Leider trifft man nur noch gelegentlich Menschen, die verrückt genug sind, unmögliche Dinge zu denken. Das Unmögliche dann auch Wirklichkeit werden zu lassen ist noch um ein Vielfaches seltener. In Berlin jedoch blitzt diese Art von kreativen Sternschnuppen immer wieder auf. Berlin ist der Ort, an dem eine besondere Energie in den Köpfen von vielen Menschen gespeichert ist – nämlich Dinge einfach mal radikal anders zu machen.
Ein Film oder ein Fernsehprogramm entsteht für gewöhnlich mit einer Kamera und einem Regisseur. Was passiert aber, wenn plötzlich 80 Alphatiere – die normalerweise ihre eigenen Projektideen filmisch umsetzen – aufmarschieren und 24 Stunden ihre Augen scharf stellen, um das Leben von Berlin zu dokumentieren? Genau das war am Anfang die Idee des Projekts: Ein Tag im Leben dieser Stadt wird von 160 Augen durchforstet. Geht das denn überhaupt? Aber ich bin schon mittendrin. Ich muss noch mal von vorn anfangen.
Vor zwei Jahren traf ich bei einem privaten Essen Thomas Kufus, Filmproduzent und Geschäftsführer von Zero One Film. Er stellte mir kurz und knapp die Projektidee vor, die ihm sein Regisseurkollege, Autor und Dramaturg Volker Heise vor kurzer Zeit zugeraunt hatte. Thomas Kufus hielt ein solches historisches Mammutprojekt zwar für schwer machbar, doch umso reizvoller erschien ihm die Herausforderung. Ich war sofort infiziert.
Von da an saßen wir beide häufiger zusammen. Die Vision von Kufus war die Filmproduktion eines einzigartigen Doku-Formats. Meine kreiste um die Frage, wie man das Medium Fernsehen in den öffentlichen Raum der Stadt übersetzen kann. Ist es möglich, das Projekt zu einem begehbaren Film machen? Wenn ja, dann wohl nur in einer Stadt, die bei der WM 2006 schon einmal bewiesen hat, dass sie sich infizieren lassen kann.
Die Aufgabe war da, jetzt ging es an die Umsetzung. Unsere Arbeitsgruppe wurde größer, die Projektdimensionen wurden brisanter. Im Kern ging es darum, einen ganz normalen Tag im Leben einer Metropole für die Nachwelt zu dokumentieren. 24 Stunden von morgens sechs bis zum nächsten Morgen um sechs. Die Gleichzeitigkeit von Ereignissen einzufangen, die Parallelwelten in einer Metropole aufzuzeigen, die Unterschiede, das Plötzliche, das schräge Geflirre, den Tod, die Verzweiflung, das Glück, Stars, Prominente und Berliner, die niemand kennt – das war die dramaturgische Herausforderung.
Es war dann fas24 Stunden Berlin t so etwas wie ein Raketenstart, als am 5.September 2008 die 80 Drehteams morgens um sechs Uhr ausschwärmten, um das Licht und die Menschen Berlins für die Nachwelt zu verewigen. In einem Jahr würde meine Lieblingsstadt für einen Tag zum Star avancieren, für 24 Stunden, für ein ganzes Fernsehprogramm. Doch Berlin erkannte die historische Stunde nicht und trug nicht einmal Make-up auf. Berlin blieb einfach Berlin.
Zwölf Monate sorgfältige Recherchearbeit waren dem Startschuss vorausgegangen. Namhafte Regisseure wie Rosa von Praunheim, Romuald Karmakar, Volker Koepp und Andres Veiel, aber auch talentierte Newcomer wie Hanna Doose, Sebastian Heidinger und Ana Felicia Scutelnicu konnten für die Mitarbeit von Zero One Film gewonnen werden. Am 5.September 2008 – auf den Tag genau ein Jahr vor der Ausstrahlung – waren sie 24 Stunden lang in Berlin unterwegs.
Wichtige Akteure der Stadt haben sich von der Idee anstecken lassen. Prominente wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann oder Daniel Barenboim, aber auch viele unbekannte Bewohner der Stadt wurden zu Protagonisten ihrer Milieus, ihrer Lebenswelten.
Zero One Film hatte ein Experiment gewagt und Arte und den RBB als Fernsehsender gewonnen, sodass morgen, am 5.September, das Programm 24 Stunden lang europaweit ausgestrahlt werden kann. Einzigartig. Ein Novum der Fernsehgeschichte. Das an sich ist schon gewaltig genug. Aber hinterm Horizont geht es eben immer auch weiter. Unsere Frage bei Triad war: Wie ergänzen sich Fernsehen und Stadtraum, was wird digital oder real passieren, und was kann Crossmedialität wirklich bedeuten?
Berlin ist in solchen Situationen ein wunderbares synergetisches Netzwerk. Wir haben früh Partner und Helfer gefunden, um eine sehr leistungsfähige und attraktive Internetplattform aufbauen zu können ( www.24hberlin.tv ). Fotografen rund um die Agentur Ostkreuz und Schriftsteller haben ein Porträt desselben Tages erstellt, das als Buch im Schuber ebenfalls ab dem 5.September 2009 erhältlich ist. Zero One Film dockte eine Live-Stream-Plattform an, auf der „24h Berlin“ im Internet mit englischen Untertiteln laufen wird ( www.theauteurs.com ). Das Projekt kann deshalb am Samstag weltweit sichtbar werden.
In Berlin avancieren mehr als 50 Orte zu Public-Viewing-Flächen. Die Kapelle der Gedächtniskirche, die „Kalkscheune“ und das „Schwarze Café“, das Sony-Center, der Platz an der Spree vor der O2 World, Mediamärkte und Saturn-Läden gehören ebenso dazu wie unser 24-Stunden-Headquarter für alle Berliner und Gäste in der Ladestraße am Technikmuseum. Letzteres wurde ermöglicht durch einen Sondereinsatz der Berliner Versorger (die Initiative Mehrwert Berlin), die sich den Geist des Projektes schnell zu eigen machten. Ein wunderbarer Parcours der Selbstbeobachtung und Berlin-Wahrnehmung am morgigen Samstag.
Die Erfahrung der unendlichen Prozesse, bis „24h Berlin – Ein Tag im Leben“ Realität werden konnte, ist in einem Zitat von Thomas Kufus verdichtet: „Ein solches Ausmaß an Material zu bewältigen heißt: abzugeben, sich auf die Kompetenzen von anderen zu verlassen, zu vertrauen. Hinter uns liegt eine logistische und personelle Kraftanstrengung – vor uns ein multimediales Experiment.“ Das Material wird reifen, die 750 Stunden Bewegtbild – archiviert von der Stiftung Deutsche Kinemathek – werden in Zukunft noch wichtiger sein als der Sendetag.
Wenn man sich zum Beispiel in 100 Jahren fragt, wie das eigentlich damals in Berlin am 5.9.2008 war: Die Menschen und wie sie gelebt haben, bleiben sichtbar. So gesehen wird „24h Berlin – Ein Tag im Leben“ zu einem lebendigen Geschichtsabriss, zu einem Archiv über den Beginn des 21. Jahrhunderts. Deshalb: „Schaut auf diese Stadt“ am morgigen Samstag, vierundzwanzig Stunden lang!
Der Autor ist Geschäftsführer der Triad Berlin Projektgesellschaft mbH





