E. L. Doctorow

Marsch, marsch in den Bürgerkrieg

Der Schriftsteller E. L. Doctorow hat den großen Roman "Der Marsch" über den amerikanischen Bürgerkrieg geschrieben.

Der Krieg ist ein Heer, das marodierend und brandschatzend durch die Landschaft zieht, ein gewaltiger Organismus mit blinden Tentakeln und einem winzig kleinen Hirn: General William Tecumseh Sherman. So schildert E. L. Doctorows Roman "Der Marsch" den amerikanischen Bürgerkrieg mit Blick auf eine seiner berühmtesten und unrühmlichsten Erscheinungen: Shermans siegreiche Politik der verbrannten Erde, umgesetzt 1864/65 mit 62 000 Soldaten in Georgia, North und South Carolina.

Der Roman liest sich wie ein Literatur gewordenes Historiengemälde. Am einen Ort wird gekämpft, am andern gestorben, hier gerastet, dort gehurt, und im Hintergrund brennen Häuser. Manche Bildausschnitte erinnern an Filme wie "Vom Winde verweht" oder "Ride with the Devil", andere führen Daguerrotypien aus der Zeit vor Augen: die ernsten Mienen, die steifen Posen der Fotografierten. Dieses Treibgut von Bildern aus 150 Jahren kennt Doctorow, arbeitet damit, stellt Szenarien in neues Licht, zurrt Fäden auf, wendet die Stoffe und quiltet daraus die kunstvolle Flickendecke eines Ungeheuers.

Doctorow ist einer der zugänglichsten Vertreter der literarischen Postmoderne. Der Sammelbegriff umfasst einige der bedeutendsten und der spleenigsten Autoren Amerikas: Burroughs und Pynchon, Brautigan und Federman, Barth und Donald Barthelme. Ihr Manifest war die "Literatur der Erschöpfung", der Tod des Romans, den John Barth vor 40 Jahren ausrief, ihre Helden waren Autoren wie Jorge Luis Borges und Romane wie Laurence Sternes "Tristram Shandy", von dem Zeitgenosse Samuel Johnson erklärte: "Was schräg ist, hält nicht lange." Wer liest heute freiwillig Johnson? Der Shandyismus dagegen will und will nicht vergehen.

Doctorows bekanntester Roman ist "Ragtime" von 1975, dessen delirierender Eigensinn die Verfilmung von Milos Forman nicht einzufangen vermochte. Fetzen und Fragmente von Lebensbildern aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts vermengen sich zu einem bruchlosen Ganzen, weniger Erzählung als vibrierender Puls einer Zeit. "Ragtime" bewegt sich in einem Freiraum zwischen Fiktion und Historie, belauscht historische Figuren bei intimen Gesprächen, schiebt Millionäre und Bettler wie Schachfiguren über das Romanbrett. Die Stimme der Erzählung nennt Doctorow "pseudo-historisch-pedantisch". In "Der Marsch" begegnen wir ihr wieder.

Wenige Bücher rücken dem Krieg näher auf den Leib - dem Krieg, nicht dem Krieger. Die Schilderungen von Shermans Heereszug erinnern an eine Schlammlawine in Zeitlupe, aus der hier und da ein Schicksal aufblitzt - ein tapferer Leutnant, ein angstvoller Major. Oft sterben Figuren, als der Leser sie gerade ins Herz schließen wollte. Meist wissen weder sie noch irgendjemand sonst, wofür dieser Tod gut sein sollte. Andere können nicht sterben, weil ihr Überleben historisch verbrieft ist.

General Shermans Verhalten, halb von Sinnen über den Tod seines Kindes, mit eigenartigen Gedanken mitten in der Raserei seiner Leute, gleicht dennoch in nichts der Art, wie sich Generäle in Romankriegen verhalten. Selbst Präsident Lincoln, dessen übermächtige Gestalt bis heute jeden späteren Präsidenten in seine Schranken weist, zeigt sich beim ersten Auftritt in "Der Marsch" in banalstem Licht: "Momentweise trug der Präsident Züge einer alten Frau, die den Krieg fürchtet und daran verzweifelt, dass er niemals enden könnte ..."

Sentimentalität verrät Doctorow, was das Schwemmgut des Heeres betrifft, die Frauen, die freigelassenen Sklaven, die Deserteure. Zwar gibt es keine wahrhaft bösen Charaktere in diesem Roman. Über unschuldig Verstrickte hält der Autor jedoch seine schützende Hand. Da ist Pearl, das Sklavenmädchen mit der weißen Haut, das sich als Trommeljunge Sherman anschließt. Da ist Emily, die höhere Tochter, die sich als Krankenschwester verdingt, da sind der freigelassene Coalhouse Walker und seine resolute Freundin Wilma, die in den Norden ziehen, um einen tragischen Helden für "Ragtime" zu zeugen. Der Krieg hebt die soziale Ordnung aus den Angeln. Die einen gehen unter, die andern finden über ihn erst den Zugang zum amerikanischen Traum.

Der Bürgerkrieg wirkt in "Der Marsch" mehr wie fehlgeleitete Natur als morsch gewordene Kultur. Für den aktuellen Krieg seines Landes findet Doctorow jenseits der Fiktion deutliche Worte. Präsident Bush schimpfte er 2004 in einer Rede vor der Abschlussklasse der Hofstra University einen schlechten Geschichtenerzähler: "Die Geschichten sind schlecht, weil sie nicht wahr sind ... auf ihrer Grundlage sind wir in den Krieg gezogen."

Die Studentenschaft reagierte mit Buhrufen, konservative Kolumnisten nannten Doctorow einen "langweiligen alternden Liberalen". Alt sind die liberalen Literaten inzwischen, die sich einst, vor dem Hintergrund eines anderen Krieges, in das Unternehmen Postmoderne stürzten, aber langweilig? Dieser Leseherbst hat kein verheißungsvolleres Abenteuer zu bieten als "Der Marsch".

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