So düster war er gar nicht. Franz Kafka (1883 bis 1924), für viele Leser immer noch vor allem als Schöpfer dunkel drohender Parallelwelten ein Begriff, war ein Kind seiner Zeit. Auch wenn man ihn nicht ohne Weiteres mit der schillernden Belle Époque der vorletzten Jahrhundertwende verbinden mag: Er gehörte ebenso zu ihr wie seine mondäneren Kollegen Thomas Mann oder Robert Musil.

Und er hat von den Vorzügen dieser Epoche, sofern sie ihm finanziell erreichbar waren, ungeniert Gebrauch gemacht. Von der Forschung bisher wenig zur Kenntnis genommen, hat nun erstmals ein Germanist herausgearbeitet, wie Kafka gereist ist. Das tat der Autor gern und viel.

Hartmut Binder hat vor allem Kafkas Reisen vor dem Ersten Weltkrieg in den Süden, nach Oberitalien und in die Schweiz, akribisch rekonstruiert. Da Kafkas Reisenotizen nicht so ergiebig sind, ist der renommierte Kafka-Forscher Umwege gegangen. Er hat Fahrpläne und Stadtpläne gewälzt, Reiseprospekte und Hotelbroschüren ausgewertet. Er ist den Spuren von Kafkas Reiseeindrücken im Werk nachgegangen und zieht die von ihm gesammelten Andenkenpostkarten heran.

Ein Universum der Eindrücke

Ohnehin ist das Buch überreich an historischem Bildmaterial. Auf diese Weise ist ein Band herausgekommen, der ein Universum der Eindrücke aufzeigt, mit denen Kafka als das erscheint, was er eben auch vor allem für seine Freunde wie den zeitweiligen Reisegefährten und späteren Kafka-Herausgeber und -Biografen Max Brod war: ein neugieriger, unternehmungslustiger Mensch. Kafka liebte es, Eisenbahn zu fahren und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen.

Seine Ziele waren alles andere als unkonventionell, Kafka zog es in dieselben Orte wie die meisten Touristen seiner Zeit: in die Schweizer Alpen, nach München und Mailand, vor allem auch an den Gardasee, den er gleich zweimal besuchte (1909 und 1913). Kafka unterschied sich von den anderen Urlaubern jedoch dadurch, dass er sie als "Knipser" verspottete und statt Fotos zu machen seine Beobachtungen schriftlich niederlegte.

Aber sonst tat er, was alle taten: Er besichtigte Kirchen und Schlösser, ließ Beine und die Seele baumeln, planschte und badete, auch wenn das stets ein Kampf mit der Scham war, denn Kafka war mager und zeigte seinen schmächtigen Körper nicht gern in Badehose.

Künstlertreff bei einer Flugschau 1909 in Brescia

Zweimal hat er zusammen mit Max Brod dann doch etwas Ausgefalleneres unternommen: 1909 machte er von Riva aus eine Exkursion zur Flugschau nach Brescia, nahm an einem technischen Großereignis teil, zu dem sich die gesamte Gesellschaft versammelte samt berühmten Künstlerkollegen wie Puccini und Gabriele d'Annunzio.

Und 1911 suchten die beiden jungen Männer ihr Glück in einem Mailänder Edelbordell. Doch die Atmosphäre war anders, als sie sie von solchen Etablissements in der Heimatstadt Prag kannten, unpersönlich und kühl. So verließen die beiden das "al vero Eden" unverrichteter Dinge. "Wir rührten kein Mädchen an, sprachen nicht einmal mit einer", notierte Brod enttäuscht.

Am meisten Spaß gemacht zu haben scheint es Kafka jedoch, ganz allgemein unterwegs zu sein und sich den Eindrücken des Neuen hingeben zu können, "ein im Blitzzug allein reisendes Kind zu werden, um das sich der vor Eile zitternde Waggon anstaunenswert im Allergeringsten aufbaut wie aus der Hand eines Taschenspielers". Das Heraustreten aus dem Gewohnten, das gab den Kick.