Perlen der Fernsehunterhaltung

Der Nerd Columbo in der High Society

Mit der immer gleichen Masche und einem untrügerischen Sinn für kriminelle Energien löste Inspektor Columbo in den 70ern und 80ern die kompliziertesten Morde der Fernsehgeschichte. Dabei ermittelte der schrullige Inspektor als Außenseiter in einer Welt, zu der er niemals gehören würde.

Foto: lf/rf/kd_gk / dpa

Columbo war ein sympathischer, kauziger Kerl. Kinder hätten ihn gern als Großvater, Frauen vielleicht als Teddybär gehabt, hätte er nicht immer so nach Zigarre gestunken. Unter der knuddeligen Oberfläche war Columbo (Dienstgrad und einziger Vorname: Inspektor) alles andere als ein einfacher Geist. Ein brillanter Kriminalist, dessen Verstand um so viele Ecken denken konnte, wie sein Trenchcoat Knautschfalten hatte. Das machte ihn natürlich auch schrullig. Alles in allem war Colombo aber der ideale Zeitgenosse für einen unterhaltsamen Fernsehabend.


Ich hatte trotzdem immer ein zwiespältiges Verhältnis zu dem Inspektor. Und das nicht nur, weil seine Ehefrau unsichtbar war. Natürlich machte es immer wieder Spaß, ihn allein durch Raffinesse die ebenso raffiniert begangenen Morde arroganter Schnösel aus der Oberschicht aufzudecken zu sehen. Doch die Schnösel hatten auch mein Mitleid. Schließlich gaben sie sich doch immer soviel Mühe beim Morden!


In den ersten zwanzig Minuten einer Columbo-Folge war der Zuschauer allein mit dem Mörder. Er lernte die von üblen Machenschaften durchtränkte Welt der kalifornischen High Society kennen. Fernsehsender, Filmsets, Modenschauen, Wirtschaftsimperien: Das waren die Schauplätze, in denen Columbo ermitteln musste. Sie waren die Parallelwelt zu seinem Alltag, in dem der Inspektor ein verbeultes Auto fuhr und mit Frau und „Hund“ (so hieß Columbos Hund) ein einfaches Leben führte.

Der Größenwahn der Mörder

In den zwanzig Minuten wurde der Täter mit seinem Problem etabliert. Die Opfer waren meist nicht wirklich sympathischer als der Mörder und er hatte oft guten Grund seine Ehefrau, seinen Konkurrenten oder irgendeine raffgierige Geliebte zu beseitigen. Seinen Respekt gewann der Täter mit seinem ausgefeilten Mordplan. In Minute Zwanzig, wenn die Falle zuschlug und das Opfer etwa tot auf Satinbettwäsche oder vergiftet in einem Whirlpool lag, dachte der Zuschauer: „Halleluja, der Mörder ist zwar ein Dreckssack, aber wie er getötet hat! Diesen Fall kann niemand lösen!“

Und weil das auch der Mörder wusste, konnte er weiter unbesorgt und in Größenwahn schwelgend seinen Porsche durch Beverly Hills steuern. Doch der Zuschauer kannte jemanden, den der Mörder noch nicht kannte: Columbo trat auf den Plan und hängte sich mit seiner immer gleichen Masche gespielter Trotteligkeit an den (instinktiv erkannten) Täter dran. Er verließ sich darauf, unterschätzt zu werden und bewegte so den Bösewicht dazu, ihm versehentlich einen Beweis für seine Schuld zu liefern.

"Mein Neffe interessiert sich für so etwas..."

Und hier liegt mein Zwiespalt: Ich hatte immer das Gefühl, Columbo aus dem eigenen Alltag zu kennen. Er erinnerte mich an die Nerds aus der Schule, die auf Klassenfahrt nicht bei den heimlichen Trinkspielen mitmachen durften, weil sie einen sonst an den Lehrer verpetzt hätten. Trotzdem platzen sie ständig ins Zimmer und stellten nervige Fragen, bis sie durch einen dummen Zufall den mühsam ins Zimmer geschmuggelten Alkohol entdeckten. Und uns natürlich verpfiffen.

Für Columbo war es wohl ein ähnlicher Genuss, die reichen Leute zu entmachten, deren technische Spielereien er mit ehrlichem Interesse bestaunte. In einer Folge etwa ein Autotelefon, das Ende der 70er noch eine Sensation war. „Mein Neffe interessiert sich für so etwas...“ sagte er dann immer. Columbo trieb sich beruflich in einer Welt herum, zu der er niemals gehören würde. Aber über die er im Kosmos des Kriminalfalls die heimliche Kontrolle hatte.


Überführt wurde der Mörder anhand lächerlicher Kleinigkeiten, auf die er selbst niemals hätte achten können und die einem realen Kommissar wohl auch nie aufgefallen wären: Waschzettel, Zigarrenschneider, ein vermeintlich unbedeutender Versprecher in einem unbedarften Small-Talk mit dem Inspektor. Die mühsam erdachten Mordpläne brachen nach neunzig Minuten Krimifolge wegen dem Schmetterling zusammen, der mit einem Flügelschlag eine Indizienkette auslöst.


Der Unterschied zwischen Columbo und den Nerds auf Klassenfahrt: Während die Nerds für ihre Petzerei von den Mitschülern bestraft wurden, erntete der Inspektor immer Respekt von den Überführten. So wurde er am Ende jeder Folge doch noch ein anerkannter Teil ihrer Welt.

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