2008 war das Jahr der Fehltritte. Peter Struck, Chef der SPD-Bundestagsfraktion, rutschte im Interview die Bemerkung über die Lippen „Die kann mich mal ...“, womit er weder seine Frau noch die Bundeskanzlerin, sondern die CDU meinte. RTL-Moderator Günther Jauch schlug bei „Stern TV“ der Länge nach bei dem Versuch hin, ein Mountainbike von vorne zu besteigen. Und gestern erwischte es auch Frank Plasberg.

Der Politikjournalist gilt als der neue Star am Himmel der ARD, wenn man böse wäre, würde man sagen: als Ersatz-Jauch. Neuerdings darf er die Bonus-Meilen, die er sich auf seinem Ticket als Moderator des Talks „Hart, aber fair“ ansammelte, in der Abteilung Unterhaltung abfahren. Erst moderierte er für den NDR das Quiz „Die klügsten Kinder im Norden“. Und jetzt vertraute ihm die ARD auch noch die Aufgabe an, den Jahresrückblick mit den Mitteln des Quiz des verschmelzen. Plasberg führte durch „2008 – das Quiz“.

Es entbehrte nicht der Ironie, dass unter den vier Studiogästen auch der Quizmoderator war, dessen Firma dieses neue Format für die ARD produzierte: Günther Jauch. Es ist noch nicht lange her, da galt er im Ersten als Favorit für die Nachfolge von Sabine Christiansen. Die Allzweckwaffe von RTL jedoch sagte ab, seine journalistische Freiheit bedeutete ihm mehr als das Prestige.

Der Anti-Phrasendrescher versagt

Plasberg ist da offenbar weniger wählerisch. Als Moderator von „Hart, aber fair“ hat er hinreichend bewiesen, dass er mit seinem Format die bessere Alternative zu Anne Will und ihrem Salongeplauder am Sonntagabend gewesen wäre. Als Polittalker ist er einsame Spitze. Hartnäckig, unbestechlich und ausgestattet mit einer Autorität, die Phasendreschern keine Chance lässt.

Eine Samstagabendshow stellt jedoch andere Anforderungen an den Moderator, unter den Studiogästen waren gestern schließlich nicht nur Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), sondern auch die Schauspielerin Jutta Speidel und Harald Schmidts jüngere Noch-Hälfte, Oliver Pocher.

Wer in diesem Genre überzeugen will, muss nicht nur den Gästen den Vortritt lassen. Er darf sich auch selber nicht zu wichtig nehmen. Eigenschaften, die dem Ego-Shooter Plasberg nicht nachgesagt werden.

Man weiß nicht, wem der Mann etwas beweisen muss. Sich selber oder den Bossen der ARD. Aber der Ehrgeiz, ein besserer Jauch sein zu wollen, schwitzte ihm gestern aus allen Poren. Der RTL-Mann hat 2008 nach einer Umfrage der Hörzu seinen Titel als beliebtester Moderator verteidigt, dieser Stachel, so schien es, hatte sich tief in sein Fleisch gebohrt.

Ein Klugscheißer-Pokal für Jauch?

Erst schlug er Jauch für den „Klugscheißer-Pokal“ vor, nachdem sich dieser erlaubt hatte, ihn auf einen Fehler in einer Frage hinzuweisen: „Dirk Nowitzki ist kein Olympionike. Olympionike heißt Olympiasieger.“ Dann zog er den Kollegen für dessen Einsatz als Werbeträger auf: „Herr Jauch verkauft Bier zur Rettung des Regenwaldes. Wenn man einen Kasten Bier bei ihm kauft, rettet man einen Quadratmeter Regenwald. Wenn man den leertrinkt, rülpst man aber zwei Quadratmeter wieder kaputt, oder?“

Und zum Schluss fragte er den Kollegen noch allen Ernstes, wie er es geschafft hätte, zum seriösesten und zugleich beliebtesten Moderator gewählt worden zu sein. „Vielleicht, weil ich auch mal scheitere und sich viele im Scheitern wiedererkennen“, entgegnete da der RTL-Mann. Und nutzte die Steilvorlage, um sich für die Gehässigkeiten des Kollegen zu revanchieren. „Sie sollten auch öfter scheitern – aber: Sie sind auf einem guten Wege.“

Tatsächlich tat sich Plasberg keinen Gefallen, als er sich gestern abend auf das dünne Eis der Unterhaltung vorwagte. Dass er, der Mann mit der Lizenz zum Wadenbeißen, in diesem Kessel Buntes unter Legitimationsdruck stand, schien er immerhin selber zu spüren. Seinen Auftritt kündigte er jedenfalls mit den Worten an: „Sie werden sich fragen: Warum steht da der Onkel mit der roten Krawatte? Ich kann’s Ihnen verraten: Die Finanzkrise ist in der ARD angekommen.“ Ein Anflug von Selbstironie? Am Ende der 150minütigen Show war man sich da nicht mehr so sicher.

Und dann pullerte das Löwenbaby

Mag uns 2008 auch mit allerlei Fehltritten beglückt haben, wofür in der Show neben dem Löwenbaby, das der Sängerin Sarah Connor bei einem Fototermin im Safari-Park Hodenhagen auf den Schoß gepullert hatte, auch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy herhalten musste, der den Namen des frisch gekürten US-Kollegen Barack Obama in der Eile des Gefechtes ohne c geschrieben hatte – den größten Fehltritt leistete sich die ARD gestern selber.

Der Versuch, mehr oder minder unterhaltsame Momente als Quiz zu verpacken, geriet zur Mogelpackung. Wäre der federführende NDR ehrlich zu sich selber gewesen, hätte die Show den Namen tragen müssen: „2008 – der Plasberg.“

Man mag es kaum laut sagen, aber wäre unter den Gästen nicht Oliver Pocher gewesen, der die Witze des Moderators über seine Körpergröße ungerührt konterte („Frauen stehen auf Männer wie mich“) und auch sonst alles tat, um sich selber als entspanntere Alternative für die Moderation einer solchen Show ins Gespräch zu bringen, man hätte sich spätestens um 22 Uhr lieber der anderen „Mission impossible“ angeschlossen, die im ZDF startete – mit Tom Cruise in der Hauptrolle.

Pocher besiegt Jauch

Dass Pocher am Ende das Kopf-an-Kopf-Rennen gegen Jauch gewann, dürfte zumindest Plasberg mit seiner vermurksten Premiere als Showmaster versöhnt haben. Der junge Kollege hatte nicht nur alle drei Bälle in ein Tor eingelocht, das von einem reflexarmen Papp-Oliver-Kahn gehütet wurde. Er war auch Erster in einer Disziplin, die der NDR noch aus der Steinzeit der Unterhaltung ins Jahr 2008 hinübergerettet zu haben schien: aufblasbare Plastikkühe melken.

Als Belohnung dafür, dass er die Regenmenge erraten hatte, die beim schlimmsten Unwetter des Jahres pro Quadratmeter niedergegangen war, bekam er auch noch eine kalte Dusche. Es war das letzte Bild von 2008, das wir aus dieser Show mitnahmen: Da standen die vier Kandidaten wie begossene Pudel in gelben Gummistiefeln und Ostfriesennerzen in ihren Duschkabinen. Und sogar der Sieger kriegte was auf den Hut – scheinbar aus Versehen.

Wenn so die neue Unterhaltungsoffensive der ARD aussieht, war diese Schüttung nur der erste Vorgeschmack darauf, was vielleicht noch kommt. Das Geld für den Texter des dazugehörigen Slogan kann sich das Erste immerhin sparen. Das Bild spricht für sich: Bei uns werden Sie kalt geduscht.

Dennoch wird die ARD Plasbergs Premiere als Quizmaster wohl als Erfolg verbuchen. Am Samstagabend erreichte der Moderator nach Senderangaben ab 20.15 Uhr 6,93 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 22,6 Prozent) und damit die höchste Einschaltquote des Abends.