"Ring"-Musical

Die rocken aber, diese Nibelungen!

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Stefan Keim

Wotan war schon immer born to be wild: Richard Wagners Riesenwerk "Ring der Nibelungen" ist in Bonn jetzt als lautstarkes Musical zu sehen. Die Rockmusik tut dem Stück gut und die Kampfszenen sind wirklich fein. Doch es gibt an der Inszenierung auch allerhand zu mäkeln.

„Befrei mich, entweih mich ...“, singt der Ring, den Göttervater Wotan im Rhein versenkte. Er verleiht seinem Träger Macht, egal, ob er ein Gott, ein Mensch oder ein Zwerg ist. Alberich gehört zu den Letzteren und kann den Ring leicht entwenden. Denn die Rheintöchter, die ihn bewachen sollen, sind die blödesten Blondinen jenseits des Privatfernsehens.

Eine lispelt, eine spricht hessisch, die dritte quietscht nur in unverständlichen Lauten. Und alle haben nur Männer im Kopf, die es unter Wasser im Rhein selten gibt. Sie sprechen in Songtiteln. Das soll wohl ironisch sein, doch zu feinerem Humor sind die wacker singenden und freizügig dekolletierten Darstellerinnen nicht fähig.

Von Wagner nur Zitate

Nein, kein Berserker des Regietheaters hat sich hier an Wagners „Ring“ ausgetobt. Das Theater Bonn zeigt eine Uraufführung: „Der Ring – das Symphonic-Rock-Musical“, zweieinhalb Stunden lang, dann ist Wotan tot und alle singen „Sei wie du bist“ als Moral von der Geschicht. Von Wagner bleiben da bloß gelegentliche musikalische Zitate.

Frank Nimsgern, Sohn des Wotan-Sängers Siegmund Nimsgern, hatte die Idee und schrieb auch das Konzept. Er konzentriert die Handlung auf vier Personen. Alberich, der Zwerg, besitzt den Ring. Wotan, der Göttervater, nimmt ihn sich mit Gewalt. Und Alberich erschafft Siegfried, eine zunächst seelenlose Kampfmaschine, das Werkzeug seiner Rache. Doch Siegfried verknallt sich in Brunhild, Wotans Tochter, die von ihrem Papa verstoßen wurde. Weil sie ihm mit ständigen Warnungen auf die Nerven ging. Nun macht sie Siegfried zu einem fühlenden Wesen, und gemeinsam versuchen die beiden, die Welt wieder in Ordnung zu bringen.

Kitschig säuselt das Liebesduett im Disneystil. Und im Bühnenhintergrund wachsen riesige rote Blümchen aus dem Boden. Der Musical-Ring hat einige witzige parodistische Momente. Regisseur Christian von Goetz zitiert das Trashkino der siebziger Jahre im Geist der Rocky Horror Picture Show. Er lässt es knallen und krachen, es gibt richtig gute Kampfszenen.

Das Textbuch ist vollends dämlich

Frank Nimsgerns Musik ist rockig und wirkungsvoll, hat aber keinen eigenen Charakter, ordentliches Musicalhandwerk, nicht mehr. Bei der Premiere riss sie das Publikum mit, obwohl die Tontechnik häufig patzte, der muskelbepackte Bilderbuch-Siegfried nicht bei Stimme war und die rettungslose Dämlichkeit des Textbuches unangenehm auffiel.

Der Autor Daniel Call galt mal vor zehn Jahren als deutsche Dramatikerhoffnung, scheint aber heute eher im Call-Center zu arbeiten. Karim Khawatmi als Wotan und Darius Merstein-MacLeod als Alberich haben Format, der Rest des Ensembles – in dem übrigens niemand vom Theater Bonn dabei ist – bleibt Mittelmaß. Regisseur Christian von Götz erfand für das Stück eine pantomimische Rahmenhandlung von heute.

Darin befreit sich ein unterdrücktes Mädchen – wie Brunhild – von ihrem dominanten Vater, einem Doppelgänger Wotans. Das soll dem Stück eine zweite Ebene geben, ist aber überflüssig. Denn der Musical-Ring hat seine Stärken, wenn er mit Vollgas und Karacho aus dem deutschen Epos einen überdrehten Comic macht. Der Versuch, auch noch großes Gefühlstheater zu inszenieren, rutscht oft ins Peinliche.

Ein halbes Jahr läuft die Aufführung nun in Bonn, im Opernhaus direkt am Rhein. Dann soll sie auf Tournee geschickt werden. Damit dieser Ring seinen Produzenten künstlerische und wirtschaftliche Macht verleiht, muss er aber noch poliert werden.

Termine: 21., 23., 27. und 31. Dezember, 9. Januar. Oper Bonn, Am Boeselagerhof 1, 53111 Bonn . Karten: 0228 – 77 80 08.