiner weiß, warum. Mark Schluter verunfallt schwer. Fällt ins Koma, wacht allmählich wieder auf, setzt sich seine Welt neu zusammen. Eine hat darin einen Platz mehr, seine einstmals geliebte Schwester Karin, die ihn aufopferungsvoll pflegt.
Mark glaubt, dass sie durch eine Schwester-Karin-Darstellerin ersetzt wurde, während er bewusstlos war. Überhaupt entwickelt er merkwürdige paranoide Vorstellungen, kommt sich vor wie der Hauptdarsteller der „Truman Show“. Er leidet unter dem so genannten „Capgras Syndrom“, eine der Prosopagnosie, der Gesichtsblindheit, verwandte Hirnerkrankung. Diese zum Glück äußerst seltene Störung ist längst nicht die Hirnerkrankung, von der Powers sich Wissen angeeignet hat. Man lernt unendlich viele geistige Defekte kennen, von denen und über deren relativ simple Entstehung man vielleicht am Ende doch nicht so viel hätte erfahren wollen.
Wie ein Erdbeben bringt Marks verschobenes Denken sämtliche Seinsgewissheiten seiner Umgebung samt des hinzugeeilten Modeneurologen Gerald Weber zum Einsturz. Diese schleichende Erosion der Welt erzählt Powers und einen mysteriösen Krimiplot, von der Liebe als physiologischem Wahn und vom Geschichtenerzählen als Weltkonstruieren, vom Platz Gottes in der technisierten Welt, von den Grenzen wissenschaftlicher Forschung und denen des so genannten freien Willens.
Und von Kranichen. Hunderttausenden von Kranichen. Unweit von Kearney landen die zweimal im Jahr. Auf dem Weg von oder nach Alaska. Ein Kontinuum in einer zerbrechenden Welt. Ein Rätsel. Und Powers, der Hymniker, der zuviel weiß, besingt ihren Sieg, den Sieg der Natur über die zweifelnde, zerstörerische Wissenschaft.
Lesetermine: an diesem Mittwoch, dem 22., in Hamburg, 23. Berlin, 24. Frankfurt/M., 27. Köln
"Das Echo der Erinnerung", Richard Powers, S. Fischer Verlag, 19,90 Euro, 528 Seiten





